Mit personalisierten Verfahren zum „vergessenen Knie“

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AE-Experten zufolge führen eine individuelle Implantatwahl sowie die richtige Implantationstechnik beim Kniegelenkersatz zu höherer Patientenzufriedenheit und dem Ziel, dass das Implantat im Alltag nicht mehr wahrgenommen wird.

„Der künstliche Kniegelenkersatz gehört zu den erfolgreichsten orthopädischen Eingriffen weltweit. Gleichzeitig zeigt sich trotz langfristig sehr guter Implantatstandzeiten, dass bis zu 20 Prozent der Patientinnen und Patienten nach totalem Kniegelenkersatz mit dem funktionellen Ergebnis nicht vollständig zufrieden sind“, berichtete AE-Vizepräsident Prof. Christian Merle auf einer Online-Pressekonferenz anlässlich des 28. AE-Kongresses in München. Häufig berichten diese Patienten über ein persistierendes Spannungs- oder Fremdkörpergefühl, Einschränkungen im Bewegungsablauf oder ein fehlendes natürliches Kniegefühl, erläuterte der Chefarzt des Endoprothetikzentrums III (EPZmax) der Orthopädischen Klinik Paulinenhilfe in Stuttgart weiter. Nicht allein ein schmerzfreies Gelenk sondern das „vergessene Knie“ sei daher das Ziel moderner Konzepte.

Um dieses Ziel zu erreichen, gewinnen laut Merle personalisierte Verfahren an Bedeutung. Sowohl der Teilgelenkersatz (unikondyläre und patellofemorale Knieendoprothese) als auch individualisierte Implantationsstrategien wie das kinematische Alignment spielen dabei eine besondere Rolle.

Personalisierung statt „one fits all“

Aktuelle systematische Übersichtsarbeiten belegen Merle zufolge, dass kinematisch implantierte Knieendoprothesen gegenüber mechanisch ausgerichteten Implantaten häufig bessere funktionelle Ergebnisse und höhere Patientenzufriedenheit erzielen. „Das Konzept des personalisierten kinematischen Alignments versucht daher, die präarthrotische Gelenkgeometrie möglichst exakt wiederherzustellen“, erläuterte Merle.

Im Ergebnis besonders relevant seien Verbesserungen bei Bewegungsgefühl, natürlicher Gelenkwahrnehmung und Alltagstauglichkeit. Gleichzeitig zeigten aktuelle mittelfristige Daten keine erhöhten Lockerungsraten oder verminderten Implantatstandzeiten.

Teilgelenkersatz: weniger invasiv, schnelle Mobilisation, mehr Natürlichkeit

Der Experte plädierte zudem dafür den Teilgelenkersatz beim Knie stärker zu berücksichtigen. Er verwies auf die hochkomplexe Anatomie des Knies mit drei Gelenkkomponenten, wovon bei 30 bis 50 Prozent der Patienten mit einer Gonarthrose, meist nur eine der drei Kniegelenkkompartimente (medial, lateral, patellofemoral)  betroffen sei.

Hier biete sich ein Teilgelenkersatz (mediale oder laterale „Schlittenprothese“, patellofemorale Prothese) an, der sowohl minimalinvasiv als auch weichteilschonend sei. „Intakte Gelenkteile oder Bänder wie das vordere Kreuzband können so oft im Gegensatz zu einer Totalendoprothese erhalten werden“, sagte Merle.

„Weniger Chirurgie ist immer besser für die Patienten“, so Merle weiter und habe für diese klinisch relevante Vorteile, etwa ein geringeres Risiko für Wundheilungsstörungen oder Thrombose nach der OP. Geringere Komplikationsraten seien zudem im Hinblick auf die steigende Anzahl internistisch vorerkrankter Patienten relevant. Zudem ermögliche der Teilgelenkersatz eine schnellere Mobilisation und Rehabilitation („Rapid Recovery“). Als OP-Ergebnis steht nach Angaben Merles häufig ein natürlicheres Gangbild und eine höhere Wahrscheinlichkeit für ein „forgotten knee“.

Patient reported Outcomes (PROMS) bestätigen dem Experten zufolge die Vorzüge von Kinematik und Teilgelenkersatz.

Mehr Teilgelenkersatz in den Kliniken und der Nachwuchsausbildung

„Daher“, so Merle, „sollten Kliniken verstärkt den Teilgelenkersatz als Alternative anbieten.“ Dies sei jedoch längst nicht bei allen Kliniken der Fall, bedauerte er. Auch der Nachwuchs müsse in dem Verfahren besser ausgebildet werden. „Sie müssen für die Indikationsstellung und die Patientenselektion lernen, welches Verfahren das mit dem besten Chancen-Risiko-Verhältnis ist.“ Denn inadäquate Indikation oder Implantatpositionierung können zu erhöhten Revisionsraten führen.

Doch unabhängig davon, welches Verfahren angewendet wird, zuvor sollte immer eine gemeinsame Entscheidungsfindung mit dem Patienten und ein Gespräch mit dem Operateur stehen, so Merle.

Außerdem wies der Experte darauf hin, dass gerade beim Teilgelenkersatz Patienten darauf achten sollten, eine Klinik zu wählen, die viel Erfahrung mit diesem Eingriff hat. „Eine Klinik mit mehr als 100 Eingriffen pro Jahr erzielt weit bessere Ergebnisse als eine Klinik mit weniger als 30 Eingriffen im Jahr“, betonte der Enodprothiker. Eine geringere Rolle spiele hierbei der Einsatz moderner robotischer Systeme, da auch der Patientennutzen und die gesundheitsökonomische Bewertung noch nicht abschließend geklärt seien. „Robotik allein ist nicht der Game-Changer sondern nur ein Baustein, vor allem aber führt der Volume-Outcome zu besseren Ergebnissen“, so Merle.

(hr/BIERMANN)

Literatur:

  1. Segura-Nuez J et al. Methods of alignment in total knee arthroplasty: systematic review. Orthop Rev 2024.
  2. Albishi W et al. Unicompartmental knee replacement: controversies and technical considerations. Arthroplasty 2024.
  3. Shekhar A et al. Patient-Reported Outcomes of Kinematic vs Mechanical Alignment in Total Knee Arthroplasty: A Systematic Review and Meta-analysis of Randomized Controlled Trials. Arthroplast Today 2023.
  4. Migliorini F et al. Revision of unicompartmental knee arthroplasty: a systematic review. BMC Musculoskelet Disord 2024.
  5. MacDessi S et al. Coronal Plane Alignment of the Knee (CPAK) classification: a new system for describing knee phenotypes. Bone Joint J 2021.

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