Braunvieh-Dame Veronika kratzt sich am Allerwertesten und sorgt für Kuh-Hype

alle Fotos: Antonio J. Osuna-Mascaró

Mit der Zunge greift die österreichische Kuh Veronika zum Schrubber und kratzt sich ausgiebig. Sie setzt dabei erstaunlich filigrane Techniken ein. Von wegen „dumme Kuh“: Warum Veronika’s Intelligenz Zweifel an unserer eigenen aufkommen lassen sollte.

Eine Braunvieh-Kuh aus Kärnten kratzt an unseren Vorstellungen von Tierintelligenz: Forschende des Messerli Forschungsinstituts der Vetmeduni beobachteten eine österreichische Kuh, die einen Besen als multifunktionales Werkzeug benutzte – eine seltene Form der Werkzeugnutzung, die zuvor nur bei Schimpansen bestätigt worden war.

Doch Nutztiere werden häufig unterschätzt.

Beleidigungen wie „dumme Kuh“ gehören zum alltäglichen Sprachgebrauch und spiegeln ein weit verbreitetes Bild wider: Kühe gelten als langsam, stumpf, wenig einfallsreich. Dabei leben wir seit Jahrtausenden mit ihnen zusammen. Doch wie gut kennen wir ihre geistigen Fähigkeiten wirklich?

Veronika genießt Haustierstatus – das macht einen Unterschied

Veronika ist eine 13-jährige Braunvieh-Kuh, die auf einer Almwiese in Nötsch im Gailtal lebt, einem idyllischen Ort in den Kärntner Bergen. Sie gehört der Familie von Wittkar Wiegele, einem Biobauern, Müller und Bäcker, der zudem ein Nachfahre des österreichischen Malers Franz Wiegele ist. Veronika wird nicht zur Milch- oder Fleischproduktion gehalten. Sie ist ein Haustier mit Eigenheiten, die man sonst kaum mit Rindern in Verbindung bringt.

Bereits vor etwa zehn Jahren beobachtete Wittkar Wiegele, dass Veronika gezielt heruntergefallene Äste aufhob, um sich an schwer erreichbaren Stellen zu kratzen. Der wissenschaftliche Impuls kam, als ein Freund der Familie ein Handyvideo dieses Verhaltens an Alice Auersperg schickte. Die Kognitionsforscherin hatte kurz zuvor ihr Buch „Erfindergeist der Tiere“ veröffentlicht. In dem Video war zu sehen, wie Veronika mit der Zunge einen Stock aufnahm, ihn zwischen Zahnreihe und Gaumenplatte fixierte und damit gezielt ihre Flanken bearbeitete.

Wäre unser Blick unvoreingenommen sähen wir „besser“

„Veronikas Verhalten zeigt, wie sehr wir Tiere unterschätzen, bei denen wir bestimmte Fähigkeiten schlicht nicht erwarten“, sagt Auersperg, Professorin am Messerli Forschungsinstitut für Mensch-Tier-Beziehung an der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Zusammen mit ihrem Kollegen Antonio Osuna-Mascaró besuchte Auersperg Veronika in Kärnten. „Wir dachten, wir müssten lange warten, um das Verhalten zu beobachten“, erinnert sich Osuna-Mascaró. „Aber sobald ein Stock in ihrer Nähe lag, hob sie ihn auf und begann sofort damit, sich zu kratzen, in einer Art und Weise, die uns verblüfft hat.“

Nach ihrem ersten Besuch entwickelten die Wissenschafter ein Experiment, um zu testen, ob Veronikas Kratzverhalten die Kriterien für flexible Werkzeugnutzung erfüllt. Dazu gehört, ein Objekt zur Verlängerung des eigenen Körpers einzusetzen und dabei mechanische Kraft auf ein Ziel auszuüben. Osuna-Mascaró kehrte daraufhin nach Nötsch zurück, um die Daten zu erheben.

In einer Reihe von Durchgängen wurde Veronika mit einem Schrubber (einem hartborstigen Reinigungsbesen) konfrontiert, der waagrecht auf dem Boden lag. Die Ausrichtung der Borsten – nach links oder rechts – wurde bei jeder Darbietung zufällig verändert. Jedes Mal wurden sowohl ihre Wahl des Werkzeugendes (Borsten- oder Stielseite) als auch die jeweils bearbeitete Körperregion dokumentiert.

Veronika verfolgt ihr Ziel erstaunlich differenziert

Die Ergebnisse, kürzlich in der nun umbenannten Fachzeitschrift „Current Biology“ veröffentlicht, waren bemerkenswert. Veronika bevorzugte eindeutig das borstige Ende, wenn sie feste, breite Körperregionen wie ihren Rücken kratzte. Wollte sie jedoch weichere, nachgiebigere Bereiche ihres Unterkörpers erreichen, etwa Euter oder Bauchhaut, wechselte sie zur Stielseite. Zu ihrer eigenen Überraschung stellten die Forschenden außerdem fest, dass Veronika unterschiedliche, aufgabenspezifische Techniken einsetzte.

Für das Kratzen des Oberkörpers führte sie den Besen mit weiten, schwungvollen Bewegungen, die an einen Menschen mit einer Bodenbürste erinnern. Die Nutzung des Stiels am Unterkörper hingegen war kontrolliert, vorsichtig und eng fokussiert.

Problematisch ist bereits der Begriff „Nutztier“

„Was mich wirklich überrascht hat war, dass sie nicht einfach das nächstgelegene Ende ergriff. Sie passte das Werkzeugende und die Technik daran an, welche Körperstelle sie bearbeiten wollte. In diesem Moment wurde mir klar, dass sie den Besen tatsächlich als echtes Mehrzweckwerkzeug einsetzt,” sagt Osuna-Mascaró. „Veronika kratzt an unseren Vorstellungen von Tierintelligenz“, so Auersperg. „Viele Fähigkeiten bleiben unsichtbar, weil wir sie gar nicht erst erwarten – besonders bei Tieren, die wir vor allem unter dem Aspekt ihrer Nützlichkeit betrachten.“

Das Messerli Forschungsinstitut in Wien, an dem beide Forschenden tätig sind, widmet sich der wissenschaftlichen Untersuchung von Mensch-Tier-Beziehungen. Der Fall Veronika zeigt: Flexible Werkzeugnutzung kann auch bei Tieren vorkommen, bei denen wir bisher nicht danach gesucht haben.

Die Forscher bitten um Hinweise auf ähnliche Beobachtungen unter:  [email protected]

Sich zu Kratzen stellt ein Komfortverhalten dar, das etwa unter der aktuell in der Kritik stehenden Anbindehaltung unmöglich ist. In Laufställen haben die Tiere mehr Bewegungsfreiheit.

Tierärzte fordern Ende der Anbindehaltung – Biermann Medizin

(Symbolbild) Foto: © doris oberfrank-list – stock.adobe.com

Übrigens sind auch Schweine sehr klug und wir muten ihnen oftmals Haltungsformen zu, die ebenso wie die bei Rindern einer kritischen Prüfung unterzogen werden sollten.