Adipositas wirkt sich bei Männern und Frauen unterschiedlich auf die Gesundheit aus

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Während adipöse Männer häufiger vermehrtes viszerales Fett entwickeln und eine schlechtere Lebergesundheit aufweisen, scheinen Frauen mit Adipositas anfälliger für systemische Entzündungen und ein ungünstigeres Blutfettprofil, einschließlich erhöhter Cholesterinwerte, zu sein.

Neue Forschungsergebnisse, die im kommenden Mai auf dem diesjährigen European Congress on Obesity (ECO) in Istanbul (Türkei) vorgestellt werden, zeigen deutliche Unterschiede in den Herz-Kreislauf-, Stoffwechsel- und Entzündungsrisikomustern zwischen Männern und Frauen mit Adipositas auf. Die neuen Erkenntnisse geben Aufschluss darüber, wie Behandlungsansätze individuell angepasst werden können.

Bedeutung geschlechtsspezifischer Forschung

Eine Studie unter der Leitung von Forschenden der Dokuz-Eylül-Universität (Türkei) zeigt, dass Männer mit Adipositas anfälliger für die Entwicklung viszeralem Fett zu sein scheinen – einem Schlüsselfaktor für die Entstehung von Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen – sowie für erhöhte Leberenzymwerte, was als Indikator für Leberschäden gilt. Im Gegensatz dazu erleiden adipöse Frauen offenbar mit höherer Wahrscheinlichkeit systemische Entzündungen und haben einen hohen Cholesterinspiegel, was zu Herzerkrankungen und Typ-2-Diabetes führen kann.

„Unsere Ergebnisse zeigen interessante Unterschiede in der Reaktion von Männern und Frauen auf Adipositas“, erklärt Hauptautorin Dr. Zeynep Pekel. „Sie verdeutlichen, wie wichtig geschlechtsspezifische Forschung ist. Unterschiede zwischen den Geschlechtern spielen nicht nur eine entscheidende Rolle in der Pathologie und im Verlauf von Adipositas. Unsere Ergebnisse deuten auch darauf hin, dass diese Unterschiede ein wichtiger Schritt hin zu gezielten, geschlechtsspezifischen Therapien sein könnten, die die Behandlung von Menschen mit Adipositas verbessern.“

Im Jahr 2023 lebten weltweit schätzungsweise 1,54 Milliarden Erwachsene (etwa jede dritte Frau und jeder vierte Mann) mit dem Metabolischen Syndrom, wie aus einer Veröffentlichung in „Nature Communications“ hervorgeht. Adipositas ist eine komplexe chronische Erkrankung, die durch vielfältige metabolische und entzündliche Reaktionen gekennzeichnet ist. Das biologische Geschlecht beeinflusst die Verteilung des Fettgewebes, den Leberstoffwechsel und die systemische Entzündungsaktivität. Allerdings fehlten bislang geschlechtsspezifische Profile kardiometabolischer und entzündlicher Marker bei Erwachsenen mit Adipositas.

Auswertung von Daten aus einer Adipositas-Ambulanz

Um diese Wissenslücke zu schließen, analysierten die Wissenschaftler Daten von 886 Frauen (Durchschnittsalter 45 Jahre) und 248 Männern (Durchschnittsalter 41 Jahre) mit Adipositas, die zwischen 2024 und 2025 die Adipositas-Ambulanz der Abteilung für Innere Medizin der Medizinischen Fakultät der Dokuz-Eylül-Universität aufsuchten. Ziel war es, anthropometrische, metabolische und entzündliche Parameter zu vergleichen und geschlechtsspezifische Muster zu identifizieren.

Alle Teilnehmenden unterzogen sich anthropometrischen Messungen (z. B. Größe, Gewicht, Body-Mass-Index [BMI], Blutdruck) und umfassenden Blutfettanalysen zur Quantifizierung kardiovaskulärer Risikofaktoren (d. h. Gesamtcholesterin, LDL-Cholesterin, HDL-Cholesterin, Triglyceride, Nüchternblutzucker). Zudem untersuchte man biochemische Marker der Leberfunktion (Alanin-Aminotransferase [ALT] und Gamma-Glutamyltransferase [GGT]) und der Nierenfunktion (Kreatininwerte) sowie Entzündungsparameter (C-reaktives Protein, Blutsenkungsgeschwindigkeit, Leukozytenzahl und Thrombozytenzahl).

Erhöhte Leberenzym-Werte bei Männern

Die Analyse ergab, dass adipöse Männer im Durchschnitt einen etwas höheren BMI als Frauen aufwiesen (37,5 vs. 36 kg/m²), wobei ihr Taillenumfang jedoch signifikant größer war (120 vs. 108 cm). Der systolische Blutdruck fiel bei Männern tendenziell höher aus (128 vs. 122 mmHg).

Darüber hinaus waren die Leberenzyme (ALT und GGT) und die Triglyceridwerte bei Männern mit Adipositas signifikant erhöht, ebenso wie die Kreatininwerte, was zu einer Reihe von Komplikationen, einschließlich Lebererkrankungen, führen kann.

Höhere Werte für Entzündungsmarker bei Frauen

Im Gegensatz dazu wiesen adipöse Frauen signifikant höhere Gesamtcholesterinwerte (215 vs. 203 mg/dl) auf sowie höhere Werte für LDL-Cholesterin (130 vs. 123 mg/dl) als Männer. Auch Entzündungsmarker wie Blutsenkungsgeschwindigkeit, C-reaktives Protein und Thrombozytenzahl waren bei Frauen mit Adiposiats signifikant höher.

Laut Pekel erklären geschlechtsspezifische Unterschiede bezüglich Hormonen, Immunantwort und Fettverteilung die beobachteten Muster. Hormone (insbesondere Östrogen) beeinflussen beispielsweise die Fettspeicherung und die Entzündungsreaktion des Körpers. Frauen neigen dazu, mehr subkutanes Fett zu speichern und weisen ein anderes Entzündungsprofil auf, was sich in höheren Werten von Markern wie C-reaktivem Protein und Blutsenkungsgeschwindigkeit zeigt. Frauen zeigen zudem generell eine stärkere Immunantwort, die teilweise auf genetische Faktoren wie das X-Chromosom zurückzuführen ist. Männer hingegen neigen eher dazu, viszerales Fett anzusammeln, was in einem stärkeren Zusammenhang mit Stoffwechselkomplikationen steht.

Einfluss biologischer Faktoren auf beobachtete Unterschiede

„Es ist noch zu früh für endgültige Aussagen, und diese Ergebnisse müssen in weiteren Patientengruppen bestätigt werden“, räumt Pekel ein. „Sie liefern jedoch wichtige Erkenntnisse darüber, wie sich Adipositas unterschiedlich auf Männer und Frauen auswirken kann. Diese Unterschiede werden wahrscheinlich durch biologische Faktoren wie Hormone, Immunreaktionen und die Fettverteilung beeinflusst. Unsere nächsten Schritte bestehen darin, diese Ergebnisse in größeren Populationen zu validieren, die biologischen Prozesse hinter diesen Unterschieden besser zu verstehen und zu untersuchen, wie diese Muster mit dem klinischen Risiko zusammenhängen.“

Die Autoren weisen auf mehrere Einschränkungen der Studie hin. So handele es sich um eine Querschnittstudie, wodurch keine Kausalzusammenhänge hergestellt werden können und sie potenziell anfällig für Störfaktoren und umgekehrte Kausalität ist. Darüber hinaus merken die Wissenschaftler an, dass die Untersuchung hauptsächlich Erwachsene türkischer Herkunft umfasst, was die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere Ethnien erschwere. Eine größere Studie könnte die Ergebnisse bestätigen und erweitern.