Chronische Lebererkrankungen in Europa: Die vermeidbare Krise unterhalb des Radars26. Mai 2026 Abbildung/KI-generiert: NeonPetal/stock.adobe.com In einer neuen Artikelserie in „The Lancet Regional Health – Europe“ fordern die Autoren, Lebererkrankungen stärker in umfassendere nationale und EU-weite politische Strategien zu Ernährung, Alkohol, Adipositas, öffentlicher Gesundheit und nicht übertragbaren Krankheiten einzubinden. Die Wissenschaftler unterstreichen, dass Europa mit einer wachsenden Bedrohung durch chronische Lebererkrankungen konfrontiert ist. An der Serie, die unter der Leitung des Barcelona Institute for Global Health (ISGlobal; Spanien) entstand, waren mehr als 75 Autoren aus 30 Ländern beteiligt. Diese mahnen, dass der Umgang mit Lebererkrankungen in Europa über das rein hepatologische Fachgebiet hinausgehen und besser in die europäischen Gesundheitssysteme integriert werden muss. Eine stille Last, die Millionen Menschen betrifft Chronische Lebererkrankungen sind in ganz Europa für eine erhebliche Last an vorzeitiger Morbidität und Mortalität verantwortlich, wobei Männer und sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen unverhältnismäßig stark betroffen sind. Mittlerweile stehen sie – nur noch übertroffen von ischämischen Herzerkrankungen – an zweiter Stelle der häufigsten Ursachen für den Verlust von Arbeitsjahren in Europa. Die Artikelserie warnt zudem davor, dass mit Stoffwechseldysfunktionen verbundene Lebererkrankungen die Krankheitslast im Bereich der Lebergesundheit in Europa derzeit rasant verändern. Den Ergebnissen zufolge leben Schätzungen zufolge einer von drei Menschen in der EU und in Großbritannien mit einer Stoffwechseldysfunktion-assoziierten steatotischen Lebererkrankung (MASLD), die mittlerweile zu den führenden Auslösern von Leberkrebs in Europa zählt. Europa weist weltweit die höchsten Raten beim Alkoholkonsum pro Kopf sowie die höchste Prävalenz von episodischem Rauschtrinken auf – bei gleichzeitig den niedrigsten Raten an Alkoholabstinenz. Das Zusammentreffen von Alkoholkonsum, Adipositas und weiteren Risikofaktoren für Lebererkrankungen treibt die hohen Raten an Lebererkrankungen im Endstadium sowie an Leberkrebs in die Höhe. Schätzungen zufolge ist Alkohol für 40 Prozent der jährlich 287.000 vorzeitigen, leberbedingten Todesfälle in Europa verantwortlich – wobei die tatsächliche Zahl möglicherweise noch höher liegt. Quer durch Europa beeinträchtigen Lebererkrankungen bereits heute die Gesundheit der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter; so treten Todesfälle infolge alkoholbedingter Lebererkrankungen sowie unentdeckter oder unbehandelter viraler Hepatitiden häufig Jahrzehnte früher auf als bei vielen anderen chronischen Erkrankungen. Hepatitis B und C sind für mehr als 85 Prozent der fast 57.000 jährlichen Todesfälle verantwortlich, die in der EU/im Europäischen Wirtschaftsraum auf HIV, Tuberkulose und virale Hepatitis-Infektionen zurückzuführen sind. Über die Hepatologie hinaus „Europa braucht keine weitere Warnung davor, dass sich Lebererkrankungen verschlimmern. Es braucht eine andere Art der Reaktion“, sagt Prof. Jeffrey V. Lazarus von der CUNY Graduate School of Public Health and Health Policy in New York (USA), Leiter der Public Health Liver Group bei ISGlobal und der „Lancet Europe Series“. „Wenn wir über stark verarbeitete Lebensmittel, alkoholische Getränke und allgemein ungesunde Ernährungsweisen sprechen, sprechen wir im Grunde über das Risiko von Lebererkrankungen. Wenn wir über Diabetes, Fettleibigkeit und eine sitzende Lebensweise sprechen, sprechen wir ebenfalls über genau dieses Risiko. Wir benötigen stärkere politische Maßnahmen und Interventionen im Bereich der öffentlichen Gesundheit, um dieser Krankheitslast zu begegnen“, erklärt Lazarus. „Und auch die primärmedizinische Versorgung muss sich ändern. Es ergibt keinen Sinn, dass Menschen auf Blutdruck, Cholesterinwerte und Gewicht untersucht werden, nicht aber auf Leberfibrose“, fügt er hinzu. Die Artikelreihe beleuchtet chronische Lebererkrankungen aus vier sich ergänzenden Perspektiven: 1) Modelle für Erkennung und Versorgung, 2) Vorbereitung der Politik und von Entscheidungsträgern auf MASLD, 3) alkoholbedingte Lebererkrankungen und mit einer Stoffwechseldysfunktion assoziierte steatotische Lebererkrankung mit erhöhtem Alkoholkonsum (MetALD) sowie 4) Fortschritte auf dem Weg zur Eliminierung viraler Hepatitiden. In der Artikelserie betrachten die Autoren metabolische, alkoholbedingte und virale Ursachen von Lebererkrankungen in ihrem gemeinsamen Kontext. „Indem diese Arbeiten diese Ursachen gemeinsam untersuchen, zeigen sie auf, warum Europa eine koordinierte Prävention, eine frühere Erkennung, klare Versorgungspfade und einen vorurteilsfreien Ansatz benötigt – einen Ansatz, der die Lebergesundheit mit Diabetes, Fettleibigkeit, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, der Alkoholpolitik, der Krebsprävention und den Bedürfnissen unterversorgter Bevölkerungsgruppen verknüpft“, erklärt Elisa Pose von der Hospital Clínic Barcelona (Spanien), Co-Leiterin der Artikelreihe. In einem Kommentar zur Artikelseihe warnen die Patientenvertreter Jeff McIntyre, Gina Bartes und Raquel Peck davor, dass Menschen mit Lebererkrankungen häufig mit Annahmen und Vorurteilen konfrontiert werden, die die Krankheit ausschließlich als Folge persönlicher Entscheidungen darstellen. „Das Stigma, das aus diesem fehlenden Kontext resultiert, beeinflusst direkt die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen, die Beteiligung an Behandlungen und die Gesundheitsergebnisse. Gleichzeitig prägt es politische Prioritäten und trägt zur anhaltenden Unterbewertung von Lebererkrankungen bei“, erklären sie. Paul Brennan von der University of Dundee (Großbritannien), Co-Leiter der Reihe, ergänzt: „Zu lange haben wir es hingenommen, dass die Gesellschaft im Allgemeinen und die Lobbyisten der Industrie die Schuld auf Einzelpersonen schieben, anstatt die kollektive Verantwortung und das Versagen von Regierung und Institutionen anzuerkennen. Lebererkrankungen, insbesondere MASLD, Virushepatitis und alkoholbedingte Lebererkrankungen, betreffen unverhältnismäßig stark die Schwächsten in unserer Gesellschaft. In dieser Reihe zeigen wir auf, wie wir evidenzbasierte Interventionen in den Bereichen Diagnostik, Vorsorge, Behandlungspfade und Politikentwicklung integrieren können, um die nächsten Generationen von Europäern besser zu schützen.“ Verpasste Chancen für Prävention und Früherkennung Die Autoren warnen zudem davor, dass Millionen von Menschen mit chronischen Lebererkrankungen weiterhin ohne entsprechende Diagnose bleiben. Eine frühere Identifizierung in der ambulanten und Primärversorgung ‒ einschließlich Teststrategien und automatisierter, nicht invasiver Beurteilung von Leberfibrosen ‒ könnte das Fortschreiten zu Fibrose, Zirrhose, Leberkrebs und vorzeitigem Tod verhindern. Zu den wichtigsten Empfehlungen gehören: Integration der Lebergesundheit in Strategien zur Prävention nicht übertragbarer Krankheiten und Krebs Angleichung der Maßnahmen gegen Lebererkrankungen an Strategien zu Diabetes, Adipositas, Alkohol, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, körperlicher Aktivität und Ernährung Stärkung von Überwachungssystemen und Früherkennung Verbesserung des Zugangs zu Behandlungsangeboten und solchen zur Eingrenzung von Schäden Umsetzung strengerer Alkoholrichtlinien und Reduzierung kommerzieller Schadensursachen Bekämpfung von Stigmatisierung und Barrieren, die unterversorgte Bevölkerungsgruppen betreffen „Der chronischen Lebererkrankung in Europa als Gefahr für die öffentlichen Gesundheit einen Riegel vorzuschieben, ist möglich ‒ aber nur, wenn Europa handelt, bevor fortgeschrittene Erkrankungen zum Standarddiagnosezeitpunkt werden“, fasst Lazarus zusammen. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung der Artikelserie fällt zusammen mit einer Veranstaltung des Global Think-tank on Steatotic Liver Disease, einer Initiative der Public Health Liver Group des ISGlobal. Sie findet im Vorfeld des diesjährigen Kongresses der European Association for the Study of the Liver (EASL; 27.-30.05.2026) statt. Inhalte der Artikelserie Die Reihe umfasst vier Beiträge sowie vier begleitende Kommentare. Die Beiträge konzentrieren sich auf folgende Themen: diagnostische Innovationen und Versorgungsmodelle bei chronischen Lebererkrankungen Vorbereitung der Gesundheitspolitik auf MASLD in Europa Alkoholbedingte Lebererkrankungen und MetALD Kontrolle und Eliminierung viraler Hepatitiden Die begleitenden Kommentare greifen vorrangige Perspektiven auf – darunter die Patientenvertretung, kulturelle und sprachliche Barrieren in der Versorgung, die Labormedizin sowie die Bedürfnisse von Menschen mit Autoimmun- und seltenen Lebererkrankungen. (ac)
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