Andrologen: Fruchtbarkeit als Fenster zur Gesundheit des Mannes neu bewerten11. Dezember 2020 Grafik: Christoph Burgstedt -stock.adobe.com Beim andrologischen Weltkongress “Andrology 2020”, der vom 5. bis 9. Dezember digital stattfand (wir berichteten), präsentierten Andrologen aus aller Welt neueste Forschungsergebnisse zur Männergesundheit und zur Fertilität. Eine der wichtigsten Erkenntnisse: Beides gehört untrennbar zusammen. „Wir müssen die Fruchtbarkeit des Mannes neu bewerten und als Indikator für die Männergesundheit ansehen und unsere Patienten dahingehend beraten“, betonte Prof. Sabine Kliesch, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Andrologie (DGA) und gemeinsam mit Prof. Stefan Schlatt, Direktor des Centrums für Reproduktionsmedizin und Andrologie (CeRA) in Münster, Organisatorin des Kongresses. „Wir wissen heute, dass die Fruchtbarkeit ein Fenster zur Gesundheit des Mannes ist und schwerstinfertile Männer im späteren Leben deutlich häufiger Begleiterkrankungen entwickeln, die ihre weitere Lebenserwartung beeinflussen.“ Ein Beispiel ist die Oligoasthenoteratozoospermie (OAT): Sie führt nach epidemiologischen Studien zu einem erhöhten Risiko für Tumorerkrankungen. Betroffene Männer haben zu wenige, zu gering bewegliche und vermehrt fehlgeformte Spermien. Ihr Risiko für Keimzelltumoren ist zwei- bis dreifach erhöht, das Risiko für Prostatakarzinome ist 1,7-fach erhöht, und ihr Risiko für Krankenhausaufenthalte wegen kardiovaskulärer Erkrankungen steigt mit abnehmender Spermienzahl. Testosteronmangel mit schwererem COVID-19-Verlauf assoziiert Eng mit der Männergesundheit insgesamt ist auch das Sexualhormon des Mannes, Testosteron, verbunden: Der Zusammenhang zwischen Testosteronmangel und erhöhter Sterblichkeit ist in Studien gesichert, was die Notwendigkeit der Behandlung eines Hypogonadismus unterstreicht. Sogar auf die Schwere einer COVID-19-Erkrankung hat der Testosteronspiegel einen Einfluss: Laut einer aktuellen Studie ist ein zu 95 Prozent günstiger Krankheitsverlauf zu erwarten, wenn der Testosteronwert bei stationärer Aufnahme über 5 nmol/l liegt. Dagegen bedeutet die Testosteronabnahme von 1 nmol/l unter diesen Schwellenwert bereits ein um 42 Prozent erhöhtes Risiko für einen ungünstigen Krankheitsverlauf. Völlig unklar ist derzeit noch, ob die Expression der Rezeptoren, an denen das Virus im Hoden problemlos andocken kann, tatsächlich Effekte auf die Fruchtbarkeit haben wird. Eine andere Studie mit allerdings wenigen Patienten gab einen Hinweis darauf (wir berichteten). Mit Blick auf Keimzelltumoren zeigt sich eine zunehmende Bedeutung der genetischen Prädisposition und von Umweltfaktoren. In der Diagnostik sind microRNAs, die eine wichtige Funktion in der Genregulation erfüllen, den klassischen Tumormarkern (AFP, hCG, LDH) zum Teil überlegen. Die soziale Komponente der Männergesundheit machen noch unveröffentlichte Daten einer asiatischen Studie deutlich. Dem Asian Male Health Report zufolge haben unverheiratete Männer ein dreimal höheres kardiovaskuläres Erkrankungsrisiko. Heirat reduziert das kardiovaskuläre Erkrankungsrisiko demnach um 46 Prozent, während ein niedriges Einkommen die Rate ischämischer Herzerkrankungen verdoppelt. Kinderwunschbehandlung: Immer das Paar betrachten Beim Thema ungewollte Kinderlosigkeit betonte der Past-President der DGA, Prof. Hermann M. Behre, dass es von zentraler Bedeutung sei, immer das infertile Paar in den Blick zu nehmen und beide Partner zu untersuchen. Der Faktor Zeit sei dabei nicht zu unterschätzen, denn trotz großer Fortschritte bei der assistierten Reproduktion mit Schwangerschaftsraten von bis zu 80 Prozent nach vier Behandlungszyklen bleibe das Alter der Frau entscheidend für die Erfolgsrate. Studien zeigten, dass Frauen zum Zeitpunkt der künstlichen Befruchtung im Durchschnitt 35,5 Jahre alt sind und die Schwangerschaftsrate dann bei nur noch 35 Prozent liegt. Umso wichtiger, dass es mittlerweile eine ganze Reihe neuer Spermienfunktionstests gibt, die ihren Weg aus der Grundlagenforschung in die klinische Anwendung finden und die Funktionsstörungen auf zellulärer Ebene sichtbar werden lassen. Ein großer Fortschritt für die Behandlung des Paares mit unerfülltem Kinderwunsch. (Medizinredaktion Hamburg / ms)
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