Wie KI die Gesundheitsversorgung verändert

Künstliche Intelligenz hat das Potenzial, die Gesundheitsversorgung grundlegend zu verändern. Doch Deutschland scheint noch nicht bereit für den Schritt. (Symbolbild: © elenabsl/stock.adobe.com)

Künstliche Intelligenz (KI) ist längst Teil des medizinischen Alltags, unterstützt Patientinnen und Patienten ebenso wie Ärztinnen und Ärzte. Doch mit der nächsten Generation, KI-Agenten, könnte sie bald deutlich mehr leisten – und die Gesundheitsversorgung revolutionieren. Sind wir bereit für diese Veränderung?

von Dr. Lena Johannes

KI ist längst keine Zukunftsvision mehr, sondern prägt bereits heute den medizinischen Alltag – von der Patienteninformation bis zur Hilfestellung für Ärztinnen und Ärzte. Auf einer Veranstaltung zum Thema „Wie künstliche Intelligenz die Gesundheitsversorgung radikal verändern wird“ wurde deutlich: Während KI schon heute konkrete Anwendungen ermöglicht, liegt ihr größtes disruptives Potenzial in Systemen, die künftig eigenständig medizinische Prozesse unterstützen könnten.

Von der Informationshilfe zum klinischen Werkzeug

Aus Patientensicht kann KI vor allem helfen, die enorme Informationsflut nach einer Diagnose zu strukturieren. Die Brustkrebspatientin und Patientenvertreterin Alexandra von Korff schilderte, wie überfordernd die Situation unmittelbar nach der Diagnose sei und wie KI hier neue Möglichkeiten eröffnet. Sprachmodelle könnten Befunde verständlich erklären, medizinische Begriffe übersetzen und Patientinnen und Patienten helfen, sich gezielter auf Arztgespräche vorzubereiten.

Dies ermögliche informiertere Gespräche und unterstütze das Shared Decision Making. Gleichzeitig betonte sie die Grenzen: KI könne ärztliche Expertise und Empathie nicht ersetzen, sondern sei ein Werkzeug zur Orientierung. Zudem bestehe die Gefahr einer digitalen Kluft zwischen Patientinnen und Patienten, die solche Technologien nutzen können, und denen, die keinen Zugang dazu haben.

Auch im ärztlichen Kontext sind KI-basierte Systeme längst relevant. Machine-Learning-Modelle werden beispielsweise eingesetzt, um klinische Studien effizienter zu gestalten. Ein vorgestellter Ansatz nutzt historische Studiendaten, um vorherzusagen, welche Studienzentren besonders erfolgreich Patientinnen und Patienten rekrutieren werden. Durch solche prädiktiven Modelle könnten Studien schneller abgeschlossen und Innovationen früher verfügbar werden. Entscheidend sei jedoch, so der Referent Dr. Fabian Kreimendahl, KI nicht als Selbstzweck einzusetzen, sondern gezielt dort, wo sie einen konkreten Mehrwert bietet.

Generative KI übertrifft in Tests bereits ärztliche Leistungen

Die derzeit tiefgreifendste Veränderung geht von generativer KI aus, insbesondere von großen Sprachmodellen wie Chatbots. Diese basieren auf sogenannten Foundation Models, also neuronalen Netzwerken, die mit enormen Datenmengen trainiert wurden und medizinisches Wissen in einem breiten Kontext anwenden können.

Aktuelle Studien zeigen, dass solche Systeme bei strukturierten medizinischen Aufgaben – etwa der Interpretation komplexer Fallbeschreibungen oder diagnostischer Fragestellungen – inzwischen Ergebnisse erzielen, die mit denen von Ärztinnen und Ärzten vergleichbar oder sogar überlegen sind. Gleichzeitig bleibt der klinische Alltag deutlich komplexer als standardisierte Tests, da er neben Faktenwissen auch Erfahrung, Kontextverständnis und ärztliche Verantwortung erfordert.

Vor diesem Hintergrund hat die European Society for Medical Oncology im Oktober vergangenen Jahres erstmals Leitlinien zum Einsatz großer Sprachmodelle in der Onkologie veröffentlicht. Diese unterscheiden zwischen patientenorientierten Chatbots, Anwendungen für medizinisches Fachpersonal und administrativen Assistenzsystemen. Ziel ist es, den sicheren und sinnvollen Einsatz dieser Technologien in der Versorgung zu unterstützen.

KI-Agenten könnten klinische Abläufe grundlegend verändern

Das größte Transformationspotenzial für die zukünftige Gesundheitsversorgung liegt jedoch in der nächsten Entwicklungsstufe, den sogenannten KI-Agenten. Diese Systeme gehen über klassische Chatbots hinaus, indem sie eigenständig Aufgaben ausführen können, wie beispielsweise medizinische Informationen recherchieren, Daten analysieren oder Software bedienen.

In der Onkologie könnten solche Systeme künftig beispielsweise Funktionen eines Tumorboards unterstützen. Sie wären in der Lage, klinische Befunde, Bildgebung, molekulargenetische Daten und aktuelle Studien gleichzeitig auszuwerten und Therapieoptionen vorzuschlagen. Erste experimentelle Systeme zeigen, dass dies technisch bereits möglich ist.

Auch in der Forschung werden solche KI-Agenten zunehmend eingesetzt, etwa bei der Analyse komplexer Datensätze oder der Entwicklung neuer Wirkstoffe. In anderen Bereichen, wie der Softwareentwicklung, haben sie bereits zu grundlegenden Veränderungen geführt. Wo früher 90% eines Codes von Menschenhand geschrieben wurde, übernimmt heute 90% der KI-Agent.

Die größte Herausforderung ist nicht die Technik, sondern ihre Integration

Ein zentrales Ergebnis der Veranstaltung war jedoch, dass die technologische Entwicklung schneller voranschreitet als ihre Integration in die Versorgung. Viele Gesundheitssysteme verfügen noch nicht über die notwendige digitale Infrastruktur, und auch Fragen der Regulierung, Finanzierung und Verantwortung sind vielfach ungeklärt.

Damit KI ihr Potenzial entfalten kann, müssen daher nicht nur technische, sondern vor allem strukturelle Voraussetzungen geschaffen werden. Gleichzeitig bleibt klar: KI wird die ärztliche Rolle verändern, aber nicht ersetzen. Vielmehr könnte sie Ärztinnen und Ärzte künftig von administrativen Aufgaben entlasten und sie stärker in ihrer Kernkompetenz unterstützen, der individuellen Versorgung ihrer Patientinnen und Patienten.

Der Referent Prof. Jakob Nikolas Kather von der Technischen Universität Dresden unterstrich dabei die Bedeutung einer offiziellen Implementierung und Ausbildung: „Jede Ärztin und jeder Arzt braucht ein Grundverständnis von KI – so wie ein Stethoskop.“ Nur wer die Möglichkeiten und Grenzen der Technologie verstehe, könne sie sicher und effektiv einsetzen – sowohl im Kontakt mit Patientinnen und Patienten als auch in der klinischen Entscheidungsfindung.

Vielerorts auf der Welt wird KI bereits aktiv genutzt: In den USA haben große Kliniken schon letztes Jahr AI-Scribes eingeführt, die Arzt-Patienten-Gespräche automatisch transkribieren und direkt in das elektronische Informationssystem einspeisen. So weit sind wir hier in Deutschland noch bei weitem nicht. Doch Prof. Kather betonte auch: „30 % der Patienten benutzen ChatGPT, 50 % der Hausärzte – alle nutzen es. Das Problem ist: Sie benutzen es alle in einem Schattenmarkt auf ihren eigenen Geräten, weil wir es nicht schaffen, die Gesundheitsinfrastruktur auf ein modernes Niveau zu bringen.“ Dies zeigt eindrücklich, dass KI längst im medizinischen Alltag angekommen ist. Umso wichtiger ist es, sie strukturiert zu integrieren und in die Ausbildung einzubinden, damit Ärztinnen, Ärzte sowie Patientinnen und Patienten gleichermaßen davon profitieren.

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Quellen Schnittstellen-Sitzung: „Wie künstliche Intelligenz (KI) die Gesundheitsversorgung radikal verändern wird“, DKK, 18.02.2026