Wie neugeborene Nervenzellen aus dem Dornröschenschlaf erwachen13. Juni 2018 Die Dendriten der neugeborenen Nervenzellen (grün) sind, ähnlich wie die Zweige einer Rose, mit vielen Dornen bewachsen. (Bild: Tassilo Jungenitz) Auch im erwachsenen Gehirn entstehen lebenslang neue Nervenzellen. Wie sie im Hippocampus aus dem Dornröschenschlaf erwachen, hat eine Forschergruppe unter Leitung der Goethe-Universität untersucht: Durch häufige Nervensignale vergrößern sich Dornen an den Nervenzellfortsätzen und ermöglichen so Kontakte mit dem bestehenden neuronalen Netzwerk. Übung macht den Meister und ständige Wiederholung fördert die Merkfähigkeit. Schon länger wissen Forscher, dass wiederholte elektrische Stimulation die Synapsen im Gehirn verstärkt. Umgekehrt können Synapsen auch wieder abgebaut werden, wenn sie nur noch selten gebraucht werden – etwa, wenn man die Vokabeln einer Fremdsprache vergisst, die man nach der Schulzeit nicht mehr braucht. Diese Fähigkeit, Verbindungen permanent und nach Bedarf zu ändern, bezeichnen Forscher als Plastizität des Gehirns. Die Plastizität ist besonders wichtig im Hippokampus, einer zentralen Region für das Langzeitgedächtnis, in der lebenslänglich neue Nervenzellen gebildet werden. Deshalb haben die Gruppen von PD Dr. Stephan Schwarzacher (Goethe-Universität), Prof. Peter Jedlicka (Goethe-Universität und Justus Liebig Universität, Gießen) und Dr. Hermann Cuntz (Frankfurt Institute for Advanced Sciences, Frankfurt) die Langzeit-Plastizität von Synapsen in neugeborenen Körnerzellen des Hippokampus näher untersucht. Synaptische Verbindungen zwischen Nervenzellen sind überwiegend an kleinen Ausstülpungen, sogenannten Dornen oder Spines, der Dendriten verankert. In ihrer kürzlich publizierten Arbeit konnten die Wissenschaftler zum ersten Mal nachweisen, dass synaptische Plastizität in neugeborenen Nervenzellen mit langandauernden strukturellen Veränderungen dendritischer Dornen verbunden ist: Wiederholte elektrische Stimulation weckt die Synapsen aus dem Dornröschen-Schlaf, indem sie deren Dornen verstärkt und vergrößert. Besonders spannend war die Beobachtung, dass die durchschnittliche Größe und Anzahl der Dornen sich nicht verändert: Wenn eine Gruppe von Synapsen durch die Stimulation verstärkt wurde und ihre dendritische Dornen sich vergrößert hatten, wurde gleichzeitig eine andere, nicht stimulierte Gruppe von Synapsen schwächer und ihre dendritische Dornen verkleinerten sich. “Diese Beobachtung war nur deswegen technisch möglich, weil es unseren Studenten Tassilo Jungenitz und Marcel Beining zum ersten Mal gelungen ist, mit Hilfe von 2-Photonen-Mikroskopie und viraler Markierung plastische Änderungen von stimulierten und nicht stimulierten dendritischen Dornen innerhalb einzelner neugeborener Zellen zu untersuchen”, sagte Stephan Schwarzacher vom Institut für Anatomie am Universitätsklinikum Frankfurt. „Die Vergrößerung stimulierter und Verkleinerung nicht stimulierter Synapsen war im Gleichgewicht. Unsere Computermodelle sagen voraus, dass dies wichtig ist, um die Aktivität der Nervenzellen aufrecht zu erhalten und ihr Überleben zu sichern”, ergänzte Jedlicka. Die Wissenschaftler wollen jetzt den undurchdringlichen Dornenwald neugeborener Nervenzelldendriten im Detail erforschen. Dadurch wollen sie besser verstehen, wie die ausbalancierten Änderungen von dendritischen Dornen und ihrer Synapsen dazu beitragen, Informationen effizient abzuspeichern und dadurch zu Lernprozessen im Hippokampus beitragen. Originalpublikation: Jungenitz T et al. Structural homo- and heterosynaptic plasticity in mature and adult newborn rat hippocampal granule cells. PNAS 2018;115:E4670 2018.
Mehr erfahren zu: "Neue S3-Leitlinie stärkt Versorgung von Menschen mit Psychosen und Suchterkrankung" Neue S3-Leitlinie stärkt Versorgung von Menschen mit Psychosen und Suchterkrankung Eine neue S3-Leitlinie soll die Versorgung von Menschen mit Psychosen und einer zusätzlichen Suchterkrankung deutlich verbessern. Die Leitlinie „Psychosen mit komorbider substanzbezogener Störung“ gibt evidenzbasierte Empfehlungen für die Behandlung dieser […]
Mehr erfahren zu: "Menschen mit Demenz landen bei extremen Temperaturen häufiger in der Notaufnahme" Menschen mit Demenz landen bei extremen Temperaturen häufiger in der Notaufnahme Extreme Hitze und Kälte erhöhen bei Menschen mit Demenz das Risiko für einen Besuch in der Notaufnahme. Darauf deuten vorläufige Daten hin, die auf dem European Academy of Neurology (EAN) […]
Mehr erfahren zu: "Auch bei fortgeschrittenem Krebs: Intervalltraining mobilisiert Immunzellen" Auch bei fortgeschrittenem Krebs: Intervalltraining mobilisiert Immunzellen Eine aktuelle Essener Studie zeigt, dass bereits ein einziges 20-minütiges hochintensives Intervalltraining (kurz: HIIT) wichtige Immunzellen im Blut vorübergehend ansteigen lässt − sowohl bei gesunden Menschen als auch bei 20 […]