BVKJ schlägt Alarm: “Pädiatrische Versorgung ernsthaft bedroht!“

Kinderärztin beim Abhören einer Lunge. (Foto: © Robert Kneschke – stock.adobe.com)

Angesichts übervoller Kliniken und Praxen schlagen die deutschen Kinder- und Jugendärzte Alarm. Doch die aktuelle Infektwelle ist dem Berufsverband zufolge nur ein Brennglas, das die jahrelange politische Vernachlässigung des Faches zutage fördert.

Die Situation der Kinderkliniken und vor allem der ambulanten Kinder- und Jugendarztpraxen in Deutschland ist dramatisch. Eltern kranker Kinder finden kaum noch Plätze für ihren Nachwuchs. Kinderkliniken weisen sie wegen Überbelegung ab, Praxen verhängen Aufnahmestopps. Ein Grund dafür ist, dass sich das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) derzeit besonders stark verbreitet. Dazu treten andere schwere Atemwegsinfekte vermehrt auf. Die Infektwelle ist aber nicht der eigentliche Grund für die dramatische Lage, so Jakob Maske, Sprecher des Berufsverbandes der Kinder-und Jugendärzte:

„Das Debakel hat die Politik zu verantworten, die seit Jahren die Pädiatrie finanziell aushungert, uns aber gleichzeitig immer mehr Aufgaben aufbürdet. 80 Prozent der Kliniken mussten in den letzten Jahren die Zahl ihrer Betten reduzieren, sogar im Intensivbereich. In unseren Praxen müssen wir daher zunehmend schwer kranke und chronisch kranke Kinder und Jugendliche mitversorgen. Wir müssen außerdem eine wachsende Zahl von Patienten medizinisch betreuen, denn die Zahl der Geburten hat in den letzten Jahren zugenommen, ebenfalls die Zahl der Kinder aus Flüchtlingsfamilien. Wir haben es heute auch nicht mehr nur mit Infektionskrankheiten zu tun, sondern mit den sogenannten neuen Krankheiten, also vor allem Übergewicht und sozial bedingten Entwicklungsstörungen, die einen hohen Beratungsaufwand erfordern. Wir arbeiten durchschnittlich weit über 50 Stunden pro Woche, um unsere Patienten zu versorgen – ohne dass dies entsprechend honoriert wird. Wir werden mit Aussicht auf Nullrunden abgespeist, während die Ausgaben für die reine Erhaltung unserer Praxen rasant wachsen. Allein die steigenden Energiepreise belasten uns überdurchschnittlich. Anders als in öffentlichen Gebäuden können wir zum Beispiel kaum die Raumtemperaturen absenken, weil wir Neugeborene und kranke Kinder nicht frieren lassen können”, heißt es in einer Mitteilung des Berufsverbandes.

Lange und stressige Arbeitstage bei fehlenden finanziellen Anreizen und damit auch fehlender gesellschaftlicher Wertschätzung führten heute schon dazu, dass für freie Praxissitze keine Nachfolger zu finden seien. Etwa ein Drittel der Kinder- und Jugendärzte wird dem BVKJ zufolge in den kommenden fünf Jahren in Rente gehen, Eltern werden dann noch größere Probleme haben, einen Kinder- und Jugendarzt oder eine -ärztin zu finden, so die Prognose des Verbands. “Kinder haben in der Politik offenbar keine Lobby und die Kinder- und Jugendmedizin hat es damit auch nicht. Die derzeitige dramatische Situation beleuchtet diesen Skandal. Es ist höchste Zeit, dass die Politik nun umsteuert. Wir brauchen mehr Medizinstudienplätze, Perspektiven für junge niederlassungswillige Ärzt:innen und mehr Klinikbetten. Und zwar schnell, denn Kinder und Jugendliche warten nicht mit dem Krankwerden“, appellierte der Berufsverband.