Bei großen Operationen: Weniger Bluttransfusionen dank Tranexamsäure

Daten einer aktuellen Studie aus Kanada bestätigen: Die perioperative Gabe von Tranexamsäure reduziert den Bedarf von Bluttransfusionen. (Symbolfoto: ©santypan/stock.adobe.com)

Eine jüngst publizierte klinische Studie im „New England Journal of Medicine“ zeigt, dass Tranexamsäure den Transfusionsbedarf bei verschiedensten größeren Operationen senken kann, ohne das Risiko für gefährliche Blutgerinnsel zu erhöhen.

Tranexamsäure ist ein kostengünstiges Medikament, das übermäßige Blutungen verhindert und Blutgerinnsel stabilisiert. Es wird seit mehr als 30 Jahren überwiegend bei Herzoperationen und einigen orthopädischen Eingriffen eingesetzt. Auch bei urologischen Eingriffen (wir berichteten z. B. hier und hier) sowie bei bestimmten Indikationen in der Gynäkologie (wir berichteten hier) deutete sich bereits ein Nutzen der perioperativen Gabe von Tranexamsäure an.

Unter Leitung von Forschenden der University of Manitoba sowie des Ottawa Hospital untersuchte eine kanadische Forschungsgruppe nun in der landesweiten klinischen Studie TRACTION, ob die Tranexamsäure bei größeren Operationen allgemein Blutungen und Bluttransfusionen reduziert, ohne das Thromboserisiko zu erhöhen. Anhand ihrer Ergebnisse sprechen sich die Studienautoren dafür aus, den Einsatz von Tranexamsäure auf alle größeren Operationen auszuweiten, bei denen für die Patienten ein hohes Risiko für einen Blutverlust besteht.

„Dies ist ein Durchbruch in der Patientenversorgung und hat weltweit das Potenzial, jedes Jahr Millionen von Einheiten roter Blutkörperchen einzusparen“, sagte Dr. Brett Houston, Co-Erstautor sowie Hämatologe und klinischer Wissenschaftler an der University of Manitoba und bei CancerCare Manitoba.

Deutliche Reduktion von Bluttransfusionen ohne erhöhtes Thromboserisiko

Die doppelblinde, cluster-randomisierte, placebokontrollierte Studie wurde an 10 kanadischen Krankenhäusern durchgeführt. Die teilnehmenden Krankenhäuser wurden in Abständen von vier Wochen nach dem Zufallsprinzip einer krankenhausweiten Strategie mit intraoperativer Gabe von Tranexamsäure oder Placebo zugewiesen. Die Krankenhäuser wechselten dann etwa zwei Jahre lang alle vier Wochen die Behandlung. Zur Auswertung des primären Endpunktes standen die Daten von 8273 Patienten zur Verfügung, die sich einer größeren nicht kardialen Operation (offen oder laparoskopisch mit einer geschätzten Dauer von mindestens 3 Stunden) unterzogen und ein hohes Risiko (≥5 %) trugen, eine Erythrozyten-Transfusion zu benötigen. Onkologische Operationen machten mehr als die Hälfte (60,5 %) der chirurgischen Eingriffe aus. Eingeteilt nach Fachgebiet waren die häufigsten in der Allgemeinchirurgie (33,1 %), gefolgt von gynäkologischen (18,6 %) und urologischen Eingriffen (17,3 %), der Gefäßchirurgie (582; 7,0 %) und Wirbelsäulenoperationen (5,6 %).

Die Tranexamsäure wurde zu Beginn der Operation als 1-g-Bolus (2-g-Bolus bei Patienten mit einem Gewicht von >100 kg) intravenös verabreicht. Ein weiteres Gramm wurde vor dem Hautverschluss gegeben, wobei der Zeitpunkt dieser zusätzlichen Dosis im Ermessen des Anästhesisten lag. Die Forschenden bewerteten als koprimären Endpunkt einerseits die Wirksamkeit (Transfusion von roten Blutkörperchen während des Index-Krankenhausaufenthalts) als auch die Sicherheit hinsichtlich der Diagnose einer venösen Thromboembolie innerhalb von 90 Tagen.

Der Anteil der Patienten, die während des Krankenhausaufenthaltes eine Erythrozyten-Transfusion benötigten, war in der Tranexamsäure-Gruppe (7,5 %) signifikant geringer als in der Placebogruppe (9,8 %). Laut den Berechnungen der Forscher konnten pro 100 mit Tranexamsäure behandelten Patienten 10 Blutkonserven eingespart werden. Dabei erhöhte Tranexamsäure jedoch nicht das Risiko für eine venöse Thromboembolie innerhalb von 90 Tagen: Dieses unterschied sich nicht  zwischen Gruppen (jeweils 2,1 %). Die Tranexamsäure war dem Placebo damit nicht unterlegen.

Eine weitere wichtige Erkenntnis der Studie: Tranexamsäure bei größeren Operationen war auch für Krebspatienten sicher und wirksam, die aufgrund ihrer Erkrankung ein höheres Risiko für Blutgerinnsel haben, aber bislang oft aus derlei Studien ausgeschlossen wurden.

Experten fordern breitere Anwendung von Tranexamsäure in der Chirurgie

„Wenn Tranexamsäure bei größeren Operationen flächendeckend eingesetzt wird, wird dies die Operationssicherheit für Millionen von Patienten weltweit verbessern“, sagt Dr. Daniel McIsaac, Co-Erstautor, Anästhesist und leitender Wissenschaftler am Ottawa Hospital sowie Inhaber des Lehrstuhls für klinische Forschung im Bereich perioperative Innovation an der Universität Ottawa. Auch der Bedarf an Blutkonserven ließe sich damit merklich senken, so McIsaac. Die flächendeckende Einführung des Medikaments berge zudem das Potenzial für erhebliche Kosteneinsparungen.

„Eine Transfusion kostet in Kanada mehr als 700 kanadische Dollar, während Tranexamsäure weniger als 10 kanadische Dollar kostet“, verdeutlicht Studienleiter und Co-Seniorautor Dr. Ryan Zarychanski, Hämatologe, Intensivmediziner und klinischer Wissenschaftler an der Universität von Manitoba und bei CancerCare Manitoba. „Wir schätzen, dass die routinemäßige Anwendung von Tranexamsäure bei größeren nicht kardialen Operationen in Kanada jährlich 50.000 Blutkonserven und weltweit Millionen von Konserven einsparen könnte; die Einsparungen für die Gesundheitssysteme werden enorm sein“, meint Zarychanski.

„Dieser weitere Beleg für die Sicherheit und Wirksamkeit von Tranexamsäure in der Chirurgie sollte zu einer breiteren Anwendung führen“, schreiben die Autoren eines begleitenden Studienkommentars. Die Ergebnisse könnten ihrer Ansicht nach auch dazu anregen, dem Beispiel des Vereinigten Königreichs zu folgen und den Einsatz von Tranexamsäure auf Operationen auszuweiten, bei denen die Wahrscheinlichkeit eines größeren Blutverlusts oder einer Erythrozyten-Transfusion gering ist.

(ah/BIERMANN)