Chile: Ernährungspolitisches Maßnahmenpaket zeigt Wirkung16. Juni 2026 In Deutschland wird über ein Werbeverbot für ungesunde Lebensmittel gestritten. Nun zeigt eine Studie aus Chile, dass die Kombination eines solchen Verbotes mit anderen Maßnahmen aus dem Bereich der Ernährungspolitik die Fettleibigkeit bei Kindern tatsächlich verringern kann. Chile zählt weltweit zu den Ländern mit den höchsten Raten an Übergewicht und Adipositas bei Kindern. Um diesem Problem entgegenzuwirken, führte das Land 2016 eine der weltweit umfassendsten und ehrgeizigsten Lebensmittelrichtlinien ein – das Gesetz zur Lebensmittelkennzeichnung und -werbung (FLAL). Das FLAL zielt auf Lebensmittel und Getränke mit hohem Zucker-, gesättigten Fettsäuren-, Salz- oder Kaloriengehalt ab und umfasst drei Kernmaßnahmen: obligatorische Warnhinweise auf der Vorderseite der Verpackung in Form von schwarzen Achtecken, Verkaufsbeschränkungen für solche Produkte in Schulen sowie Einschränkungen bei der an Kinder gerichteten Lebensmittelwerbung. Kennzeichnung und Werbeverbote wirken gemeinsam „Obwohl einzelne nationale Maßnahmen wie Zuckersteuern auf Erfrischungsgetränke mit verbesserten Gesundheitsergebnissen in Verbindung gebracht wurden, ist dies die erste Studie, die plausibel nachweist, dass ein Maßnahmenpaket das Risiko für Übergewicht und Adipositas im frühen Kindesalter auf nationaler Ebene senken kann“, erklärt Prof. Guillermo Paraje, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universidad Adolfo Ibáñez Business School. „Diese Ergebnisse liefern politische Entscheidungsträgern weltweit starke Belege. Sie stützen obligatorische Warnhinweise zur Ernährung auf der Vorderseite der Verpackung, Beschränkungen für ungesunde Lebensmittel in Schulen und Marketingverbote als wirksame, praktische Mittel zur Bekämpfung der Adipositas-Epidemie bei Kindern.“ Adipositasrisiko geht zurück Für die Studie zogen die Forschenden nationale Daten von mehr als 300.000 Schulkindern im Alter von vier bis sechs Jahren in Chile heran, anhand derer sie das Gewicht der Kinder aus den Jahren vor der Einführung von FLAL mit dem Gewicht und der Größe von Kindern derselben Schulklassen nach Inkrafttreten der ersten Phase des Gesetzes im Jahr 2016 verglichen. Die Studie ergab, dass Kinder, die nach der Einführung von FLAL Phase 1 bereits 18 Monate lang die Schule besucht hatten, seltener übergewichtig oder fettleibig waren als Kinder derselben Jahrgangsstufen vor Inkrafttreten von FLAL. Bei Mädchen war das Risiko für Übergewicht oder Adipositas um 2,9 Prozent geringer (ein Rückgang um 1,4 Prozentpunkte gegenüber einer Rate von 47,7 Prozent vor Inkrafttreten des FLAL), während bei Jungen das Risiko um 2,4 Prozent geringer war (ein Rückgang um 1,2 Prozentpunkte gegenüber einer Rate von 52 Prozent vor Inkrafttreten des FLAL). Die Studie ergab zudem einen plausiblen kausalen Zusammenhang in der Kohorte der vier- bis sechsjährigen Schulkinder bereits nach sechs Monaten der FLAL-Phase 1: Mädchen wiesen ein um 1,9 Prozent geringeres Risiko für Übergewicht oder Adipositas auf (eine Verringerung um 0,9 Prozentpunkte gegenüber einer Prävalenz von 47,4 Prozent vor Einführung von FLAL) und Jungen ein um 2,2 Prozent geringeres Risiko (eine Verringerung um 1,2 Prozentpunkte gegenüber einer Prävalenz von 52 Prozent vor Einführung von FLAL). Kleine Veränderung, große Wirkung Die Phasen 2 und 3 von FLAL sehen strengere Grenzwerte für Zucker, gesättigte Fette, Salz oder Kalorien vor. Diese Phasen wurden 2018 und 2019 eingeführt und hatten daher keinen Einfluss auf die Ergebnisse der Studie. Dr. Nieves Valdes, außerordentliche Professorin für Wirtschaftswissenschaften an der Universidad Adolfo Ibáñez Business School, betont: „Obwohl die Verringerung des Risikos für Adipositas und Übergewicht bei jungen Schulkindern bescheiden erscheinen mag, ist es wahrscheinlich, dass die weitere Verschärfung des Gesetzes in den folgenden Jahren die Wirkung verstärkt hat. Dafür sprechen Hinweise darauf, dass der Umsatz mit gekennzeichneten Lebensmitteln in Phase 2 des FLAL im Vergleich zu Phase 1 stärker zurückgegangen ist.“ „Darüber hinaus dürfte selbst eine geringe Gewichtsreduktion bei Kindern mit Übergewicht oder Adipositas bedeutende langfristige gesundheitliche Vorteile mit sich bringen, angesichts des engen Zusammenhangs zwischen Adipositas im Kindesalter und dem späteren Risiko für Adipositas, Diabetes, Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie angesichts der Hinweise darauf, dass eine frühzeitige Prävention diese Risiken erheblich senken kann.“ Nicht kleckern, sondern klotzen Die Forscher weisen auf einige Einschränkungen ihrer Studien hin, darunter die Tatsache, dass die plausible Kausalität des Zusammenhangs auf der Annahme beruht, dass die beiden Kohorten von Schulkindern ohne die Einführung des FLAL denselben Ernährungstrends gefolgt wären – eine Annahme, die sich nicht überprüfen lässt, obwohl sie durch Trends vor Einführung der Richtlinie gestützt wurde. Zudem wurde das Gewicht der Kinder von Schulpersonal erfasst, das zwar für diese Aufgabe geschult war, jedoch möglicherweise nicht die gleiche Präzision erreichte, wie sie typischerweise in Einrichtungen der primären Gesundheitsversorgung zu finden ist. In einem begleitenden Kommentar schreiben Prof. Simone Pettigrew und Dr. Daisy Coyle vom George Institute for Global Health (Australien), die nicht an der Studie beteiligt waren: „In einem politischen Umfeld, in dem der Widerstand der Industrie ein gewaltiges Hindernis für die Umsetzung gesundheitsfördernder Maßnahmen darstellt, sind hochwertige, praxisnahe Erkenntnisse von entscheidender Bedeutung. […] Die Forschungsergebnisse untermauern die Notwendigkeit, dass Regierungen über schrittweise, auf einzelne Maßnahmen beschränkte Ansätze hinausgehen und stattdessen umfassende, integrierte Strategien zur Verbesserung des Ernährungsumfelds umsetzen. Insbesondere heben die Ergebnisse das Potenzial von Maßnahmenpaketen hervor, darunter obligatorische Warnhinweise und Marketingbeschränkungen für ungesunde Lebensmittel sowie Mindeststandards für die Schulverpflegung, um sinnvolle Ergebnisse zu erzielen.“
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