Wie lassen sich die Impfquoten in Deutschland steigern?

In Deutschland sind die Impfquoten in allen Altersgruppen zu niedrig. (Foto: © Ratana21 – stock.adobe.com)

Nach jahrzehntelangen Verbesserungen zeigten die Impfquoten bei Kinderimpfungen in vielen EU-Ländern zuletzt überwiegend stagnierende oder rückläufige Trends. Auch in Deutschland gibt es deutliche Impflücken – in allen Altersgruppen. Ein verbesserter Zugang zu Impfungen könnte die Impfquoten erhöhen, allerdings ist unklar, welcher Weg hier besonders wirksam ist.

Wer in Deutschland geimpft werden möchte, muss meist aktiv eine Praxis aufsuchen. Oder das medizinische Personal macht bei Gelegenheit ein Impfangebot. In beiden Varianten können Impfungen aber relativ schnell übersehen werden.

Viele andere europäische Länder haben hingegen strukturierte Impfangebote, die Wirkung zeigen, zum Beispiel gegen Humane Papillomviren (HPV). In Ländern mit Schulimpfungen und Impferinnerungen ist die HPV-Impfquote nachweislich höher, während sie in Deutschland Experten zufolge „suboptimal“ ist. „Ein Blick ins RKI-Impfquotenmonitoring belegt, dass zum Beispiel die HPV-Impfraten für Mädchen (55 %vollständig) und für Jungen (36 % vollständig) noch weit hinter den empfohlenen Zielen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zurückbleiben“, erklärt Dr. Sarah Eitze, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Universität Erfurt.

„Niedrigschwellige Impfangebote, etwa in Schulen, sind eine wichtige Stellschraube, um die HPV-Impfquoten zu erhöhen. Sie können Zugangsbarrieren abbauen und insbesondere Bevölkerungsgruppen erreichen, die bestehende Impfmöglichkeiten bislang nicht ausreichend nutzen. Kurzfristig bietet zudem die stärkere Einbindung der HPV-Impfung nicht nur in die U10-, sondern auch in die U11- und J1-Untersuchungen eine realistische Möglichkeit, mehr Kinder und Jugendliche rechtzeitig zu erreichen. Die Kombination aus frühzeitiger Ansprache und einfach wahrnehmbaren Impfgelegenheiten ist ein wichtiger Baustein zur Schließung bestehender Impflücken“, ist Dr. Nobila Ouédraogo, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stabsstelle Krebsprävention am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg, überzeugt.

Apothekenimpfungen als Ersatz für den Pieks beim Hausarzt

Daneben gibt es weitere Ansätze für andere Altersgruppen, Impfungen leichter verfügbar zu machen: Apothekenimpfungen sind praktisch im Alltag und erreichten zuletzt Menschen, die sich sonst nicht hätten impfen lassen. „Regelmäßige Auffrischimpfungen von Totimpfstoffen wie zum Beispiel gegen Frühsommer-Meningoenzephalitis, Influenza, Tetanus und Keuchhusten und die COVID-19-Impfung können meines Erachtens gut in Apotheken verabreicht werden. Auch Ausbildungsstätten und Arbeitsplätze sind hierfür bestens geeignet und können helfen, Impflücken in der Allgemeinbevölkerung zu schließen“, ist PD Dr. Linda Sanftenberg, Leiterin der Arbeitsgruppe Impfen und Prävention am Institut für Allgemeinmedizin des Klinikums der Universität München (LMU) überzeugt. Aufsuchende Angebote wie Impfbusse hält die Medizinerin hingegen für wenig kosteneffektiv. Zudem ermöglichten sie kein konstantes oder nachhaltiges Angebot.

Vor allem zwei Zielgruppen könnten von Apothekenimpfungen profitieren, erklärte Dr. Sarah Eitze, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Universität Erfurt. „Da in unserer Umfrage im vergangenen Jahr circa 25 Prozent der jungen Erwachsenen zwischen 18 und 26 Jahren angaben, keine Hausärztin oder Hausarzt zu haben, könnten Apotheken als vertraute Orte medizinischer Beratung bei dieser Zielgruppe einen großen Hebel darstellen. Aber auch die Zielgruppe der über 60-Jährigen ist noch öfter in der Apotheke als bei Ärzten. So könnte das Angebot in Apotheken auch dazu führen, dass Menschen über 60 Jahren an Impfungen erinnert werden und den Termin dafür aktiv bei ihren Ärzten ausmachen.“

Reminder vom Hausarzt besonders wirksam

Wirkung zeigt außerdem, Menschen regelmäßig an fällige Impfungen zu erinnern. Neben elektronischen App-Benachrichtigungen und Briefen von Krankenkassen könnten auch Praxen an ihre Patientinnen und Patienten schreiben – allerdings mit erhöhtem Aufwand im Praxisalltag.

„Dass Reminder helfen, ist lange bekannt, besonders wenn sie von der bekannten hausärztlichen Praxis versandt werden. Hier spielt das Vertrauen und die lange Arzt-Patienten-Perspektive eine entscheidende Rolle. Die elektronische Patientenakte kann hier eine wichtige Rolle spielen, solange die Datenhoheit beim Patienten und den An- und Zugehörigen bleibt“, erklärt Sanftenberg, die selbst zu digitalen Sprachassistenten für die telefonische Impfberatung forscht.

„Digitale Sprachassistenten können neben einer Erinnerung zudem auch auf individuelle Fragen und Sorgen eingehen und mit patientenzentrierter Kommunikation die subjektive Impfbereitschaft deutlich verbessern. Hier setzt auch unser Projekt an: Durch eine sehr empathische und aufsuchende Impfaufklärung per Telefon verbessert sich nicht nur die Impfbereitschaft der Patienten, auch die Impfquoten können bei Über-60-Jährigen verbessert werden.“