Berberaffen in Norddeutschland: Forscher finden über 300.000 Jahre alten Zahn16. September 2026 Der in Schöningen gefundene Zahn ist fast vollständig erhalten und etwa einen Zentimeter lang. Die dunkle Färbung ist auf die Konservierung in humosem, organischem Sediment zurückzuführen. Foto: © Ivo Verheijen und Mike Reich Ein Forschungsteam hat einen Zahn aus der archäologischen Fundstelle Schöningen in Niedersachsen untersucht. Der äußerst seltene Fund ist der nördlichste Nachweis eines Makaken in Kontinentaleuropa. Heute sind Berberaffen stark vom Aussterben bedroht. Das Team des Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen und der niederländischen Universität Leiden zeigt in seiner jetzt in der Fachzeitschrift „Quaternary Environments and Humans“ erschienenen Studie, dass es sich um einen Milchzahn eines jungen Makaken (Macaca cf. sylvanus) handelt, der vor mehr als 300.000 Jahren in dieser Region lebte. Der Zahn ist damit der nördlichste Fund dieser Primatenart in Kontinentaleuropa. Berberaffen (Macaca sylvanus) sind die einzige heute lebende Makakenart, die nicht in Asien, sondern in Nordafrika heimisch ist und auch an der Südspitze Europas in Gibraltar vorkommt. Vor allem in den Bergregionen Algeriens und Marokkos leben heute noch etwa 8.000 der Tiere frei in Laub- und Nadelwäldern. Die kleine, aber berühmte Population in Gibraltar wurde ursprünglich vom Menschen eingeführt. Während des Pleistozäns erstreckte sich der Lebensraum dieser Primaten dagegen noch über weite Teile Süd- und Mitteleuropas. Dies zeigen fossile Funde aus Spanien, Italien und Griechenland bis nach Deutschland und England. Was ein nicht mal ein Zentimeter großer Zahn offenbart „Der von uns jetzt untersuchte kleine Zahn wurde bei der Grabungskampagne 2004 in Seeufersedimenten der niedersächsischen Fundstelle Schöningen geborgen. Diese ist weltweit für ihre gut erhaltenen archäologischen und paläontologischen Überreste aus der Altsteinzeit bekannt und erlaubt sensationelle Einblicke in die damalige Umwelt und die klimatischen Bedingungen“, berichtet Dr. Jordi Serangeli vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen und Grabungsleiter in Schöningen. „Der Zahn ist fast vollständig erhalten und weniger als einen Zentimeter lang“, ergänzt Studienleiter Prof. Dr. Thijs van Kolfschoten von der Universität Leiden. „Es handelt sich um den Milchbackenzahn eines jungen, etwa einjährigen Makaken (Macaca cf. sylvanus), einer Art, die dem heute lebenden Berberaffen (Macaca sylvanus) sehr nahe steht. Schöningen liegt rund 1.800 Kilometer weiter nördlich als das heutige nördlichste Verbreitungsgebiet dieser Art. Damit gehört der Zahn zu den nördlichsten Funden von Makaken aus dem mittleren Pleistozän und ist der nördlichste Fund aus Kontinentaleuropa überhaupt.“ Verbreitungsgebiet war früher deutlich größer Der heutige Lebensraum der Berberaffen ist von mediterranem Klima mit warmen, trockenen Sommern und relativ feuchten Wintern geprägt. Die Population in den Hochgebirgsregionen Zentralmarokkos zeigt, dass die Art sehr kaltes Wetter recht gut verträgt, mit Wintertemperaturen von bis zu minus 22 Grad Celsius im Januar. „Ihre heutige Verbreitung in kleinen und zum Teil isolierten Rückzugsgebieten in Marokko – Mittlerer Atlas, Hoher Atlas und Rif-Gebirge – und Algerien – Schlucht von Chiffa, kleine und große Kabylei – spiegelt die Verfügbarkeit von Rest-Lebensraum wider und nicht ihren natürlichen Lebensraum. Auch Dank des Fundes aus Schöningen wissen wir, dass das Verbreitungsgebiet der Tiere früher um ein Vielfaches größer war“, erklärt Serangeli. Moderne Makaken ernähren sich hauptsächlich pflanzlich, etwa von Blüten, Früchten, Samen, Keimlingen oder Blättern, ergänzt durch tierische Nahrungsquellen wie Schnecken, Insekten, Fische, Eier und kleine Wirbeltiere. Obwohl sie ökologisch von Bäumen abhängig sind, verbringen die geselligen, tagaktiven Primaten den Großteil der Tagesstunden am Boden. Bei Gefahr ziehen sie sich jedoch in die Bäume zurück. „Vor circa 310.000 Jahren war die Landschaft am Ufer des damaligen Sees in Schöningen ein offenes Waldgebiet mit Birken- und Kiefernbeständen“, so Serangeli. „Das zeigen umfassende Umweltanalysen der Fundstelle. Die mittleren Sommer- und Winterlufttemperaturen entsprachen in etwa den heutigen, wobei die Winter mindestens ein Grad Celsius kälter waren. Das deutet auf ein ausgeprägteres Kontinentalklima hin.“ Berberaffe stark vom Aussterben bedroht ‒ Jungtiere müssen als Haustiere herhalten Ursprünglich entwickelte sich die Gattung Macaca im späten Miozän vor etwa 16 Millionen Jahren, vermutlich in Nordafrika. Danach breitete sich der Berberaffe über die gesamte Mittelmeerregion und weiter nördlich bis in die heutigen Niederlande und nach Deutschland aus. „Die Art war über einen sehr langen Zeitraum in Europa weit verbreitet. Mehrere Berberaffen-Reste wurden sogar in England gefunden“, erzählt van Kolfschoten. „In Norddeutschland waren die Tiere wahrscheinlich an der Grenze ihres möglichen Lebensraums angekommen. Die Verbreitung der Berberaffen ging später dramatisch zurück, bis sie in der letzten Eiszeit in Europa gänzlich ausstarben. Der Grund waren Klimawandel, Verlust des Lebensraums und wahrscheinlich der zunehmende Druck durch eine andere Primatenart, den frühen Menschen.“ Der Berberaffe ist heute stark vom Aussterben bedroht. „Der natürliche Lebensraum der Berberaffen schrumpft ununterbrochen, zudem sind sie Opfer einer rücksichtslosen Jagd auf ihre Jungtiere, die anschließend als Haustiere verkauft werden“, berichtet Serangeli. „Als Primaten gehören Berberaffen auch zu unseren engsten Verwandten. Wir müssen diese faszinierenden Tiere, die früher zur Vielfalt Europas gehörten, vom endgültigen Aussterben bewahren.“
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