Dengue-Impfung auch für seronegative Reisende?

Dengue-Fieber
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Die Deutsche Fachgesellschaft für Reisemedizin (DFR) empfiehlt, Reisende ohne vorangegangene Dengue-Fieber-Infektion nicht mehr grundsätzlich von einer Impfung gegen Dengue-Fieber auszunehmen.

Damit stellt sich die Fachgesellschaft gegen die Empfehlung der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institut (STIKO) aus dem Jahr 2023. Grund sei die aktuelle Datenlage, die die Beschränkungen in der STIKO-Empfehlung nicht mehr rechtfertige, so die Experten der DFR. Auch zum Ablauf der Impfung gebe es aktuelle Daten: Sie zeigten, dass eine einmalige Impfdosis für einen vorläufigen Schutz ausreiche. Das sei für die Praxis relevant, da Reiseberatungen häufig kurzfristig in Anspruch genommen würden. Reise- sowie Arbeitsmedizinerinnen und -mediziner sollten Reisende mit hohem Expositionsrisiko entsprechend beraten, empfiehlt die DFR.

Neue Datenlage zu tetravalentem Impfstoff

Mit Qdenga® wurde im Dezember 2022 ein tetravalenter attenuierter Lebendimpfstoff durch die Europäische Kommission zugelassen. Seit März 2023 ist dieser auch auf dem deutschen Markt verfügbar. Die STIKO empfiehlt den Einsatz dieses Impfstoffs als Reiseimpfung aktuell nur für Personen ab 4 Jahren, die bereits eine laborbestätigte Dengue-Infektion durchgemacht haben und in ein Endemiegebiet reisen. Zudem soll die Impfserie mit zwei Impfungen im Abstand von drei Monaten vor Reiseantritt abgeschlossen sein.

„Begründet wurde die Einschränkung vor allem mit einem hypothetischen Risiko eines sogenannten Antibody Dependent Enhancement (ADE), also einem durch körpereigene Antikörper ausgelösten schwerwiegenderen Krankheitsverlauf bei Erstinfektion nach Impfung bei bislang nicht infizierten Personen“, erläutert Prof. Tomas Jelinek, Präsident der DFR. „Dieses Argument war zum Zeitpunkt der Empfehlung 2023 nachvollziehbar – auf Basis der heutigen Datenlage ist es jedoch nicht mehr haltbar.“

Die Zulassung der Europäischen Kommission für den Impfstoff ist weiter gefasst: Danach kann die Impfung für gefährdete Personen ab 4 Jahren eingesetzt werden – unabhängig davon, ob bereits eine Dengue-Infektion durchgemacht wurde.

Kein erhöhtes Risiko für bisher nicht infizierte Personen

In den Zulassungsstudien zeigte der Impfstoff eine hohe Wirksamkeit: So lag im ersten Jahr die Schutzrate bei über 80 Prozent gegen eine Erkrankung und bei über 95 Prozent gegen Hospitalisierung – sowohl bei seropositiven als auch bei seronegativen Personen. Zudem, so Jelinek, würden Langzeitdaten über mehr als sieben Jahre sowie Real-World-Daten mit weltweit über 20 Millionen verabreichten Dosen kein Sicherheitssignal für ein erhöhtes Risiko schwerer Verläufe durch ADE ergeben.

„Die aktuellen Daten zeigen, dass die Impfung einen relevanten Schutz bietet und sicher ist – und zwar auch für Personen ohne vorherige Dengue-Infektion“, so Jelinek. „Dengue verbreitet sich weltweit stark und ist eine der häufigsten nach Deutschland importierten reiseassoziierten Infektionen. Die aktuelle Evidenz rechtfertigt es nicht, seronegative Reisende weiterhin von der Impfung auszuschließen, wenn bei der Reise ein hohes Expositions- und Erkrankungsrisiko besteht.“

Einzelne Impfdosis bietet vorläufigen Schutz

Ein weiterer wichtiger Aspekt für die reisemedizinische Praxis: Bereits eine einzelne Impfdosis kann einen vorläufigen Schutz bieten. Dieser liegt mit rund 81 Prozent nahezu auf dem Niveau der vollständigen Impfserie. „Gerade bei kurzfristig geplanten Reisen oder einer kurzfristig in Anspruch genommenen reisemedizinischen Beratung ist es sinnvoll, mit der Immunisierung zu beginnen – auch wenn das Zwei-Dosen-Schema nicht vollständig eingehalten werden kann“, sagt Jelinek.

Die derzeitige STIKO-Empfehlung, die eine abgeschlossene Impfserie mit zwei Impfungen im Abstand von drei Monaten vor Reiseantritt vorsieht, sei in der reisemedizinischen Praxis oft nicht umsetzbar. „Wir brauchen eine Empfehlung, die sich an Evidenz und Versorgungsrealität orientiert“, so Jelinek.