Wenn Herzzellen nicht mehr „zuhören“

Ist das Herzgewebe gesund, „schwatzen“ die Zellen ausgiebig mit ihren Nachbarn – in alten und kranken Herzen scheint das nicht mehr gut zu funktionieren. | Copyright: Eigene Illustration im Rahmen der Forschungsarbeit.

Herzgewebe besteht aus verschiedenen Zelltypen. Ist das Gewebe gesund, „schwatzen“ die Zellen ausgiebig mit ihren Nachbarn, indem sie über Rezeptoren und Liganden Informationen austauschen. In alten und kranken Herzen scheint das allerdings nicht mehr gut zu funktionieren.

Ein junges Forschungsteam aus Frankfurt ist der gestörten Kommunikation zwischen Herzmuskelzellen und Endothelzellen mittels Einzelzellsequenzierung auf die Spur gekommen. Seit rund fünf Jahren arbeiten Forscher weltweit daran, mithilfe der Einzelzellsequenzierung einen Zellatlas des menschlichen Organismus zu erstellen. Mit der Methode lassen sich Zelltypen anhand ihres Genexpressionsmusters unterscheiden

Wenn sich gesunde Zellen aus unterschiedlichen Geweben in den Expressionsmustern unterscheiden, müsste dies auch bei gesunden und kranken Zellen desselben Gewebes der Fall sein, überlegten sich die Frankfurter Forscherinnen und Forscher. Sie untersuchten deshalb die Herzscheidewand von Patienten, die eine neue Aortenklappe bekommen hatten. Eine undichte Aortenklappe überlastet den Herzmuskel, wodurch die Herzzellen hypertrophieren. Die Forscher bekamen Biopsien von hypertrophem Septum direkt aus dem OP der Herzchirurgie der Frankfurter Uniklinik.

Mittels der Einzelzellsequenzierung ordneten sie die Zellen zunächst den für Herzgewebe typischen Zellarten zu, etwa Herzmuskelzellen, Bindegewebszellen, Endothelzellen und Immunzellen. Dann bestimmten sie für jede Zellart die Expression weiterer Gene und verglichen diese mit einem Datensatz aus gesundem Herzgewebe, den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem Wellcome Sanger Institut in „Nature“ veröffentlicht hatten.

„Dabei fiel uns auf, dass Herzmuskelzellen im kranken Herzen deutlich weniger mit anderen Zelltypen kommunizieren. Besonders wurden wir auf das Gen für den Rezeptor EPHB1 aufmerksam, da es in den kranken Herzzellen nur sehr gering exprimiert war, das heißt, er hatte seine Arbeit quasi eingestellt“, sagt Erstautorin der Studie Simone-Franziska Glaser vom Institut für kardiovaskuläre Regeneration am Klinikum der Johann Wolfgang Goethe-Universität. Laut der wissenschaftlichen Literatur tauscht EPHB1 Signale mit einem Liganden namens EFNB2 aus. Letzterer sitzt hauptsächlich auf Endothelzellen. Die Hypothese der Forscher: Die Herzmuskelzellen „hören“ nicht mehr, was die Endothelzellen „zu sagen“ haben und das bekommt ihnen nicht.

Ihre Hypothese bestätigten die Forscher in Zellmodellen: War der EPHB1-Signalweg künstlich gestört, weil die Endothelzellen kein EFNB2 bilden konnten, stresste das die Herzmuskelzellen. Sie schlugen (kontrahierten) langsamer und vergrößerten sich krankhaft. Hatten die Herzmuskelzellen Kontakt mit ausreichend EFNB2, blieben die Zellen normalgroß und schlugen im richtigen Tempo.

„Wir freuen uns, dass wir diesen Mechanismus erstmals beschreiben konnten“, sagt Glaser. Ihr Team will die Sequenzdaten nun noch tiefer analysieren und auch andere Teile des Herzens und andere Schweregrade der Herzhypertrophie untersuchen. „So lernen wir zu verstehen, wie eine Herzmuskelvergrößerung entsteht und wodurch sie sich verschlechtert – immer mit dem Ziel, eine Therapie für das kranke Herz zu entwickeln“, sagt sie.