Realitätsnahe Ausbildung stärkt Gesprächskompetenz bei Medizinstudierenden

Eine Studierende (r.) in der Rolle der Ärztin klärt eine Mutter (Laienschauspielerin) in der Simulationspraxis des TTU über die Glasknochenkrankheit der Tochter auf. (Foto: Prof. Susanne Kühl/Uni Ulm)

Eine neue Studie der Universität Ulm zeigt, dass ein simuliertes Arzt-Angehörigen-Gespräch in einer realitätsnahen Simulationspraxis die kommunikativen Fähigkeiten der Studierenden verbessert. Auch sind die angehenden Ärztinnen und Ärzte motivierter und zufriedener.

Ein Gespräch beim Arzt oder der Ärztin kann heikel sein, vor allem wenn es um eine schwerwiegende Diagnose mit lebensverändernden Problemen geht. Die Frage lautet daher: Wie das ärztliche Gespräch führen, damit das Gegenüber die Informationen versteht, sich mit Fragen ernst genommen fühlt und Vertrauen fasst? „Der ärztlichen Gesprächsführung wird deshalb im Humanmedizinstudium ein großer Stellenwert eingeräumt und die Ausbildung darin stets systematisch weiterentwickelt“, sagt Prof. Susanne Kühl von der Universität Ulm, die die Studie am Institut für Biochemie und Molekulare Biologie leitete.

Ärztliche Kommunikationskompetenz im Seminar trainieren

Seit zehn Jahren wird das Biochemie-Seminar „Vom Gen zum Protein“ im vorklinischen Teil des Humanmedizinstudiums an der Uni Ulm schrittweise optimiert und stetig evaluiert. „In einem ersten Schritt haben wir das traditionelle Lehrkonzept in ein eLearning-basiertes ‚Inverted Classroom-Konzept‘ umgewandelt. Die Studierenden eignen sich im Selbststudium das theoretische Wissen an und die dadurch gewonnene gemeinsame Zeit im Seminar wird für interaktive Übungen sowie Diskussionen genutzt“, erklärt Kühl. So kann im Präsenzunterricht nun auch die ärztliche Kommunikationskompetenz trainiert werden.

Konkret hatten die Studierenden die Aufgabe, in einer simulierten Gesprächssituation in der ärztlichen Rolle einem Eltern- oder Großelternteil, dargestellt von Laienschauspielerinnen und -schauspielern, den komplexen biochemischen Hintergrund der Glasknochenkrankheit (Osteogenesis imperfecta) ihres Kindes einfach und verständlich zu erklären.

Die simulierten Gespräche fanden anfangs in einem Seminarraum im Beisein der gesamten Gruppe statt. Seit der Eröffnung des Trainingshospitals ToTrainU (TTU) im Jahr 2021 werden sie in den dort eingerichteten High-Fidelity-Simulationspraxen geführt. Diese bestehen aus Arztzimmer für das Gespräch zwischen Studierenden in der ärztlichen Rolle und der oder dem Angehörigen sowie Beobachtungsräumen, in denen Dozierende und Studierende das Gespräch verfolgen können.

Simulationspraxis schlägt Seminarraum

Im Rahmen seiner Doktorarbeit hat Leonard Saitta nun den Nutzen und die Effektivität dieser Neuerung untersucht. Ziel war es, sowohl die Zufriedenheit der Studierenden, als auch den Kompetenzerwerb in der ärztlichen Kommunikation zu erheben. Dafür fand das ärztliche Gespräch für einen Teil der Studierenden in der Simulationspraxis des TTU als Experimentalgruppe und für den anderen Teil der Studierenden traditionell im Seminarraum statt.

„Die Studierenden, die ihr Gespräch in der Simulationspraxis durchführten, waren zufriedener und empfanden die Situation als realitätsnäher und lernfördernder als die Studierenden im Seminarraum. Bei beiden Gruppen steigerte sich die allgemeine Kommunikationskompetenz, wobei sich die Studierenden der Experimentalgruppe bei der Kompetenzstufe ‚Analysieren‘ signifikant verbesserten“, schildert Erstautor Saitta. Diese ersten Ergebnisse zeigten, dass das Trainingshospital TTU eine innovative Umgebung schaffe, die auch in einem vorklinischen Studienfach sinnvoll eingebunden werden könne.

„Künftige Studien sollten prüfen, ob ein solches Training auch nachhaltige Effekte auf die ärztliche Praxis hat“, so Kühl, die auch Mitglied der Akademie für Ausgezeichnete Hochschullehre ist.


Originalpublikation:
Saitta LK et al. Simulation einer ärztlichen Sprechstunde in einem vorklinischen Biochemie-Seminar: Bringt das Training in einer High-Fidelity-Simulationspraxis einen Vorteil gegenüber dem im traditionellen Seminarraum? GMS J Med Educ 2026;43(4):Doc51. doi: 10.3205/zma001845.

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