Wie fruchtbar war der Mensch in den vergangenen 200 Jahren?

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Auch vor Jahrhunderten steuerten Hormone Fortpflanzung und Stillen. Nach der langen Zeit ist es aber sehr schwierig, den Hormonmix posthum in den menschlichen Knochen festzustellen. Dazu forscht nun ein interdisziplinäres Team der Universität Bonn.

Wie ein Mensch wächst und altert, verläuft in einem komplexen Wechselspiel zwischen Körper und äußeren Reizen. Der jeweilige Hormonmix bestimmt über Meilensteine des Lebens wie Fortpflanzung, Schwangerschaft, Stillen und Wechseljahre. Verschiedenste menschliche Kulturen haben sich in etlichen Generationen an diesen Verlauf angepasst, indem sie ihre Umgebung entsprechend ihres Entwicklungsschritts anpassten: eine Art „Nischen“ schufen für den Start des Lebens, Stillen und Fortpflanzung, erklären die Forscher um Juniorprofessorin Alice Toso von der Universität Bonn.

Nischen im Fokus

Archäologen können teils die Faktoren rekonstruieren, die dazu beigetragen haben, solche ökologischen und physiologischen Nischen zu schaffen. „Bislang war es jedoch schwierig, anhand von Skeletten zu entschlüsseln, wie es etwa um Fruchtbarkeit, Fortpflanzung oder Alterungsprozesse stand“, berichtet Toso. Der Hormonstatus in Form von Steroidkonzentrationen in den Knochen könnte hier weiterhelfen. Doch wie soll das gelingen?

„Die Überwindung dieses Hindernisses würde die Erforschung der individuellen Entwicklung in der Menschheitsgeschichte erlauben“, so Toso, die auch Mitglied in den Transdisziplinären Forschungsbereichen „Life & Health“ sowie „Present Pasts“ an der Universität Bonn ist. Damit ließe sich die Widerstandsfähigkeit der Menschen vor Jahrhunderten sowie die damaligen Wechselbeziehungen mit ihrer Umwelt nachvollziehen.

Welche Auswirkungen hatte das Stillen auf den Hormonzyklus und die Fruchtbarkeit? Wie tödlich verliefen Geburten? Wann waren Frauen damals in der Menopause? Wie wirken sich Umwelt und historisches Umfeld auf die Reproduktion aus? „Auf all diese Fragen gibt es bisher keine zufriedenstellenden Antworten“, sagt Toso. „Wir wissen nicht genau, wie viele Frauen bei Entbindungen gestorben sind, wann die Menopause eingetreten ist und ob sich der Zeitpunkt im Lauf der Jahrhunderte verändert hat.“ Studien über moderne Bevölkerungen deuten darauf hin, dass Umwelt-Stressoren bei der menschlichen Entwicklung und Fortpflanzung eine große Rolle spielen. War das vor Jahrhunderten genauso?

In dem Projekt wollen die Forschenden drei Schwerpunkte untersuchen: die Auswirkungen von Schwangerschaften auf die Überlebensraten, den Einfluss des Stillens auf die Fruchtbarkeit und wie die Hormonprofile in den unterschiedlichen Lebensstadien variierten. Toso will zusammen mit jungen Forschenden aus verschiedenen Disziplinen und dem Bonn Center for ArchaeoSciences zuverlässige Methoden entwickeln, wie sich direkt die Hormonkonzentration in den Jahrhunderte alten menschlichen Knochen bestimmen lässt.

„Pioneering Research – Exploring the Unknown“ heißt die Förderlinie, in der die VWStiftung das Projekt in den nächsten vier Jahren mit fast 1,4 Millionen Euro fördert.