Bluthochdruck in der Schwangerschaft: Geburt früh einleiten – oder besser abwarten?5. Juni 2026 Symbolbild © Sanc/peopleimages.com/stock.adobe.com Ein aktueller Cochrane Review zeigt: Bei Bluthochdruck in der Schwangerschaft führt eine frühe Geburtseinleitung ab der 34. Woche zu nur noch halb so vielen Komplikationen wie Abwarten – ohne dass die Kaiserschnittrate steigt. Bluthochdruckerkrankungen in der Schwangerschaft zählen weltweit zu den häufigsten Ursachen schwerer Komplikationen bei Müttern und Neugeborenen. Der kürzlich veröffentlichte Cochrane Review hat sechs randomisiert kontrollierte Studien mit insgesamt 3.491 Frauen ausgewertet, um zu analysieren, wie sich die Risiken minimieren lassen. Verglichen wurde eine geplante frühzeitige Geburtseinleitung oder – sofern medizinisch erforderlich – ein Kaiserschnitt mit einem abwartenden Management, bei dem die Schwangerschaft unter engmaschiger Überwachung fortgeführt wird, solange keine schwerwiegenden Komplikationen auftreten. Die eingeschlossenen Studien wurden zwischen 2002 und 2022 durchgeführt. Fünf der sechs Studien stammen aus Ländern mit hohem Einkommen (Großbritannien, Niederlande, USA), eine Studie wurde in zwei Ländern mit niedrigem bzw. niedrig-mittlerem Einkommen durchgeführt (Sambia und Indien). Die Studien schlossen Frauen mit verschiedenen Bluthochdruckerkrankungen ein: Präeklampsie, Schwangerschaftsbluthochdruck und chronischer Bluthochdruck. Der Zeitpunkt der geplanten Geburt variierte je nach Studie zwischen der 34. und der 41. Schwangerschaftswoche. Eine geplante frühe Geburt senkt das Komplikationsrisiko Der Cochrane Review, der von einem internationalen Forscherinnen-Team um die Erstautorin Dr. Alice Beardmore-Gray vom King’s College London erstellt wurde, zeigt im Detail: Eine geplante frühe Geburt senkt das insgesamte Risiko der Schwangeren, eine von mehreren verschiedenen schweren Komplikationen zu erleiden. Damit waren verschiedene schwere Erkrankungen wie etwa epileptische Krampfanfälle, Lungenödeme, Nierenversagen und das lebensbedrohliche, so genannte HELLP-Syndrom sowie der Tod der Mutter gemeint. Ohne eine geplante frühe Geburt erlitten etwa 47 von 1.000 Schwangeren mit Bluthochdruckerkrankungen eine dieser schweren Komplikationen. Mit geplanter früher Geburt waren es nur etwa 25 von 1.000 Schwangeren. (RR 0,54; 95%-KI: 0,37 bis 0,77; 6 Studien, 3.491 Teilnehmerinnen; Vertrauenswürdigkeit der Evidenz nach GRADE: hoch) Und wie beeinflusst eine geplante frühe Geburt das Risiko für eine bestimmte, einzelne schwere Komplikation – also beispielsweise das Risiko nur für ein Lungenödem oder das Risiko nur für eine schwere Nierenfunktionsstörung? Diese Frage lässt sich auf Basis der vorliegenden Daten nicht beantworten. Die verschiedenen einzelnen Komplikationen traten in den Studien nämlich jeweils zu selten auf, um daraus sichere Schlüsse ableiten zu können. Auf die Sterblichkeit der Mütter hat eine geplante frühe Geburt möglicherweise keinen oder nur einen geringen Einfluss. Allerdings ist die Datenlage bei dieser Frage sehr beschränkt: Es kam nämlich nur in zwei der sechs ausgewerteten Studien überhaupt zu Todesfällen – und zwar zu lediglich vier Todesfällen insgesamt (drei bei abwartendem Management und einer bei geplanter früher Geburt). Wegen der dünnen Datenbasis ist dieses Teil-Ergebnis des Reviews mit einer relativ großen Unsicherheit behaftet und weitere Forschung könnte das Ergebnis noch ändern. (6 Studien mit 3491 Teilnehmerinnen, Vertrauenswürdigkeit der Evidenz nach GRADE: low) Eine geplante frühe Geburt erhöht nicht das Kaiserschnitt-Risiko Zugleich erhöht eine früh eingeleitete Geburt das Kaiserschnittrisiko nicht: Von 1.000 Schwangeren mit Bluthochdruckerkrankung, bei denen unter engmaschiger Überwachung abgewartet wurde, brachten etwa 429 ihr Kind per Kaiserschnitt zur Welt. Von 1.000 Schwangeren, bei denen die Geburt früh eingeleitet wurde, waren es etwa 403. (RR 0,94; 95%-KI: 0,83 bis 1,06; 6 Studien, 3.539 Teilnehmerinnen; Vertrauenswürdigkeit der Evidenz nach GRADE: hoch) „Wenn man Frauen eine frühe Einleitung anbietet, lautet ihre erste Frage: Erhöht das nicht mein Risiko für einen Kaiserschnitt? Diese Frage klar mit Nein beantworten zu können, ist eine wirklich wichtige Information, wenn wir sie über den besten Zeitpunkt für die Geburt beraten“, erklärt Beardmore-Gray. „Mit der Einschätzung, ab wann wir eine Geburt einleiten sollen, ringen wir klinisch jeden Tag. Ein weit verbreiteter Irrglaube ist, dass Mutter und Kind durch weiteres Zuwarten mehr Zeit gewinnen. Tatsächlich aber verzögert man damit oft nur eine unvermeidliche Notgeburt – zu einem Zeitpunkt, an dem es beiden möglicherweise schlechter geht.“ Eine geplante frühe Geburt verringert das Totgeburten-Risiko in armen Ländern Hinweise auf weniger tot geborene Kinder durch eine frühe Geburtseinleitung fanden sich ausschließlich in der einzigen Studie aus Ländern mit niedrigem beziehungsweise niedrig-mittlerem Einkommen. (In den Studien aus Ländern mit hohem Einkommen wurden keine Totgeburten berichtet.) Wartete man bei Schwangeren mit Bluthochdruckerkrankung unter engmaschiger Überwachung ab, werden laut der einen ausgewerteten Studie etwa sieben von 1.000 Kindern tot geboren. Mit einer früh eingeleiteten Geburt sind es wahrscheinlich etwa zwei pro 1.000. Die Übertragbarkeit dieses Teilergebnisses auf Deutschland bleibt allerdings unklar. (RR 0,25; 95%-KI: 0,07 bis 0,87; 5 Studien, 3.407 Teilnehmerinnen, Vertrauenswürdigkeit der Evidenz nach GRADE: moderat) Die Forschenden wollten auch herausfinden, ob eine früh eingeleitete Geburt dafür sorgt, dass weniger lebend geborene Kinder in den ersten Tagen sterben oder schwer erkranken. Die Ergebnisse der einbezogenen Studien weichen allerdings stark voneinander ab, sodass sich dazu keine verlässlichen Aussagen ableiten ließen. (RR 1,06; 95%-KI: 0,75 bis 1,51; 6 Studien mit 3576 Teilnehmerinnen, Vertrauenswürdigkeit der Evidenz nach GRADE: sehr niedrig). Was der Review hingegen zeigen konnte: Wahrscheinlich hat eine geplante frühe Geburt keinen oder nur einen kleinen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit, dass Neugeborene anschließend auf eine Neugeborenenstation aufgenommen werden müssen (RR 1,11; 95%-KI: 0,90 bis 1,37; 6 Studien mit 3.560 Teilnehmerinnen; Vertrauenswürdigkeit der Evidenz nach GRADE: moderat) Langfristige Daten zur kindlichen Entwicklung nach einer späten Frühgeburt – also ab der 34. Schwangerschaftswoche – und zur dauerhaften kardiovaskulären Gesundheit der Mütter, die während der Schwangerschaft an einer Bluthochdruckerkrankung litten, fehlen bislang. Die Cochrane-Autorinnen empfehlen, diesen Fragen in künftiger Forschung nachzugehen. Die Ergebnisse stützen die aktuelle deutsche S2k-Leitlinie Die Ergebnisse des Reviews stützen im Wesentlichen die aktuelle deutsche S2k-Leitlinie „Hypertensive Erkrankungen in der Schwangerschaft“ (AWMF 015-018, Stand: Juli 2024). Die Leitlinie empfiehlt bei Präeklampsie, die Schwangerschaft nicht über die 37+0 Schwangerschaftswoche hinaus fortzuführen und den Geburtszeitpunkt ab der 34+0 Schwangerschaftswoche individuell anhand der Risiken für Mutter und Kind abzuwägen. Der Cochrane Review liefert hierfür die aktuellste und umfassendeste Evidenzgrundlage und schließt erstmals auch Daten zu chronischem Bluthochdruck ein. Sowohl die deutsche Leitlinie als auch die Review-Autorinnen betonen, dass bei der Entscheidung über den Geburtszeitpunkt die Präferenzen der Frau sowie die Art, die Anzahl und die Schwere ihrer Krankheitssymptome berücksichtigt werden müssen. Für Länder mit niedrigem Einkommen heben die Autorinnen zudem hervor, dass es besonders wichtig sei, diese Zeichen zeitnah zu erkennen und eine geplante frühe Geburt zügig durchzuführen, um die dort deutlich höhere Sterblichkeit bei Müttern und Neugeborenen zu senken. „Diese Ergebnisse geben Ärztinnen und Ärzten sowie Frauen eine klarere Orientierung, wann der richtige Zeitpunkt für die Geburt ist, wenn sich in der Schwangerschaft Bluthochdruck entwickelt“, ordnet Prof. Catherine Cluver, Seniorautorin des Reviews von der Stellenbosch University und dem Tygerberg Hospital in Südafrika den Review ein. „Insbesondere für Frauen mit Präeklampsie unterstützt die Evidenz das Vorgehen, ihnen eine geplante frühe Geburt ab der 34. Schwangerschaftswoche anzubieten – spätestens aber bis zur 37. Woche.“ Das könnte Sie ebenfalls interessieren: Präeklampsie: Blutdrucksenkung allein reicht nicht aus Die routinemäßige Einnahme von Aspirin beugt schwerer Präeklampsie vor
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