Begreifen Goffinkakadus das Abstraktum Tod?18. Juni 2026 (A) Touchscreen-Apparatur mit Sitzstange, Belohnungskammer und Kakadu. Foto: Antonio J. Osuna Mascaró Für Menschen ist der Tod von Kultur, Emotion, Ritual und Sprache umgeben. Die Frage lässt sich jedoch auch viel grundlegender formulieren, wie Forschende der Vetmeduni aufzeigen: Was müsste ein Tier verstehen, um zu erkennen, dass jemand gestorben ist? Möglicherweise muss man nicht mit dem Tod in all seiner Komplexität beginnen. In seiner elementarsten Form könnte das Erkennen des Todes mit etwas Einfacherem anfangen. Mit der Fähigkeit zu begreifen, dass ein Lebewesen, von dem erwartet wurde, dass es handelt, sich bewegt, reagiert oder sich auf bestimmte Weise verhält, diese Funktionen verloren hat. Und, dass sie nicht einfach zurückkehren. Dieser Gedanke steht im Zentrum des Minimalbegriffs des Todes, eines philosophischen Vorschlags aus der vergleichenden Thanatologie. Dieses Forschungsfeld untersucht, wie Menschen und andere Tiere den Tod wahrnehmen und auf ihn reagieren. Nach dieser Auffassung erfordert ein Verständnis des Todes nicht zwingend eine menschenähnliche Vorstellung von Sterblichkeit, eine abstrakte Theorie des Lebens, Rituale, Sprache oder Trauer. In seiner einfachsten Form könnte es darauf beruhen, den anhaltenden Verlust erwarteter Funktionen zu erkennen. Wenn etwas aufhört zu funktionieren Eine neue Studie mit Goffinkakadus nähert sich dieser übergeordneten Frage über eine experimentell gut prüfbare Komponente dieses Minimalbegriffs. Ob die Vögel lernen können, dass etwas, das zuvor zu einer Belohnung geführt hatte, in einem bestimmten Kontext nicht mehr funktioniert. Und ob sie ihr Verhalten daraufhin flexibel anpassen. Die Studie wurde von Forschenden am Messerli-Forschungsinstitut der Veterinärmedizinischen Universität Wien durchgeführt. Sie entstand aus einer Zusammenarbeit zwischen der Philosophin Susana Monsó, Autorin von „Playing Possum: How Animals Understand Death“ (Princeton University Press, 2024), und den Kognitionsforschenden Antonio J. Osuna-Mascaró und Alice Auersperg, die Problemlösen und technische Kognition bei Goffinkakadus untersuchen. Den Tod begreifen lernen auf Raten „Den Tod zu verstehen, klingt nach einer Alles-oder-nichts-Frage, doch man kann sie in einfachere Komponenten zerlegen“, sagt Monsó. „Eine davon ist die Fähigkeit zu erkennen, dass eine erwartete Funktion nicht mehr vorhanden ist — und dass dieser Verlust nicht nur vorübergehend ist. Diese Studie ermöglichte es uns, diese Komponente unter kontrollierten Bedingungen zu testen.“ Goffinkakadus sind für diese Fragestellung besonders interessant. Sie sind hochinnovative Papageien, die dafür bekannt sind, komplexe physikalische Probleme zu lösen. Außerdem sind sie fähig, Werkzeuge herzustellen, Werkzeugsets zu transportieren und Werkzeuge zu verwerfen, wenn sie in einem bestimmten Kontext nicht mehr funktional sind. In der neuen Studie untersuchten die Forschenden, ob die Vögel auch in einem abstrakteren, nicht werkzeugbezogenen Kontext etwas über länger anhaltenden Funktionsverlust lernen können. Wenn die Belohnung plötzlich ausbleibt Dazu entwickelte das Team eine Touchscreen-Aufgabe. Die Kakadus lernten zunächst eine einfache Regel. Wenn sie einen runden Button auf dem Bildschirm berührten, erhielten sie eine kleine Futterbelohnung. Außerdem konnten sie einen Pfeil antippen, um zur nächsten Versuchsrunde zu wechseln. Anschließend führten die Forschenden eine Komplikation ein. Manchmal erzeugte der Bildschirm ein sehr auffälliges Blinken, wenn die Vögel den runden Button berührten. Von diesem Moment an funktionierte der Button nicht mehr — allerdings nur, wenn er vor genau diesem Hintergrund erschien. Vor anderen Hintergründen konnte derselbe Button weiterhin funktionieren. Die Frage war, ob die Goffinkakadus mehr lernen konnten als nur: „Dieser Button funktioniert nicht mehr.“ Gefordert war eine flexiblere Regel: Wenn dieses Blinken auftritt, ist dieser spezifische Kontext nicht mehr nützlich. Entscheidend war außerdem, ob sie diese Erwartung in späteren Sitzungen auch auf neue Hintergründe übertragen würden. Lernen, wann sich ein Versuch nicht mehr lohnt Osuna-Mascaró, Co-Erstautor der Studie, beschreibt das Experiment so: „Das Experiment mag komplex wirken, aber die Idee ist ziemlich einfach. Stellen Sie sich vor, ein Button funktioniert einwandfrei und hört dann — nachdem etwas passiert — auf zu funktionieren, aber nur in einer ganz bestimmten Situation. Wir wollten wissen, ob die Goffinkakadus nicht nur lernen konnten, dass sich das Antippen dieses speziellen Buttons in diesem Kontext nicht mehr lohnt, sondern auch, was das Ereignis allgemeiner bedeutete: Wenn ein neuer Hintergrund blinkte, würden sie dann erwarten, dass dieser neue Kontext nun ebenfalls nicht mehr funktioniert?“ Genau das fanden die Forschenden. Mit zunehmender Erfahrung lernten die Goffinkakadus, die Hintergründe zu überspringen, bei denen der Button nicht mehr funktionierte, statt weiter darauf zu beharren. Gleichzeitig gaben sie den Button nicht grundsätzlich auf: Sie betätigten ihn weiterhin in Kontexten, in denen er noch funktionierte. Mit anderen Worten: Sie verloren nicht einfach das Vertrauen in den Touchscreen. Sondern sie passten ihr Verhalten an den jeweiligen Kontext an. Große Unterscheide in der Reaktion einzelner Individuen Die Leistungen der Vögel waren nicht perfekt, und es zeigten sich deutliche individuelle Unterschiede. Einige Individuen passten sich schneller an als andere. Manche reagierten zudem sichtbar auf das Blinken, etwa mit Lautäußerungen oder aufgestellter Haube. Eleonora Rovegno ist Co-Erstautorin und die Forscherin, die die Tests durchführte. Sie beschreibt die Reaktionen auf den plötzlich nicht mehr funktionierenden Button: „Es war auffällig, wie unterschiedlich die Individuen reagierten, als der Button plötzlich nicht mehr funktionierte. Obwohl diese emotionalen Reaktionen nicht Teil der statistischen Auswertung waren, zeigten einige Vögel sehr deutliche Reaktionen wie Lautäußerungen, das Aufstellen der Haube, Bettelrufe oder stärkere Erregung. Diese Beobachtungen ließen die Aufgabe aus Sicht der Vögel sehr real wirken: Etwas, das eben noch funktioniert hatte, tat es plötzlich nicht mehr.“ Die Ergebnisse sollten nicht überinterpretiert werden Die Forschenden betonen, dass die Studie nicht zeigt, dass Goffin-Kakadus Unumkehrbarkeit in einem menschenähnlichen begrifflichen Sinn verstehen. Vielmehr zeigt sie, dass die Vögel innerhalb des experimentellen Settings einen anhaltenden, kontextspezifischen Funktionsverlust erlernen und flexibel darauf reagieren können. Monsó warnt vor Überinterpretationen: „Wir sollten vorsichtig sein, aus diesem Ergebnis den Schluss zu ziehen, dass die Vögel den Tod verstehen. Allerdings gehört die Fähigkeit, zu erkennen, dass eine erwartete Funktion nicht mehr vorhanden ist, und angemessen auf diesen Verlust zu reagieren, zu den Kompetenzen, die relevant sein könnten, um zu verstehen, wie Tiere auf den Tod und andere Formen dauerhafter Veränderung reagieren.“ Da die Aufgabe auf einem Touchscreen umgesetzt wurde und keinen Werkzeugeinsatz erforderte, ließe sich das experimentelle Design potenziell auf andere Arten übertragen. Touchscreen-Methoden sind in der vergleichenden Kognitionsforschung bereits bei zahlreichen Tierarten verbreitet. Künftige Studien könnten daher prüfen, wie andere Arten sich an dieses Paradigma anpassen. Auersperg, Leiterin des Goffin Labs, ergänzt: „Was Goffinkakadus zu einem so interessanten Modell macht, ist, dass sie uns immer wieder überraschen, indem sie Wissen von einem Kontext in einen anderen übertragen. In freier Wildbahn und in Studien in menschlicher Obhut lernen sie den Umgang mit Werkzeugen, Objekten und physikalischen Problemen. Hier haben wir den Aufbau bewusst reduziert, um uns auf Funktionalität selbst zu konzentrieren. Indem wir das physikalische Problem ausgeklammert und eine abstrakte Touchscreen-Aufgabe verwendet haben, können wir beginnen zu fragen, in welchem Umfang verschiedene Tierarten verstehen können, dass etwas, das einmal funktioniert hat, aufhören kann zu funktionieren.“ Die Studie ergänzt eine wachsende Zahl von Hinweisen darauf, dass Goffin-Kakadus äußerst flexible Problemlöser sind. Zugleich bietet sie einen neuen experimentellen Ansatz, um eine der kognitiven Komponenten zu untersuchen, die für den Minimalbegriff des Todes relevant sind. Videos sind auf der Website der Vetmeduni verfügbar.
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