Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen: Ballaststoffe in Vollkornprodukten schützen offenbar7. April 2026 Die Ergebnisse einer neuen Studie stützen die Hypothese, dass die Entfernung von Kleie (hier im Bild) bei der Herstellung von Weizenprodukten zu einem Anstieg Chronisch-entzündlicher Er-krankungen beigetragen hat. (Foto: © New Africa/stock.adobe.com) Die Ergebnisse einer neuen Untersuchung an Mäusen könnten helfen, den globalen Anstieg von Fällen Chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen (CEDs) zu erklären. Die Forschenden befinden, dass der vermehrte Konsum von Vollkornprodukten das Erkrankungsrisiko senken könnte. Ihre Resultate haben die Wissenschaftler kürzlich in zwei Publikationen – in den Fachzeitschriften „Science Advances“ und „Mucosal Immunology“ – vorgestellt. Im Mittelpunkt der Forschungsarbeit stand die Wirkung von Weizenfasern: Sie sind in Weizenvollkorn und Vollkornbrot enthalten, fehlen aber weitgehend in Weißbrot und anderen Produkten aus raffiniertem Mehl. Wie die Forschenden vom Institute for Biomedical Sciences (IBMS) der Georgia State University (USA) feststellten, entstehen bei der Verstoffwechselung von Weizenfasern durch Darmbakterien bioaktive, entzündungshemmende Metaboliten, darunter Polyphenole. Diese wiederum programmieren Darmimmunzellen dergestalt neu, dass sie Entzündungen unterdrücken. Im Mausmodell schützten sie so vor akuten und chronischen Darmentzündungen. Chronisch-entzündliche Darmerkrankung: Global ein zunehmendes Problem Die Zahl der CED-Fälle hat im Verlauf des 20. Jahrhunderts in der westlichen Welt stetig zugenommen. So zeigte eine Ende 2024 veröffentlichte umfassende Datenanalyse, dass die CED-Rate unter Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den USA gestiegen ist und zu den höchsten weltweit zählt. Im Frühjahr 2025 stellte dann eine internationale Forschergruppe in einer weiteren Veröffentlichung dar, dass CEDs inzwischen auch in Schwellenländern in Afrika, Asien und Lateinamerika vermehrt auftreten. Veränderungen in Lebensmittelproduktion und -konsum – insbesondere der vermehrte Einsatz hochverarbeiteter Weizenprodukte – hätten zu einem immer geringeren Verzehr von Weizenfasern geführt und trügen möglicherweise zur Zunahme von CEDs bei, argumentieren jetzt die Autoren der aktuellen Studie. Sollten sich die Ergebnisse aus dem ihrem Mausmodell auf den Menschen übertragen lassen, deute dies darauf hin, dass der Verzehr von Vollkornbrot oder -nudeln und anderen entsprechenden Produkten anstelle von Lebensmitteln aus Weißmehl das Risiko für CED senken könnte, argumentieren die Forschenden. Die Untersuchungen deuteten zudem darauf hin, dass die Anreicherung verarbeiteter Lebensmittel mit Weizenfasern diesen positiven Effekt ebenfalls haben könne. Weizenfaser ist nur einer von vielen Ballaststoffen, die in Industrieländern häufig nicht ausreichend verzehrt werden. Tatsächlich erreichen die meisten Menschen in Industrieländern nicht die von Gesundheitsorganisationen empfohlene tägliche Ballaststoffzufuhr von mindestens 25 bis 38 Gramm. Diese Empfehlungen basieren auf Erkenntnissen, dass der Verzehr pflanzlicher, ballaststoffreicher Lebensmittel gut für die Gesundheit ist, sowie auf zahlreichen Tierstudien, die zu demselben Ergebnis kamen. Für Bildung von Polyphenolen aus Weizenfasern braucht es ein fähiges Darmmikrobiom Diese Studien konzentrierten sich jedoch größtenteils auf Ballaststoffe wie Flohsamen (aus Wegerichsamen) und Inulin (aus der Zichorienwurzel), die in der westlichen Ernährung traditionell keine große Rolle spielten. Daher ist die Beobachtung, dass Weizenfasern, (früher in der westlichen Ernährung ein fester Bestandteil) diese Vorteile mit sich bringen, besonders relevant, wenn es darum geht, die Bedeutung von Ballaststoffen für die Darmgesundheit zu verstehen. Darüber hinaus unterscheidet sich der Wirkmechanismus von Weizenfasern deutlich von dem anderer Ballaststoffe. Weizenfasern erhöhen nicht, wie lösliche Ballaststoffe, den Gehalt an kurzkettigen Fettsäuren, sondern setzen bei der Verdauung durch Darmbakterien gebundene Polyphenole frei. Tatsächlich brachten in der aktuellen Studie Weizenfasern Mäusen nur dann einen Nutzen, wenn ihr Darmmikrobiom in der Lage war, Weizenfasern abzubauen und dabei Polyphenole freizusetzen. Studien-Erstautorin Seong-eun G. Kim. (Foto: © Georgia State University) „Diese Ergebnisse stützen die Hypothese, dass die weitverbreitete Praxis der Entfernung von Kleie bei der Herstellung von Weizenprodukten zu einem Anstieg Chronisch-entzündlicher Erkrankungen beigetragen hat“, erläutert Andrew T. Gewirtz, Hauptautor der Studie und Professor am Institut für Biomedizinische Wissenschaften der Georgia State University (USA). „Darüber hinaus legen sie nahe, dass die Zugabe von Weizenfasern zu verarbeiteten Lebensmitteln diese gesünder machen könnte.“ Erstautorin Seong-eun G. Kim von der Weill Cornell Medicine (USA) ergänzt: „Die Chemie der Ballaststoffe kann ziemlich komplex sein. Aber Darmbakterien sind sehr effizient im Abbau von Ballaststoffen, und das Immunsystem profitiert maßgeblich davon.“ Gewirtz fasst zusammen: „Je mehr wir uns mit Ballaststoffen beschäftigen, desto mehr erkennen wir, dass es sich um äußerst vielfältige Verbindungen handelt, wobei Ballaststoffe aus verschiedenen Pflanzen jeweils unterschiedliche gesundheitsfördernde Wirkungen haben. Ein besseres Verständnis dieser Moleküle sollte letztendlich die Herstellung gesünderer verarbeiteter Lebensmittel ermöglichen. Bis dahin ist es aber ratsam, Vollkornweizen und Vollkornbrot zu wählen und den Speiseplan um eine Vielfalt an Obst und Gemüse zu ergänzen.“
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