Der letzte Stachelbilch Europas

Künstlerische Rekonstruktion eines Stachelbilchs in der Auenlandschaft der Hammerschmiede, eingeblendet der nur 1,4 Millimeter lange Oberkiefer-Backenzahn von Neocometes brunonis, dem letzten Vertreter der Nagetierfamilie der Stachelbilche aus Europa. Foto: © Zeichnung: Peter Nickolaus / Universität Tübingen

Ein Team des Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen und der Ludwig-Maximilians-Universität München findet einen 11,6 Millionen Jahre alten Nachweis des Nagetiers in der Fundstelle Hammerschmiede.

Nur wenige kennen sie oder haben sie gar in ihrer natürlichen Umgebung zu Gesicht bekommen. Stachelbilche, deren einzige heute lebende Art in Südindien vorkommt. Die evolutionsgeschichtlich ältesten Stachelbilche wurden in 17,5 bis 13,3 Millionen Jahre alten Sedimenten Europas gefunden. Sie gehören zur Familie der Nagetiere.

Nun haben Prof. Madelaine Böhme vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen und Dr. Jérôme Prieto von der Ludwig-Maximilians-Universität München mit ihrem Team den mit 11,6 Millionen Jahren jüngsten europäischen Nachweis eines Stachelbilchs entdeckt. Der Fund, ein oberer Backenzahn, stammt aus der Fundstelle Hammerschmiede im Allgäu. Diese wurde durch die Entdeckung von zwei Menschenaffenarten weltweit bekannt. Dabei handelte es sich um den aufrecht gehenden Danuvius guggenmosi und den kleinsten bekannten Menschenaffen Buronius manfredschmidi. Der Fund des letzten bekannten Stachelbilchs Europas ist im Fachjournal „Fossil Imprint“ erschienen.

Der deutsche Name Stachelbilche dieser Nagetierfamilie (Platacanthomyidae) bezieht sich auf die einzige noch lebende Art, den Südindischen Stachelbilch (Platacanthomys lasiurus). Die Art hat einen buschigen Schwanz mit stacheligem Aussehen.

„Das seltene Vorkommen der Stachelbilche erklärt sich aus ihrem Lebensraum und ihrer ungewöhnlichen Lebensweise. Der Südindische Stachelbilch sowie die zweite noch lebende Gruppe dieser Familie, die ostasiatischen Blindmäuse (Typhlomys), leben vergraben in Laubstreu oder springend auf Bäumen in schwer zugänglichen Gebirgswäldern bis in Höhen von mehr als 3.000 Meter“, berichtet Madelaine Böhme. Sie seien zudem nachtaktiv. „Die Blindmäuse Chinas und Vietnams sind neben den Fledermäusen die einzigen Landsäugetiere der Welt, die zur Orientierung die Echoortung nutzen“, setzt sie hinzu.

Seltenes Vorkommen

Auch in der Hammerschmiede seien Stachelbilche sehr selten, sagt Böhme. Denn der entdeckte Zahn stehe weiteren rund 5.000 Zähnen anderer Nagetiere aus der Tongrube gegenüber. „Das in der Hammerschmiede überlieferte Habitat, eine Niederungslandschaft mit mäandrierenden Flüssen, war für die Stachelbilche sicher nicht optimal“, schlussfolgert die Forscherin. „Denn europäische Stachelbilche der Gattung Neocometes wurden in größerer Zahl bisher nur in Ablagerungen felsiger oder gebirgiger Habitate gefunden, wie etwa in der Fränkischen Alb oder an den Hängen des größten mitteleuropäischen Schichtvulkans, dem Vogelsberg.“

Durch den Nachweis des Stachelbilchs erhöht sich die Zahl der aus der Hammerschmiede bekannten Wirbeltierarten auf 158. Unter den 90 Säugetierarten sind die Nagetiere mit 27 nachgewiesenen Arten fast so divers wie die 30 Arten zählenden Raubtiere. Die Ursachen dieser außergewöhnlich hohen Biodiversität sind derzeit noch nicht bekannt. Diese Frage soll jedoch im Rahmen des 2026 gestarteten Tübinger Exzellenzclusters TERRA detailliert erforscht werden. TERRA befasst sich mit den Wechselwirkungen zwischen Geo- und Biosphäre in einer Welt im Wandel.

Die Hammerschmiede

In der Grube bei Pforzen im Allgäu führen die Universität Tübingen und das Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment seit 2011 wissenschaftliche Grabungen unter Leitung von Böhme durch. Seit 2017 finden diese auch als Bürgergrabungen in einem Citizen-Science-Projekt statt. Seit 2020 werden sie finanziell vom Freistaat Bayern unterstützt. Rund 40.000 Fossilien von 158 Wirbeltierarten konnten bisher geborgen werden. Darunter befanden sich auch die beiden Menschenaffen Danuvius guggenmosi und Buronius manfredschmidi.