Wenn eine OP-Komplikation zur Karrierekrise wird20. März 2026 Bild: Robert Kneschke – stock.adobe.com Die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) sieht den Nachwuchs im Fach durch „Second Victims“-Erfahrungen bedroht – das heißt, wenn Chirurgen nach unerwarteten OP-Komplikationen oder Behandlungsfehlern unter anhaltenden psychischen oder körperlichen Folgen leiden. Daher fordert sie verbindliche Unterstützungangebote in Klinken einzurichten. Schwere Unfälle, starke Blutungen, Darmverschluss, Magendurchbruch oder ein geplatztes Aneurysma – in der Chirurgie müssen Ärztinnen und Ärzte häufig unter extremem Zeitdruck entscheiden: Operieren oder nicht? Und wenn ja: wann und wie? Selbst bei größter Sorgfalt lassen sich Komplikationen nicht immer vermeiden – von schweren Infektionen bis hin zum Tod von Patientinnen und Patienten. Doch auch ohne Fehler kann der Ausgang einer Behandlung emotional belastend sein, etwa wenn ein schwer verletzter Mensch trotz aller Bemühungen nicht gerettet werden kann. Die Folgen: Viele Ärztinnen und Ärzte leiden nach solchen Ereignissen unter Angst, Schuldgefühlen und Schlafstörungen, manche denken sogar über einen Berufswechsel nach, erläutert die DGCH im Vorfeld des Chirurgie Kongresses (DCK 2026) vom 22. bis 24. April in Leipzig, auf dem das Thema „Second Victims“ in mehreren Sessions aufgegriffen wird. Belastung ist die Regel, nicht die Ausnahme Dass solche Situationen im chirurgischen Alltag häufig vorkommen, zeigt eine Studie unter Viszeralchirurginnen und -chirurgen an 35 deutschen Universitätskliniken: 91,7 Prozent der Befragten hatten bereits schwerste Komplikationen bei Patientinnen und Patienten miterlebt (Clavien-Dindo Grad IV oder V). Die meisten berichteten anschließend über starke emotionale Belastungen wie Trauer, Wut oder Schuldgefühle. Gleichzeitig boten nur 17 Prozent der Kliniken strukturierte Unterstützungsangebote für betroffene Ärztinnen und Ärzte an. In Einrichtungen ohne solche Programme wünschten sich 72 Prozent professionelle Hilfe1. Auch internationale Daten belegen die Dimension des Problems. Eine Meta-Analyse von 36 Studien, veröffentlicht 2026 im British Journal of Surgery, zeigt: 56 Prozent der Chirurginnen und Chirurgen berichten nach belastenden Ereignissen über Angst, 54 Prozent über Schuldgefühle und rund die Hälfte über Schlafstörungen. Fast jede bzw. jeder Fünfte denkt anschließend über einen Berufswechsel nach2. Besonders betroffen sind jüngere und weniger erfahrene Ärztinnen und Ärzte – also jene Generation, auf die das Fach dringend angewiesen ist. Nachwuchs sichern – Belastungen ernst nehmen „Chirurgie ist Hochleistungsmedizin unter maximaler Verantwortung. Wenn junge Kolleginnen und Kollegen nach schweren Komplikationen mit ihren Belastungen allein bleiben, verlieren wir Talente – und verschärfen den ohnehin bestehenden Nachwuchsmangel“, erklärt DGCH-Generalsekretär Prof. Thomas Schmitz-Rixen. Denn die Chirurgie konkurriere mit anderen Disziplinen, die oft planbarere Arbeitszeiten und geringere Haftungsrisiken bieten. Der Handlungsdruck wächst auch aus demografischen Gründen: Ende 2024 waren laut Bundesärztekammer 41.839 Ärztinnen und Ärzte mit der Gebietsbezeichnung Chirurgie registriert, mehr als ein Viertel der Fachärztinnen und Fachärzte ist über 60 Jahre alt. Strukturelle Unterstützung statt individueller Bewältigung „Second Victim ist kein individuelles Problem mangelnder Resilienz“, so Prof. Roland Goldbrunner, DGCH-Präsident 2025/2026 und Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie und geschäftsführender Direktor des Zentrums für Neurochirurgie am Universitätsklinikum Köln. „Es ist eine Frage der Organisationskultur.“ Die DGCH fordert deshalb, strukturierte Debriefings nach belastenden Ereignissen sowie niedrigschwellige psychologische Unterstützungsangebote in Kliniken verbindlich zu etablieren. Auch eine feste Verankerung des Themas in der chirurgischen Weiterbildung ist der Fachgesellschaft ein Anliegen. „Patientensicherheit und stabile Teams gehören zusammen“, betont PD Dr. Matthias Mehdorn, viszeralchirurgischer Oberarzt am Universitätsklinikum Leipzig und Autor der deutschen Studie. „Wir müssen genauso viel Wert legen auf die psychische Gesundheit der Operierenden wie auf die technische Sicherheit unserer Instrumente.“ Literatur: Mehdorn M. et al. The psychological burden of major surgical complications in visceral Surgery. Langenbecks Arch Surg 2024;409:255. https://doi.org/10.1007/s00423-024-03447-0 James B. et al. Second victim syndrome in surgeons: systematic review and meta-analysis of the impact of adverse events on surgeons. BJS 2026;113(1):znaf258. https://doi.org/10.1093/bjs/znaf258
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