Arzt-Patienten-Gespräch: Emotionen zu zeigen macht vertrauenswürdiger13. August 2026 Foto: Zoran Jesic/stock.adobe.com Zeigen Mediziner im Arzt-Patienten-Gespräch über schwere Krankheiten eigene Emotionen oder teilen persönliche Erfahrungen, wirken sie vertrauenswürdiger und mitfühlender – ohne an Professionalität einzubüßen, so eine Studie der Universität Bern. Gespräche über Krankheitsverschlechterung oder begrenzte Lebenszeit gehören zu den anspruchsvollsten Situationen in der Medizin. Ein solches Gespräch betrifft direkt und indirekt nahezu jede Person im Laufe des Lebens. Dabei beeinflusst die Art und Weise, wie Diagnosen schwerer Erkrankungen oder schwierige Therapieverläufe im Arzt-Patienten-Gespräch kommuniziert werden, das Gefühl von Unterstützung, das die Betroffenen erleben, entscheidend. Traditionelle Vorstellungen von Professionalität und Erwartungen der Bevölkerung Bisher wurden Ärztinnen und Ärzte häufig dazu angehalten, möglichst sachlich und emotional zurückhaltend zu bleiben. Doch worauf basieren diese traditionellen Vorstellungen von Professionalität im medizinischen Kontext, und entsprechen sie tatsächlich den Erwartungen der Bevölkerung? Dieser Frage ging eine vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) finanzierte Studie unter der Leitung des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM) der Universität Bern (Schweiz) in Zusammenarbeit mit der Universität Bielefeld und der Stanford University (USA) nach. Das Forschungsteam konnte anhand einer Umfrage zeigen, dass der Ausdruck von Emotionen und das Teilen passender persönlicher Erfahrungen in Gesprächen über schwere Krankheiten die Wahrnehmung von Vertrauen, Mitgefühl, Professionalität und das Gefühl, sich mit der Ärztin oder dem Arzt wohlzufühlen, durchwegs positiv oder neutral beeinflussen. Die Studienergebnisse wurden kürzlich im „Journal of General Internal Medicine“ publiziert. Sind Emotionen im Arzt-Patienten-Gespräch unangebracht? Ausgangspunkt der Studie ist die Beobachtung, dass schwierige Gespräche über Krankheitsverlauf, Prognose und Therapieentscheidungen für alle Beteiligten emotional belastend sind. Zudem sind viele Ärztinnen und Ärzte unsicher, wie authentisch sie in einem solchen Arzt-Patienten-Gespräch sein dürfen. „Emotionen zu zeigen oder Persönliches zu teilen, wurde in der Ausbildung lange als riskant oder unangebracht dargestellt“, sagt Prof. Sofia C. Zambrano, Leiterin der Studie und SNF Eccellenza Professorin am ISPM der Universität Bern. „Gleichzeitig fehlte es an Evidenz, ob diese Norm überhaupt den Erwartungen von Patientinnen und Patienten entspricht.“ Über 7200 Gesprächszenarien ausgewertet Um dies systematisch zu untersuchen, nutzte das Team ein sogenanntes Vignetten-Design: 1572 Teilnehmende aus allen Sprachregionen der Schweiz versetzten sich in die Rolle einer Person mit fortgeschrittenem Lungenkrebs, der im Krankenhaus eine deutlich begrenzte Lebenszeit mitgeteilt wird. Insgesamt beurteilten sie 7250 kurze Szenarien dieses Gesprächs, in denen unter anderem Erfahrung der Ärztin oder des Arztes, Dauer und Klarheit des Gesprächs, Beziehung sowie Formen des Emotionsausdrucks variierten. „Das Studiendesign erlaubt uns, einzelne kommunikative Verhaltensweisen unter kontrollierten Bedingungen zu analysieren“, erklärt Dr. Robert Staeck, Erstautor der Studie und ehemaliger Doktorand in Zambranos Forschungsgruppe. „So können wir präzise erheben, welchen Beitrag etwa eine kurze persönliche Bemerkung oder der Ausdruck von Emotionen durch Ärztinnen und Ärzten zur Wahrnehmung von Vertrauen und Professionalität leisten.“ Persönliche Offenheit mit Augenmaß im Arzt-Patienten-Gespräch Die Auswertungen zeigen: Wenn Ärztinnen und Ärzte eine passende persönliche Erfahrung einbringen – etwa, dass eine nahestehende Person an derselben Krankheit litt – steigen Bewertungen von Vertrauen, Mitgefühl, Professionalität und das Gefühl, sich mit der Ärztin oder dem Arzt wohlzufühlen, signifikant. Besonders stark wirkt der sichtbare Emotionsausdruck. Kombiniert die ärztliche Person eine verbale Äußerung von Traurigkeit mit Tränen in den Augen, erhöht dies vor allem das wahrgenommene Mitgefühl deutlich, ohne dass die Professionalität leidet. „Wir sehen teils Unterschiede von bis zu fast zwei Skalenpunkten auf einer Elf-Punkte-Skala für die Bewertung von Mitgefühl“, so Zambrano. „Das ist für eine so kleine Intervention – ein einziger Satz oder ein kurzer emotionaler Moment – ein sehr relevanter Effekt.“ Ein zentraler Befund ist, dass Selbstoffenbarung und Emotionsausdruck von Ärztinnen und Ärzten die Bewertungen von Vertrauen, Mitgefühl, Professionalität und das Gefühl, sich mit der Ärztin oder dem Arzt wohlzufühlen, nie verschlechtern – selbst bei kurzen Gesprächen, wenig Berufserfahrung oder fehlender vorgängiger Beziehung zur Patientin oder zum Patienten. „Das widerlegt die verbreitete Befürchtung, dass der Ausdruck von Emotionen ein Risiko für die eigene Professionalität sei“, sagt Staeck. Gleichzeitig macht die Studie deutlich, dass Kontext und individuelle Unterschiede eine Rolle spielen. Ältere und höher gebildete Teilnehmende bewerteten bestimmte Kombinationen etwas kritischer, ohne dass es jedoch Einbußen von Bewertungen hinsichtlich Professionalität gab. „Entscheidend ist, dass sich der Ausdruck an der Situation und den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten orientiert und authentisch ist“, betont Zambrano. Ergebnisse nicht vollständig auf andere Kontexte übertragbar Die Studie bestätigt, dass echte menschliche Verbindung ein zentraler Bestandteil guter medizinischer Versorgung ist. Zambrano betont allerdings, dass die Ergebnisse auf hypothetischen Szenarien basieren und nicht auf realen klinischen Begegnungen: „Reale Gespräche sind komplexer und können zusätzlich von nonverbalen Signalen, und situativen Faktoren geprägt sein“. Staeck ergänzt: „Zudem bestand unsere Stichprobe überwiegend aus Schweizer Staatsangehörigen, wodurch die kulturelle Heterogenität der Schweizer Bevölkerung nur begrenzt abgebildet ist. Da kulturelle Normen zu Professionalität und Emotionsausdruck variieren können, sind die Ergebnisse möglicherweise nicht vollständig auf andere Kontexte übertragbar.“ Emotionale Kompetenzen in der ärztlichen Ausbildung stärken Die Resultate haben zudem Konsequenzen für die medizinische Aus- und Weiterbildung. Zambrano sagt: „Unsere Befunde legen nahe, dass emotionale Kompetenzen als erlernbare Kernkompetenz fest in die medizinische Ausbildung gehören – und nicht als ‚Privatsache‘, die im Hintergrund bleiben muss.“ Ihre Forschungsgruppe gehört zu den wenigen Teams in der Schweiz, die die emotionalen und zwischenmenschlichen Aspekte der ärztlichen Beziehung zu Patientinnen und Patienten systematisch untersuchen mit verschiedenen Studiendesigns und Zielgruppen, und mit Blick sowohl auf die Versorgungsqualität als auch auf das Wohlbefinden der Ärztinnen und Ärzte. „Unser Ziel ist, dass sich Patientinnen und Patienten ernst genommen und begleitet fühlen und Ärztinnen und Ärzte die emotionalen Anforderungen ihres Berufs nicht allein tragen müssen“, fasst Zambrano zusammen. Auch interessant: Positive Erwartungen wecken: Vier Empfehlungen zur besseren Kommunikation Realitätsnahe Ausbildung stärkt Gesprächskompetenz bei Medizinstudierenden Themenseite Kommunikation
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