Adipositas bei Kindern: die „stille“ Pandemie

Nicht nur, aber auch pandemiebedingt nimmt die Zahl übergewichtiger Kinder in Deutschland stetig zu. (Foto: ©alfa27 – stock.adobe.com)

Unter Kindern nimmt Adipositas pandemiebedingt schleichend, aber stetig zu – und gehört daher dringend auf die Agenda der Gesundheitspolitik, mahnen AG Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG) und die wissenschaftliche Fachgesellschaft der Kinder- und Jugendmedizin in Deutschland (DGKJ).

„Wir dokumentieren in unseren Spezialsprechstunden Gewichtszunahmen von bis zu 30 Kilo in sechs Monaten – Einzelfälle, aber ‘Rekorde’ dieser Art mehren sich. Es gibt bei Kindern einen derart klaren Anstieg an Adipositas während der coronabedingten Lockdowns, dass wir hier von einer zweiten, einer ‘stillen Pandemie’ sprechen. Zudem beobachten wir bei Jugendlichen eine deutliche Zunahme der Neumanifestationen von Typ-2-Diabetes”, erklärte PD Dr. Susann Weihrauch-Blüher, Sprecherin der AG Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG).

So berichten beispielsweise die ambulanten Adipositas-Zentren der Kinderklinik Halle und des SPZ der Charité Universitätsmedizin Berlin im Vergleich zum Vorjahr über bisher etwa dreimal so viele neue Fälle von Typ-2-Diabetes bei Jugendlichen mit extremer Adipositas. Schuldistanz, sozialer Rückzug und Depressionen haben bei diesen Jugendlichen in ähnlichem Umfang zugenommen. Repräsentative Daten erwarten die Experten dazu in der zweiten Jahreshälfte.

Keine Trendwende in Sicht

Die in jüngster Zeit durch Corona eingeschränkten Bewegungs- und Sportmöglichkeiten, ein hoher Medienkonsum und fehlende Strukturen in Tagesablauf und Sozialleben werden gern als Ursache angeführt. „Der Beginn aber reicht wesentlich weiter zurück als die Corona-Pandemie“, betont DAG-Vizepräsidentin PD Dr. Susanna Wiegand, denn „seit Jahren schon verlieren auch normalgewichtige Kinder Muskelmasse und bauen Körperfett auf. Dabei geht es nicht nur um das Körpergewicht, sondern um die gesamte Entwicklung. Eine Trendwende ist nicht in Sicht!“

Das bedeutet für diese Kinder und Jugendlichen nicht nur eine eingeschränkte Lebensqualität, sondern es finden sich bereits im jungen Alter zunehmend Erkrankungen, die sonst erst im Erwachsenenalter aufgetreten sind, wie ein Typ-2-Diabetes oder eine Fettleber. Die Zahl der von Typ-2-Diabetes betroffenen Jugendlichen schätzt die Fachgesellschaft in Deutschland derzeit auf circa 1000, die Dunkelziffer ist deutlich höher und insbesondere seit Beginn der Corona-Pandemie mit großer Wahrscheinlichkeit noch einmal deutlich angestiegen.

Dringender Bedarf an Angeboten

Kinder mit Übergewicht haben ein hohes Risiko für eine Adipositas im Erwachsenenalter, die wiederum die eigenen Kinder wesentlich prägen wird. Menschen mit Adipositas sind häufig chronisch krank, haben vermehrt Diabetes Typ 2, Herzprobleme, leiden unter einer eingeschränkten Lebensqualität und haben insgesamt eine nachweisbar geringere Lebenserwartung.

Erwachsene mit Adipositas gelten deswegen als chronisch krank. Kinder mit Adipositas nicht. Diese Anerkennung aber wäre wichtig, um gezielte dringend notwendige ambulante wie stationäre Schulungs- und Präventionsmaßnahmen anbieten zu können, erläutert die Arbeitsgemeinschaft.

AGA und DAG fordern deshalb, Prävention und Therapie der kindlichen Adipositas dringend zu intensivieren. „Stattdessen aber ist die Kostenübernahme von ambulanten evidenzbasierten und leitliniengetreuen Adipositas-Schulungsmaßnahmen noch immer nicht gesichert“, kritisiert Kinder- und Jugendärztin Wiegand.

Was tun für ein gesünderes Umfeld?

Neben genetischer Disposition oder einem adipogenen Lebensstil der Familie können sich auch das Wohnumfeld und die Lebenswelt der Kinder auf deren Übergewicht auswirken – durchaus auch im positiven Sinne. Daher fordern die ExpertInnen ein kinderfreundlicheres Umfeld etwa durch attraktive Spielplätze, sichere und gute Schul- und Radwege, besseres Schulessen.

„Für ein spürbar gesünderes Aufwachsen unserer Kinder sind politische Schritte maßgeblich“, erläutert Prof. Jörg Dötsch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), und nennt weitere Beispiele: „Verpflichtende und klare Lebensmittelkennzeichnungen, Verbote für Dickmacher-Werbung, die – zum Beispiel auch durch Influencer – speziell an Kinder gerichtet ist, eine gut strukturierte Vermittlung von Ernährungskompetenz schon von der Kita an.”

Um tatsächlich eine Trendwende zu erreichen, braucht es nach Einschätzung der Experten dringend einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs über die Adipositas im Kindes- und Jugendalter und mutige Maßnahmen der Politik.

Originalpublikation:
Schienkiewitz A et al. Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter in Deutschland – Querschnittergebnisse aus KiGGS Welle 2 und Trends. Journal of Health Monitoring 2018;3(1); doi: 10.17886/RKI-GBE-2018-005.