Bittere Kräuterextrakte stimulieren Magenzellen

Dr. Phil Richter im Labor (Quelle: Dr. Gisela Olias | Leibniz-LSB@TUM)

Bittere Kräuterextrakte gelten seit Langem als verdauungsförderlich. Doch welche molekularen Mechanismen liegen dieser Wirkung zugrunde? Eine Studie des Leibniz-Instituts für Lebensmittel-Systembiologie an der Technischen Universität München zeigt: Insbesondere in Kombination können Kräuterextrakte menschliche Magenzellen zur Säureproduktion anregen.

Im Fokus der aktuellen Studie stand ein handelsübliches pflanzliches Kombinationspräparat zur Linderung von Verdauungsbeschwerden. Es enthält Extrakte aus neun Pflanzen, deren Mischung deutlich bitter schmeckt. Daraus entstand die Hypothese, dass die enthaltenen Bitterstoffe, zu denen auch Polyphenole gehören, nicht nur Geschmacksrezeptoren in der Mundhöhle aktivieren, sondern auch über extraorale Bitterrezeptoren im Magen die Magensäureproduktion anregen können.

Vier Kräuterextrakte besonders wirksam

Um diese Hypothese zu überprüfen, untersuchte das Forschungsteam um Erstautor Dr. Phil Richter und Studienleiterin Veronika Somoza sowohl die Wirkung von einzelnen Extrakten als auch drei verschiedenen Extraktmischungen mithilfe eines zellbasierten Testsystems. Dabei zeigte sich: Einige Pflanzenextrakte, insbesondere aus Meisterwurz, Wacholder, Salbei und Schafgarbe, steigerten die Säureproduktion der menschlichen Magenzellen (HGT-1-Zellen) besonders stark. Andere, zum Beispiel aus Löwenzahn und Enzian, zeigten im getesteten Konzentrationsbereich (bis 300 Mikrogramm pro Milliliter) keine bedeutsame Wirkung.

Ein weiterer Befund der Studie ist, dass die stärksten Effekte bei Extrakten mit einem hohen Polyphenolgehalt auftraten. Diese sekundären Pflanzenstoffe könnten laut dem Forschungsteam eine zentrale Rolle bei der Stimulation der Säuresekretion der Magenzellen spielen. Molekularbiologische Experimente legen zudem nahe, dass insbesondere die drei Bitterrezeptortypen TAS2R4, TAS2R5 und TAS2R39 an der gesteigerten Säureproduktion beteiligt sind.

Die Mischung macht′s

„Auch der Vergleich verschiedener Mischungen war interessant“, erklärt Richter. So stimulierte die kombinierte Mischung aller neun Extrakte die Säurebildung am stärksten. Die Mischung aus den vier wirksamsten Einzelextrakten zeigte jedoch einen deutlich schwächeren Effekt, während die Mischung aus den fünf am wenigsten wirksamen Extrakten die Säuresekretion nur sehr wenig stimulierte.

Der Forscher erläutert: „Unsere Ergebnisse sprechen dafür, dass die volle Wirkung erst durch das Zusammenspiel verschiedener Inhaltsstoffe entsteht, die sich gegenseitig verstärken. Dies geschieht vermutlich durch die gleichzeitige Aktivierung mehrerer Bitterrezeptortypen.“ Veronika Somoza ergänzt: „Neben den Polyphenolen spielen sicher auch noch weitere Inhaltsstoffe eine Rolle.“

Die Studie liefert damit eine mögliche Erklärung für die verdauungsfördernde Wirkung bitterer Kräuter: Sie könnten über Bitterrezeptoren direkt die Magensäurebildung anregen und so die Verdauung unterstützen. Gleichzeitig zeigt sie, dass komplexe Pflanzenmischungen dabei wirksamer sein können als einzelne Extrakte.

Allerdings betont Somoza, die am Leibniz-Institut die Arbeitsgruppe Metabolic Function & Biosignals leitet, dass es sich um Ergebnisse aus Zellkultur-Experimenten handelt. Ob sich die beobachteten Effekte auch im menschlichen Körper in gleichem Maße zeigen, müssten zukünftige klinische Studien klären. Dennoch können die neuen Erkenntnisse schon heute dazu beitragen, pflanzliche Präparate gezielter zu entwickeln, so die Wissenschaftlerin.