Bei Inkontinenz kulturbedingte Besonderheiten berücksichtigen

Die Berücksichtigung der individuellen Biografien und Gewohnheiten von Menschen mit einer Urininkontinenz sollte zum Alltag professionell Tätiger, wie beispielsweise Pflegepersonal und Ärzten, gehören.

In der täglichen Praxis, aber auch in der Öffentlichkeit ist zu beobachten, dass religiöse oder kulturelle Gepflogenheiten von Menschen mit Migrationshintergrund oft nicht bekannt sind.

Eine wichtige Aufgabe im Sinne der Inklusion ist es deshalb, Menschen auch nach ihren soziokulturellen Ausscheidungshintergründen zu befragen und diese in der täglichen Praxis zu berücksichtigen. Es geht hierbei nicht darum, die so häufig funktionelle Inkontinenzversorgung zu diffamieren, sondern für die Ausscheidungsrituale aufgrund von anderen Religionen, Riten oder soziokulturellen Hintergründen zu sensibilisieren. Im Sinne einer sozialen Inklusion – damit ist die „uneingeschränkte Teilhabe aller Menschen ohne Einschränkung durch ihre ethnische Herkunft, durch ihren sozialen Status oder durch ihre individuelle Begabung“ (Leicht-Eckhardt 2016:50) gemeint – wäre es möglich, Betroffenen gezielte Informationen, professionelle Beratung, angepasste Hilfs- und Lösungsmöglichkeiten oder Kenntnisse über die Bewältigung des Alltags individuell anzubieten. Mit diesen Überlegungen sollten sich professionell Tätige zukünftig mehr auseinandersetzen, um gemeinsam mit den Betroffenen individuelle Strategien zu erarbeiten, damit Lebensqualität im privaten, beruflichen und institutionellen Alltag ermöglicht wird.

Ausscheidungsrituale unter kulturellen Aspekten

In international besetzten Studiengruppen befassten sich im Mai 2017 die Studierenden von fünf Universitäten und Hochschulen aus Österreich, der Türkei, Polen, Finnland und der Bundesrepublik eine Woche lang intensiv mit Fragen zu Ausscheidungsritualen unter kulturellen Aspekten. Innerhalb dieser Gruppen erarbeiteten sie Strategien für eine hochwertige und nachhaltige Pflege. Dabei wurden kulturelle, individuelle und evidenzbasierte Aspekte sowie auch ökonomische und ökologische Überlegungen miteinbezogen.

Thematisch wurden unter anderem folgende Religionen zur Forschungsfrage näher beleuchtet:

• Christentum
• Judentum
• Orthodoxes Christentum
• Hinduismus
• Islam.

Rituelle Waschung für Muslime essenziell

Gerade weil es in Deutschland viele Menschen mit einem muslimischen Migrationshintergrund gibt, sollen exemplarisch Besonderheiten der Pflege beziehungsweise Versorgung dieser Menschen mit Urininkontinenz aufgegriffen werden.

Eines von fünf Ritualen des Islams ist das regelmäßige Gebet. Muslime beten fünfmal am Tag, dies ist eine Notwendigkeit für Frauen und Männer. In diesem Zusammenhang müssen folgende Regeln eingehalten werden:

1. Muslime müssen sauber und trocken sein, um beten zu können.
2. Muslime unterziehen sich einer rituellen Waschung.

Eine rituelle Waschung ist nach den Regeln des Korans bei folgenden Handlungen immer notwendig: vor dem Beten, dem Lesen des Korans, dem Betreten der Moschee sowie dem Haddsch, der Pilgerfahrt nach Mekka.

Weil Inkontinenz starke Auswirkungen auf das muslimische Leben hat, müssen Pflegende in Krankenhäusern, Alten- und Pflegeeinrichtungen sowie ambulanten Diensten sich intensiv mit kulturspezifischen Aspekten beschäftigen.

Fokussiert man diese religiösen Bedürfnisse auf Personen mit einer Urininkontinenz, so sind folgende Aspekte von großer Bedeutung:

• „Reinigen ist die Essenz des Islams“.
• Nach dem Islam müssen Personen auch im Intimbereich sauber sein.
• Mögliche Begleiterscheinungen der Inkontinenz wie zum Besipiel das Einnässen oder die Verunreinigung der Kleidung sind Lebensqualität einschränkende Faktoren für Muslime.

Inkontinenzmaterial muss vor dem Gebet gewechselt werden

Hieraus ergeben sich für die Praxis folgende Handlungsempfehlungen: Da Reinlichkeit zum Beispiel vor dem Gebet ein fundamentales Bedürfnis ist, muss bei Personen mit einer Inkontinenz eine Waschung vor dem Gebet ermöglicht werden. Das bedeutet zugleich, dass das Inkontinenzmate­rial fünfmal täglich gewechselt werden muss. Ein weiterer Aspekt ist die Berücksichtigung genderspezifischer Besonderheiten, nämlich die Versorgung durch eine gleichgeschlechtliche Pflegeperson.

Selbst wenn pflegerische Fachkräfte kultursensibel pflegen wollen, stehen sie zuweilen vor dem Dilemma, ob sie angesichts der rigiden Kosten­erstattung durch die Krankenkassen den konkreten Bedarf an notwendigem Inkontinenzmaterial zur Verfügung stellen können.

Des Weiteren muss das Empowerment (Selbstpflege) der Betroffenen gefördert werden; neben dem Beckenbodentraining ist auch die Patienten­edukation in muttersprachlicher Form wünschenswert.

Deshalb müssen neben der Etablierung von Fortbildungen zur kultursensiblen Pflege und der Stärkung des Selbstpflegepotenzials auch die notwendigen monetären Ressourcen seitens der Kassen zur Verfügung gestellt werden. Der weitestgehende Erhalt der Lebensqualität von kranken oder zu pflegenden Personen sowie eine religions- und kulturspezifische Pflege und Begleitung müssen eine hohe Prio­rität im Gesundheits- und Pflegesystem haben.

Autoren:
Prof. Dr. Katharina Oleksiw, FH Kärnten (Österreich), Gesundheits- und Pflegemanagement, E-Mail: k.oleksiw@fh-kaernten.at
Prof. Dr. Wilfried Schlüter, Westsächsische Hochschule Zwickau, Fakultät Gesundheits- und Pflegewissenschaften, E-Mail: wilfried.schlueter@fh-zwickau.de

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