Wirbelsäulenverletzung und seelische Gesundheit: Liegt der Schlüssel im Darmmikrobiom?16. Januar 2020 Bakterien aus dem Kot von Ratten vor (links) und nach (rechts) einer Wirbelsäulenverletzung. (Foto: © Schmidt et al. 2020) Könnte eine Stuhltransplantation ein Hoffnungsschimmer für Patienten mit Rückenmarksverletzungen sein? Das ist eine Frage, von der der Physiotherapieforscher der Universität Alberta, Karim Fouad, niemals gedacht hätte, dass er sie jemals stellen würde. Der Experte für Rückenmarksverletzungen erklärt jedoch, dass im Gastrointestinaltrakt möglicherweise die Erklärung für den Zusammenhang zwischen Verletzungen der Wirbelsäule und Veränderungen der psychischen Gesundheit – wie dem Auftreten von Angstzuständen und Depressionen – liegt. „Man sollte meinen, dass es kein Wunder ist, wenn man nach einem Schlaganfall oder einer Wirbelsäulenverletzung depressiv ist“, sagt Fouad. „Es hat sich aber herausgestellt, dass mehr dahintersteckt.“ In einer neuen Studie entdeckte das Forscher-Team um Fouad, dass bei Ratten mit Wirbelsäulenverletzungen Veränderungen des Darmmikrobioms auftraten und Angstverhalten zunahm. Wurden diesen Ratten aber Kot von gesunden Ratten transplantiert, blieben sowohl ihr Verhalten als auch die Mikrobiota normal. Fouad schlägt daher vor, dass eine Therapie in Form von „Poop Pills“ eines Tages zur Verbesserung des Wohlbefindens nach Rückenmarksverletzungen und Erkrankungen des Zentralnervensystems eingesetzt werden könnte. „Ich denke, es hat ein riesiges Potenzial“, erklärt Fouad. „Das Schöne daran ist, dass wir ein einfaches Werkzeug zur Verfügung haben, das die psychische Gesundheit potenziell verbessern könnte, wenn man es auf den Menschen überträgt.“ Forscher beobachten schon lange, dass nach Rückenmarksverletzungen eine Verschlechterung der psychischen Gesundheit eintreten kann. Patienten mit Lähmungen besitzen ein erhöhtes Suizidrisiko. Die zunehmende Prävalenz von Depressionen bedeute auch, dass Patienten häufig das optimale Zeitfenster für die Genesung verpassen, weil sie das Interesse an Rehabilitationsmaßnahmen verlieren, unterstreicht Fouad. Dies führe zu einer schlechteren Lebensqualität. Zusammenhänge zwischen einer Beeinträchtigung der Darmgesundheit und psychischen Erkrankungen wurden auch abseits der Erforschung des Rückenmarks beobachtet. Forschungsarbeiten an der Universität Alberta konnten sogar zeigen, dass ein gesundes Darmmikrobiom dazu beitragen kann, eine Erkrankung wie Multiple Sklerose zu erklären. Fouad entschied sich, ähnliche Verbindungen bei Rückenmarksverletzungen zu untersuchen. Bei Ratten mit leichten Rückenmarksverletzungen wurde eine dramatische Veränderung des Darmmikrobioms beobachtet. Es dauerte bis zu vier Wochen, bis der Verdauungstrakt wieder im Normalzustand war. Um ängstliche Verhalten bei den Nagern zu untersuchen, führten Fouad und sein Team auch einen erhöhten Plus-Labyrinth-Test durch. Dabei wird beobachtet, inwieweit die Tiere dazu bereit sind, sich auf einer exponierten Plattform zu bewegen. Drei Wochen nach der Genesung zögerten verletzte im Vergleich zu gesunden Ratten weiterhin, ihre natürliche Abneigung gegen offene Flächen zu überwinden. Der nächste Teil des Experiments kehrte dieses Ergebnis um: Einige der verletzten Ratten erhielten eine Kot-Transplantation. Sie erholten sich in erstaunlicher Weise und wagten sich noch mehr auf die exponierte Plattform. „Es ist dramatisch“, unterstreicht Fouad. „Krankheiten und Verletzungen scheinen Veränderungen des Mikrobioms auszulösen, und dies kann viele weitere Auswirkungen haben.“ Fouad hofft, die Wirksamkeit solcher Kot-Transplantationen über eine längere Zeitspanne testen und herausfinden zu können, ob Angstgefühle einfach durch Zugabe der falschen Darmbakterien bei Tieren in sterilen Umgebungen ausgelöst werden können. Der Wissenschaftler betont, dass es weitere Implikationen für diese Erkenntnisse geben könnte. Wissenschaftler halten in Experimenten Versuchstiere häufig zusammen. Da Ratten jedoch berüchtigte Allesfresser sind, von denen man weiß, dass sie auch den Kot anderer Ratten fressen, hätten möglicherweise Tausende von Versuchen, bei denen die Darmgesundheit ein potenzieller Modifikationsfaktor war, zu verzerrten Ergebnissen geführt, glaubt Fouad: „Wie viele Generationen von Experimenten sind durchgeführt worden, bei denen Mikrobiomveränderungen einen potenziellen Einfluss hatten, die Versuchstiere Kot fraßen und so der Effekt möglicherweise aufgehoben wurde? Ein beängstigender Gedanke.“ Stuhltransplantationen hätten möglicherweise für Patienten mit Rückenmarksschäden nicht denselben Charme wie Stammzellen, so Fouad. Bei Patienten aber, bei denen schrittweise Verbesserungen einen entscheidenden Unterschied machen können, sei der Mikrobiomtransfer möglicherweise eine sinnvolle Lösung.
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