Apherese als mögliche Behandlung bei Präeklampsie5. Mai 2026 Symbolbild: © Marliyana/stock.adobe.com Eine Präeklampsie ist bislang nur durch einen Kaiserschnitt zu behandeln, was je nach Reifegrad eine Gefahr für das Kind ist. Eine neue Studie deutet nun darauf hin, dass die Schwangerschaft mit einer Apherese ohne Komplikationen verlängert werden kann. Bei 100 Schwangerschaften kommt es etwa in zwei bis fünf Fällen zu einer Schwangerschaftsvergiftung (Präeklampsie)1. Die Multisystemerkrankung ist eine der Hauptursachen für kindliche Todesfälle kurz vor oder nach der Geburt. Bei schweren Verläufen hilft nur ein früher Kaiserschnitt, um Kind und Mutter zu retten. Nun präsentiert ein internationales Forschungsteam mit deutscher Beteiligung im Fachjournal „Nature Medicine“ eine mögliche Behandlung zur Verlängerung der Schwangerschaft bei früher Präeklampsie. sFlt-1 als zentraler Ansatzpunkt Im Fokus der Studie steht das Protein sFlt-1. Es wird von der Plazenta produziert und bei Präeklampsie in großen Mengen ins Blut abgegeben. Der sFlt-1-Spiegel ist damit auch ein Marker für das Krankheitsbild2-4. Die Forschenden entwickelten eine Art Filterkartusche, die sFlt-1 aus dem Blutplasma entfernt, ähnlich wie bei der Dialyse. Dies gelingt mithilfe eines Antikörpers (AG10b), der sehr spezifisch an sFlt-1 bindet, ohne andere wichtige Blutbestandteile wie Albumin oder Fibrinogen zu entfernen. Das gereinigte Blut wird der Schwangeren wieder zurückgeführt. Die Arbeitsgruppe testete ihr Verfahren zunächst an Pavianen und an drei freiwilligen Frauen und zwei Männern – für den reinen Sicherheitstest der Filtermethode spielte das Geschlecht keine Rolle. Anschließend erfolgte die Behandlung von 16 Schwangeren mit früher Präeklampsie mittels bis zu zwei Apheresen pro Woche. Jede Sitzung reduzierte der Studie zufolge den sFlt-1-Spiegel im Mittel um 17 Prozent. Die Schwangerschaft verlängerte sich im Schnitt um zehn Tage, wobei die Spanne mit drei bis 19 Tagen recht breit war. Gravierende Nebenwirkungen traten demnach nicht auf. Durchbricht die Apherese einen Teufelskreis? In manchen Fällen sei es gelungen, den sFlt-1-Anstieg mit nur wenigen Sitzungen zunächst dauerhaft niedrig zu halten, heißt es. Die Forschenden diskutieren einen möglichen Rückkopplungseffekt: Die Apherese könnte einen Teufelskreis unterbrechen, bei dem schlechte Plazentadurchblutung zu mehr sFlt-1 führt, was wiederum die Durchblutung weiter verschlechtert, sodass eine einmalige Absenkung des Proteins die Plazenta so weit entlastet, dass sie dauerhaft weniger sFlt-1 produziert. Es handele sich hier aber um einen unerwarteten Befund, der weiterer Forschung bedürfe. Auch die Apherese ist keine abschließende Therapie für Präeklampsie. Sie soll die Schwangerschaft so lange verlängern, bis ein Kaiserschnitt für Mutter und Kind sicherer oder die natürliche Geburt möglich ist. Die Idee der Blutfilterung bei Präeklampsie ist zudem nicht neu. Ein Teil der jetzigen Arbeitsgruppe hatte die Methode für sFlt-1 bereits 2011 beschrieben5. Das Verfahren gilt als vielversprechend, allerdings gibt es bislang keinen wissenschaftlichen Konsens darüber, ob sFlt-1 tatsächlich der entscheidende Schlüssel bei der Behandlung der Präeklampsie ist6. Dafür sind größere Studien mit mehreren Schwangeren notwendig, was die Autorinnen und Autoren auch betonen. Was sagen deutsche Experten? Prof. Karl Winkler, Ärztlicher Direktor des Instituts für Klinische Chemie am Universitätsklinikum Freiburg, der ebenfalls an Präeklampsie forscht, sieht in der Studie keinen therapeutischen Durchbruch. Die erzielte Prolongation von zehn Tagen befinde sich lediglich im unteren Range bisher zu dem Thema veröffentlichter Studien. „Unterschiedlichste Apherese-Verfahren zeigten in der Vergangenheit eine Verlängerung der Schwangerschaft von Aufnahme bis Kaiserschnitt (Prolongation) durch Apherese von zwölf Tagen im Vergleich zu drei Tagen bei Patientinnen, die keine Apherese erhielten.“ Er selbst zweifelte laut eigener Aussage bereits in der Vergangenheit die Hypopthese an, dass die Entfernung von sFlt-1 der spezifische Wirkmechanismus der Apherese bei Präeklampsie ist. Dennoch trage die vorliegende Arbeit zur allgemeinen Diskussion über die Wirkmechanismen der Apherese bei Präeklampsie bei. Prof. Stefan Verlohen, Direktor und Chefarzt der Klinik und Poliklinik für Geburtshilfe und Pränatalmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, bewertet die Ergebnisse positiver: „Was sehr gut belegt ist: Je höher der sFlt-1-Spiegel, desto kürzer die verbleibende Schwangerschaftsdauer und desto häufiger kommt es zu Komplikationen. […] Es ist sehr begründet anzunehmen, dass eine Senkung des Spiegels tatsächlich die beschriebenen Effekte – verkürzte verbleibende Schwangerschaftsdauer und Komplikationen – abmildern kann.“ Er sieht das Haupteinsatzgebiet bei der frühen und schweren Präeklampsie, betont aber auch die Notwendigkeit einer randomisierten, kontrollierten Studie als nächsten Schritt, um neben Sicherheit und Verträglichkeit auch die Wirksamkeit robust bestätigen zu können. Referenzen 1. Leitlinienprogramm „Hypertensive Erkrankungen in der Schwangerschaft (HES): Diagnostik und Therapie“ (DGGG, OEGGG, SGGG) 2. Zeisler H et al. Predictive Value of the sFlt-1:PlGF Ratio in Women with Suspected Preeclampsia. N Engl J Med. 2016 Jan 7;374(1):13-22. 3. Graupner O et al. Significance of the sFlt-1/PlGF Ratio in Certain Cohorts – What Needs to be Considered? Geburtshilfe Frauenheilkd. 2024 Jul 9;84(7):629-634. 4. Maynard SE et al. Excess placental soluble fms-like tyrosine kinase 1 (sFlt1) may contribute to endothelial dysfunction, hypertension, and proteinuria in preeclampsia. J Clin Invest. 2003 Mar;111(5):649-58. 5. Thadhani R et al. Pilot study of extracorporeal removal of soluble fms-like tyrosine kinase 1 in preeclampsia. Circulation. 2011 Aug 23;124(8):940-50. 6. Verlohren S et al. Clinical interpretation and implementation of the sFlt-1/PlGF ratio in the prediction, diagnosis and management of preeclampsia. Pregnancy Hypertens. 2022 Mar;27:42-50.
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