DAKJ: Kinder nicht nur als Virusträger betrachten24. April 2020 Experten sehen Kinder und Jugendliche durch den Lock-down in ihrer Entwicklung gefährdet. (Foto: ©Anke Thomass – stock.adobe.com) Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ) kritisiert, dass Kinder und Jugendliche in den bisherigen Entscheidungsprozessen zur Eindämmung von COVID-19 nicht als Personen mit ebenbürtigen Rechten gesehen, sondern als potenzielle Virusträger betrachtet und damit in ihren Lebenswelten massiv eingeschränkt wurden. Sie fordert, in der Entwicklung einer Exit-Strategie auch die Belange von Kindern zu berücksichtigen. Alle beschlossenen Regelungen für Kinder und Jugendliche seien primär aus der Perspektive der Erwachsenen gedacht. Der Zugang zur Not-Betreuung in Kindertagesstätten und Schulen richte sich primär nach dem Beruf der Eltern und nicht nach den Bedürfnissen der Kinder, kritisiert die DAKJ. Nur Nordrhein-Westfalen habe dies für drohende Kindeswohlgefährdung vorgesehen. Deutschland scheine nach den derzeitigen Daten relativ gut durch die Krise zu kommen, heißt es in einer Stellungnahme der Akademie. Es sei aber unklar, ob die Schließung von Kindergärten und Schulen bedeutsam für die erfolgreiche Strategie war. Die anstehenden Regelungen zur weiteren Normalisierung müssten daher auch mit Blick auf die Bedürfnisse und Rechte von Kindern und Jugendlichen beschlossen werden. Mutige Entscheidungen seien gefordert, die sich nicht ausschließlich an einer hygienischen und epidemiologischen Risikominimierung für Erwachsene orientieren, sondern die stark genug sind, um langfristig Schaden von Kindern und Jugendlichen abzuwenden. Die bisherigen politischen Entscheidungen in der Krise zeigten einmal mehr, warum Kinderrechte in das Grundgesetz gehören. Medizinische und epidemiologische Grundlagen Aus den wenigen bislang vorliegenden Studien ist bekannt, dass Kinder und Jugendliche seltener und meist nur leicht an einer Infektion mit SARS-CoV-2 erkranken als Erwachsene. In Deutschland entfallen dem RKI zufolge bislang circa drei Prozent aller registrierten Infektionen auf Kinder und Jugendliche bis 14 Jahre. Ursachen der Diskrepanz sind nicht bekannt. Kinder werden möglicherweise seltener getestet oder sie infizieren sich weniger häufig. Vergleichbar geringe Infektionsraten von Kindern sind aus anderen Coronavirus Epidemien wie SARS oder MERS bekannt. Erste Fallstudien zeigten, dass eher Erwachsene Kinder anstecken als umgekehrt, erklärte die DAKJ. Es bleibe daher unklar, wie wichtig Kinder für die Verbreitung des Virus in der Bevölkerung sind; die bisherigen Daten legten nahe, dass sie bislang für das Voranschreiten der Pandemie eine untergeordnete Rolle spielen. Folgen der Einschränkungen für Kinder und Jugendliche Die beschlossenen Maßnahmen greifen laut DAKJ tief in die Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen ein. Die Schließung von Kindertagesstätten, Kinderspielplätzen, Schulen und Sportstätten bedeute den Entzug wesentlicher Voraussetzungen für eine gesunde körperliche, psychische und soziale Entwicklung. Die Umstellung der Arbeitswelten der Eltern, beispielsweise im Home-Office, sei primär an den Bedürfnissen der Eltern und des Arbeitgebers ausgerichtet. Unterstützung für eine gelingende gleichzeitige Betreuung der Kinder fehle, so die Akademie. Damit würden Eltern entweder ihren beruflichen Aufgaben oder ihren Kindern nicht ausreichend gerecht, eine Situation, die den Stress in den Familien zusätzlich erhöht. Für Familien fallen vielerorts – durch die räumliche Distanzierung – Unterstützungs- und Hilfsangebote (Jugendämter oder soziale Einrichtungen) weitgehend weg. Aufsuchende Hilfen können nicht mehr gewährleistet werden. Insbesondere die Jugendämter können damit ihre Wächterfunktion als Fürsprecher der Kinder nicht adäquat wahrnehmen. In den Kliniken werden Fälle von Kindeswohlgefährdungen beobachtet, bei denen ein kausaler Zusammenhang mit den veränderten Lebensbedingungen der Familien nicht ausgeschlossen werden kann. Daher führt die Deutsche Gesellschaft für Kinderschutz in der Medizin eine aktuelle Erhebung an Kliniken für Kinder- und Jugendmedizin durch. Schließlich sei unklar, wie lange die Beschränkungen des öffentlichen Lebens in Deutschland aufrechterhalten werden müssen, möglicherweise über viele Monate, bis wirksame Impfstoffe verfügbar sind. Das sei eine für die kindliche Entwicklung zu lange und zu wichtige Zeitdauer, mahnt die Akademie. Gesundheitliche Folgen für Kinder und Jugendliche Aktuell vermerken Kinder- und Jugendärzte einen Rückgang der Besuche in den Praxen, Fachambulanzen und Kliniken. Schwerwiegende Erkrankungen oder psychische und soziale Probleme führen nicht zu einer zeitgerechten Vorstellung. “Wir befürchten Probleme durch unverhältnismäßig langes Hinauszögern von notwendigen diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen. Entsprechende Erfahrungen wurden in unseren Praxen und Kliniken bereits gemacht”, erklärte die Experten. Durch Aussetzen der Früherkennungsuntersuchungen würden Entwicklungsauffälligkeiten und Krankheiten zu spät entdeckt, und es fehle insbesondere der hier implementierte Kinderschutz. Das Verschieben von notwendigen Impfungen könne zudem langfristig zu Engpässen bei der Verfügbarkeit von Impfstoffen führen; außerdem sei eine frühzeitige Grundimmunisierung der Säuglinge ein wichtiger Schutz. Bei Aussetzen der allgemein empfohlenen Impfungen seien deshalb Ausbrüche von Erkrankungen wie Masern und Keuchhusten zu befürchten, mahnt die DAKJ. Kinder und Jugendliche mit chronischen Erkrankungen, körperlichen Einschränkungen und Verhaltensauffälligkeiten erhielten aktuell weder eine institutionelle Betreuung noch eine adäquate therapeutische Unterstützung. Notwendig sei daher die Wiederaufnahme der Grundversorgung in der Prävention sowie der Betreuung schwer und chronisch kranker Kinder und Jugendlicher, fordern die Experten. Auswirkungen auf die psychische und schulische Entwicklung Durch den Lock-down ist laut DAKJ das weitere Auseinanderdriften von guten Schülern und lernschwächeren Kindern zu befürchten. Vielen Kindern aus sozial benachteiligten Familien fehle eine adäquate Lernumgebung und Unterstützung – auch durch die Lehrer. Möglichkeiten einer individuellen Förderung seien nicht gegeben. Befragungen in England haben ergeben, dass Kinder und Jugendliche mit seelischen Gesundheitsstörungen über eine Verschlechterung ihrer Gesundheit berichten, da ihnen die Stabilität verleihenden Netzwerke in Schule, Beratung und Therapie fehlen. Schlussfolgerung “Es ist zunächst dringend wissenschaftlich zu klären, ob Kinder und Jugendliche überhaupt epidemiologisch relevante Überträger des Virus sind. Auf politischer Seite muss abgewogen werden zwischen möglichen epidemiologischen Auswirkungen einer Öffnungsstrategie einerseits und den erheblichen Risiken eines verlängerten Lock-downs für die gesunde kindliche Entwicklung andererseits”, erklärte die DAKJ. “Wir Kinder- und Jugendärzte befürchten langfristige Auswirkungen auf die Gesundheit der nachwachsenden Generation, wenn die Einschränkungen in dieser Strenge lange fortbestehen. Wir fordern daher, dass Experten für Kinder und Jugendliche und die Betroffenen selbst in die weiteren politischen Beratungen eingebunden werden.” Handlungsempfehlungen der DAKJ: Die Belange von Kindern und Jugendlichen müssen in der Entwicklung einer Exit Strategie berücksichtigt werden. Dafür sind Kinder und Jugendliche und ihre Fürsprecher zu hören. Bei allen Maßnahmen sollen die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen auf Schutz, Förderung und Beteiligung besonders bedacht und adressiert werden. Bei Einschränkungen müssen Mittel und Wege gefunden werden, Nachteile auszugleichen. Die schrittweise Öffnung von Kindertagesstätten sollte sich primär an dem Bedarf der Kinder und nicht der Eltern oder deren Arbeitgeber orientieren. Kinder in besonderen Lebenssituationen (alleinerziehende Eltern, psychisch oder suchtkranke Eltern, sozial benachteiligte Familien) sind besonders zu berücksichtigen. Die Unterbrechungszeiten der Betreuung gerade für junge Kinder sollen so kurz wie möglich gehalten werden. Wir empfehlen die Öffnung von Kinderspielplätzen, unter Verantwortung der Eltern. Wir empfehlen die Wiederaufnahme des Schulbesuchs (unter Berücksichtigung von Hygienestandards) ggf. alternativer Beschulungsmodelle – für alle Kinder und Jugendlichen zum nächstmöglichen Zeitpunkt. Beim Neustart des Bildungssystems sollte dabei nicht nur der Blick auf den Abschluss von Prüfungen und den Übertritt in ein weiterführendes Ausbildungssystem gerichtet sein. Der Erhalt einer psychischen Stabilität und die Gewährleistung einer gesunden und altersgemäßen Entwicklung sind gleichwertig wichtig. Für Kinder und Jugendliche mit besonderen gesundheitlichen Risiken müssen flexible Ausnahmeregelungen und Unterstützungsangebote ermöglicht werden. Unterstützende, therapeutische und fördernde Maßnahmen für Familien und Kinder in besonderen Lebenssituationen sind erforderlich. Die Familien benötigen Begleitung und Hilfe im Aufbau und Erhalt von inneren familiären Strukturen, die nicht zunehmend durch Medienkonsum bestimmt sein dürfen. Wir sehen die besonderen Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen, die nicht bei ihren Familien leben. Wir fordern daher eine gezielte Unterstützung von stationären Einrichtungen wie Kindernotdiensten, Wohngruppen, Heimen und Pflegeeinrichtungen sowie Asylbewerbereinrichtungen und Frauenhäusern. Die zeitgerechte Durchführung aller Schutzimpfungen und Früherkennungsuntersuchungen muss weiter gewährleistet werden, ggfs. durch ein angepasstes Praxissetting (Trennung von akut Kranken). Kinder- und Jugendärzte sind weiterhin verlässliche Ansprechpartner für die Kinder, Jugendlichen und ihre Familien. Dies kann, neben den weiterhin wesentlichen persönlichen Vorstellungen in den Praxen, Fachambulanzen und Kliniken, auch über telefonische Kontakte und Videosprechstunden gewährleistet werden.
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