ADHS genauer diagnostizieren

Alexandra und Wolfgang Lenhard haben gemeinsam ein Testverfahren entwickelt, das die Genauigkeit bei ADHS-Diagnosen deutlich verbessern soll. (Foto: Lutz Ziegler/Universität Würzburg)

Der Einsatz einer neuen Software soll zukünftig dabei helfen, ADHS-Störungen bei Kindern genauer zu diagnostizieren. Entwickelt wurde sie vom Würzburger Psychologenpaar Alexandra und Wolfgang Lenhard.

Schwierigkeiten mit mangelnder Aufmerksamkeit sind der Medizin schon seit mehr als 200 Jahren bekannt. Einen regelrechten Boom erlebten Diagnosen der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) in den 1990er-Jahren. Problematisch ist dabei, dass die Feststellung bis heute hauptsächlich auf subjektiven Eindrücken von Eltern oder Lehrkräften basiert.

Prof. Wolfgang Lenhard und seine Frau, die Unternehmerin Dr. Alexandra Lenhard, wollen das ändern. Beide haben in Psychologie promoviert, Wolfgang Lenhard ist Akademischer Direktor am Lehrstuhl für Psychologie IV der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU). Gemeinsam haben sie eine Diagnosesoftware entwickelt und nun auf den Markt gebracht: den ADHS-Test 6–12.

Verbindung von drei Komponenten

Neben Fragebögen, die von Eltern und Lehrkräften potenziell betroffener Kinder ausgefüllt werden, nutzt das Programm auch die Ergebnisse aus computerbasierten Reaktionsaufgaben. Lenhard erklärt: „Bereits vor mehreren Jahren hatten wir festgestellt, dass das Antwortverhalten bezüglich solcher Aufgaben bei Kindern mit ADHS extrem von dem nichtbetroffener Kinder abweicht.“

Die Software fügt die Ergebnisse der Computertestung mit den Angaben von Eltern und Lehrkraft zusammen, wertet sie aus und setzt sie ins Verhältnis. Weicht eine der drei Komponenten drastisch von den anderen beiden ab, markiert die Software das Ergebnis als inkonsistent und empfiehlt eine genauere Überprüfung. Erweist sich eine der Komponenten als nicht verlässlich genug, kann ein Gesamtergebnis auch aus nur zwei Komponenten ermittelt werden.

Beiden Entwicklern ist wichtig zu betonen, dass das Testverfahren keineswegs die diagnostische Freiheit von Psychiaterinnen und Psychiatern beschränken soll: „Wir wollen eine verbesserte Diagnostik. Fehldiagnosen weisen bei ADHS aktuell eine Rate von etwa 15 Prozent auf. Wir glauben, dass wir diese Rate durch unser Verfahren deutlich verringern können“, erläutert Alexandra Lenhard und fährt fort: „ADHS-Medikamente sollten nur dort zum Einsatz kommen, wo sie wirklich gebraucht werden. Fehlerhafte Diagnosen gehen leider in der Regel damit einher, dass die wahren Ursachen für eine Verhaltensauffälligkeit im Dunkeln bleiben und damit auch nicht adäquat adressiert werden können.“

Einfache Tests, erstaunliche Ergebnisse

Die Konzeption der verwendeten Reaktionsaufgaben ist simpel: Bei der ersten werden auf dem Computerbildschirm jeweils sechs Pfeile eingeblendet, die alle in eine Richtung zeigen. Anschließend erscheint im Zentrum ein siebter Pfeil. Zeigt dieser nach links, muss möglichst schnell eine linke, zeigt er nach rechts, eine rechte Taste gedrückt werden. Die Aufgabe müssen die Kinder 100 Mal absolvieren.

Diese sogenannte Flanker-Aufgabe kommt bei Mädchen und Jungen zum Einsatz. Letztere absolvieren zusätzlich 100 Mal eine Go/NoGo-Aufgabe – hier muss immer so schnell wie möglich gedrückt werden, sobald ein beliebiges Symbol auf dem Bildschirm erscheint, nur bei zwei bestimmten Symbolen darf nicht gedrückt werden.

Dass die Aufgaben auch optisch möglichst schlicht gehalten sind, hat einen Grund: Kinder mit ADHS lassen sich bei reizarmen Aufgaben besonders stark ablenken. Die Unterschiede in den Ergebnissen sind entsprechend deutlich. Allerdings kommt es dabei auch darauf an, dass adäquate Kennwerte aus den individuellen Reaktionszeitverteilungen herangezogen werden, berichtet Wolfgang Lenhard: „Bei den jeweils schnellsten Reaktionszeiten schneiden betroffene und nichtbetroffene Kinder gar nicht besonders unterschiedlich ab. Kinder mit ADHS haben aber im Gegensatz zu anderen Kindern zwischendurch auch immer wieder extrem lange Reaktionszeiten von mehreren Sekunden oder sogar komplette Aussetzer.“

An vielen Stellschrauben gedreht

Ein Problem bei der Diagnose psychischer Störungen ist die häufig geringe psychometrische Güte der Testverfahren. Um diese im vorliegenden Fall zu steigern, floss den Entwicklern zufolge viel Arbeit in die Optimierung des ADHS-Test 6–12: „Erstmal ist es gerade bei ADHS wichtig, nicht nur einen Kennwert, sondern viele Kennwerte zu erfassen. Außerdem müssen diese möglichst präzise gemessen und optimal kombiniert werden. Auch die Normierung spielt eine große Rolle“, weiß Alexandra Lenhard. Es musste also erst einmal festgestellt werden, welche Ergebnisse in einer großen repräsentativen Stichprobe an Kindern erzielt werden, um auffällige Ergebnisse identifizieren zu können. Das angewandte Normierungsverfahren stammt ebenfalls aus dem Hause Lenhard.

Da die mentale Entwicklung im Kindesalter äußerst schnell voranschreitet, muss auch das genaue Alter der Kinder bei der Ergebnisermittlung berücksichtigt werden. Schon ein Unterschied von drei Monaten mache in Bezug auf die Aufmerksamkeit einen deutlichen Effekt aus: „Hier wird die Schwierigkeit für Lehrkräfte deutlich. Im Klassenverbund kommen Altersunterschiede von einem Jahr und mehr vor. Die Aufmerksamkeitsleistung der Kinder kann also gar nicht unmittelbar miteinander verglichen werden“, so Alexandra Lenhard.