Der schmale Grat zwischen Spitzensport und Sportsucht17. Juni 2019 © Drazen_AdobeStock Dr. Flora Colledge ist Nachwuchswissenschaftlerin und professionelle Triathletin. Am Departement für Sport, Bewegung und Gesundheit (DSBG) der Universität Basel leitet die Sportwissenschaftlerin eine Studie über «Bewegungssucht». Ziel ist, das Phänomen grundlegend zu untersuchen und zu klassifizieren, denn bislang ist die sogenannte Sportsucht weder als Krankheit noch als Störung anerkannt. Dies ist auch für die Entwicklung von Unterstützungsmaßnahmen für Betroffene bedeutsam. Der Wecker von Colledge klingelt in der Regel um fünf Uhr morgens. Ihre Arbeitstage sind dicht getaktet. Seit fünf Jahren forscht die Postdoktorandin am DSBG an der Universität Basel. Parallel dazu hat sie sich einen Namen als Athletin gemacht. Anfang des Jahres erhielt Colledge nun die Triathlon Profi-Lizenz; fast zeitgleich kam die Förderzusage für ihr dreijähriges Forschungsprojekt über «Bewegungssucht». Sportsucht: vielzitiert, aber klinisch undefiniert Es ist wohl eher selten, dass akademische und angewandte Forschung in einer Person zusammentreffen. Colledge stellt sich der Frage mit einem Schmunzeln: «Wenn die Leute hören, wieviel ich trainiere, dann werde ich oft gefragt, ob ich mein eigenes Forschungsobjekt bin. Sicherlich sind die Grenzen zwischen ambitioniertem Sport und Sportsucht fließend, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich kein Problem habe. Tatsächlich sehe ich meine eigene Erfahrung mit dem Leistungssport als Vorteil und hoffe, meine doppelte Expertise entsprechend einzubringen.» Auch, wenn Begriffe wie «Laufsucht», «Fitnesssucht» und «Sportsucht» heute weit verbreitet sind, bleibt unklar, ob exzessive Bewegung tatsächlich als Verhaltenssucht zu sehen ist. In medizinischen Diagnose-Handbüchern wie dem DSM-V oder ICD-10 kommt ein pathologischer Bewegungsdrang nicht als Krankheitsbild vor. Das liegt auch daran, dass Sportsucht selten allein auftritt, sondern oft in Zusammenhang mit anderen Erkrankungen, wie etwa Essstörungen und Depressionen. Entsprechend umstritten bleibt das Phänomen und seine Einordnung als Sucht oder Zwangsverhalten. Trainingsvolumen allein kein Indikator Personen, die mehr als sechs Stunden in der Woche trainieren, gelten potenziell als gefährdet, aber das Trainingsvolumen allein sei kein Indikator, erklärt Colledge. Entscheidend sei das Verhältnis zum eigenen Sport. «Wie gut fügt sich das Hobby in den Alltag und das soziale Umfeld ein? Gibt es Phasen der Regeneration oder wird auch bei Verletzung oder Krankheit eisern weitertrainiert? Je mehr Trainingsstunden zusammenkommen, umso wichtiger ist es, ein gesundes, ausbalanciertes Verhältnis zum Sport und dem eigenen Körper zu pflegen. Eines unserer Hauptanliegen ist, zwischen begeisterten Sportlern und Personen mit psychischen Problemen unterscheiden zu können», so die Sportwissenschaftlerin. Eben hier setzt die aktuelle Studie an. Neben psychischen sollen auch neuronale Parameter berücksichtigt werden, um ein detailliertes Diagnoseprofil erstellen zu können. Das interdisziplinäre Forschungsteam umfasst Fachleute aus den Bereichen Sportwissenschaft, Suchtforschung und Neurowissenschaften. Insgesamt 200 Studienteilnehmer sollen an der dreijährigen Studie teilnehmen, die von der Thalmann-Stiftung mit 200.000 Franken gefördert wird.
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