Wenn Hitze zum Risiko für künstliche Gelenke wird

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Die AE – Deutsche Gesellschaft für Endoprothetik hat anlässlich ihres Kongresses und des bundesweiten Hitzeaktionstages am 11. Juni vor periprothetischen Frakturen gewarnt. Hitze könne zu Schwäche oder Schwindel und in der Folge Stürzen führen, mit schwerwiegenden Komplikationen rund um Endoprothesen.

„Menschen mit künstlichen Gelenken sollten Warnzeichen wie Schwindel oder Schwäche ernst nehmen. Wer sich unsicher auf den Beinen fühlt, ist an heißen Tagen besser besonders vorsichtig“, sagt AE-Generalsekretär Prof. Georgi Wassilew von der Universitätsmedizin Greifswald.

Periprothetische Frakturen: selten, aber folgenschwer

Periprothetische Frakturen – etwa am Oberschenkelknochen rund um eine Hüftprothese gehören mit einem Anteil von 15,5 Prozent zu den häufigsten Gründen für die Revisions-OP einer Hüftprothese1. Sie zählen zu den schwerwiegendsten Komplikationen nach einem Gelenkersatz. Zwar treten sie insgesamt selten auf, ihre Zahl steigt jedoch kontinuierlich an, betont die AE. Fachleute gingen davon aus, dass die Häufigkeit solcher Frakturen in den kommenden 30 Jahren um rund 4,6 Prozent pro Jahrzehnt zunehmen wird. Hauptgründe seien die alternde Bevölkerung und die steigende Zahl eingesetzter Hüftprothesen.

Auch nationale Register zeigen diese Entwicklung: Die englische National Hip Fracture Database verzeichnete allein zwischen 2020 und 2021 einen Anstieg periprothetischer Frakturen um 31 Prozent bei Menschen über 60 Jahren2,3. „Wir sehen immer häufiger ältere, oft mehrfach erkrankte Patientinnen und Patienten mit solchen Verletzungen“, erklärt Wassilew. „Diese Frakturen sind keine Bagatellverletzungen, sondern erfordern oft äußerst komplexe Eingriffe. Diese können lange Klinikaufenthalte, erneute Operationen und eine mühsame Rehabilitation nach sich ziehen.”

Schwierige Operationen, lange Rehabilitation

Nach periprothetischen Frakturen müssen laut der Fachgesellschaft Spezialimplantate eingesetzt oder bestehende Prothesen vollständig gewechselt werden. Die Operationen dauerten oft lange und erforderten große Erfahrung in der Revisionsendoprothetik. „Entscheidend ist nicht nur der Knochenbruch selbst, sondern auch die Frage, ob das Implantat noch stabil verankert ist“, erläutert AE-Präsident Prof. Rudiger von Eisenhart-Rothe vom Klinikum Rechts der Isar in München. Je nach Frakturtyp müssten Knochen stabilisiert, Prothesen gewechselt oder beide Verfahren kombiniert werden. „Solche Eingriffe sollten nur in zertifizierten Zentren mit entsprechenden Fallzahlen und Erfahrung versorgt werden“, betont von Eisenhart-Rothe.

Aktuelle Studien zeigen, dass periprothetische Oberschenkelfrakturen vor allem ältere, gebrechliche und mehrfach erkrankte Menschen betreffen. Nach solchen Verletzungen verlieren viele dauerhaft an Mobilität und Selbstständigkeit. Auch die Sterblichkeit ist erhöht4.

Hitzeschutz ist auch Sturzprävention

Hitze wird riskant über ihre Wirkung auf den Kreislauf: Der Körper verliert Flüssigkeit und Salze, Blutdruck und Leistungsfähigkeit können sinken. Schwindel, Unsicherheit beim Gehen und Muskelschwäche nehmen zu, erläurtert die Fachgesellschaft weiter.

Besonders betroffen seien ältere Menschen sowie Personen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder der Einnahme mehrerer Medikamente. Einige Arzneimittel – etwa Blutdrucksenker oder entwässernde Medikamente – könnten bei Hitze zusätzlich Kreislaufprobleme verstärken. Das Robert Koch-Institut weist darauf hin, dass Hitze bestehende Erkrankungen verschlimmern und bei bestimmten Arzneimitteln schwerwiegende Nebenwirkungen auslösen kann5.

„Viele unterschätzen, wie stark Hitze Gleichgewicht und Reaktionsfähigkeit beeinträchtigen kann“, sagt AE-Pastpräsident Prof. Robert Hube von der Orthopädischen Chirurgie München (OCM).

Bewegung bleibt wichtig – aber angepasst

Trotz Hitze sollte den Experten zufolge körperliche Aktivität nicht komplett vermieden werden. Bewegung stärke Muskulatur, Gleichgewicht und Koordination – und schütze damit auch vor Stürzen.

Die AE empfiehlt Menschen mit Endoprothese deshalb bei Hitze:

  • Bewegung und Spaziergänge in die frühen Morgen- oder Abendstunden zu verlegen
  • ausreichend zu trinken, sofern medizinisch nichts dagegenspricht
  • Überanstrengung zu vermeiden
  • rutschfeste Schuhe zu tragen und Stolperfallen zu reduzieren
  • bei Gangunsicherheit Gehhilfen konsequent zu nutzen
  • Medikamente bei Hitze ärztlich überprüfen zu lassen und gegebenenfalls die Dosierung anzupassen

„Das Ziel ist nicht Schonung, sondern sichere Mobilität“, betont Hube.

Hitzeschutz stärker in Nachsorge integrieren

Aus Sicht der AE sollte Hitzeschutz stärker in die Versorgung von Menschen mit Gelenkersatz eingebunden werden – etwa in Reha-Konzepte, Entlassgesprächen und die Nachsorge älterer Patientinnen und Patienten.

„Hitzeschutz ist auch Sturzprävention“, fasst Wassilew zusammen. „Wer schwere Stürze verhindert, schützt Mobilität, Selbstständigkeit und Lebensqualität.“

Referenzen:
1.EPRD Annual Report 2025
2. Lamb JN et al. The incidence of postoperative periprosthetic femoral fracture following total hip replacement: An analysis of UK National Joint Registry and Hospital Episodes statistics data. PLoS Med 2024;21(10):e1004462. doi: 10.1371/journal.pmed.1004462
3. Green D et al. Proximal femoral periprosthetic fractures: A review of current concepts. J Joint Surg Res 2026;4(1):66-74. https://doi.org/10.1016/j.jjoisr.2025.12.004
4. Stanley R et al. Impact of periprosthetic femoral fractures on frailty, mobility and outcomes in hip arthroplasty. J Orthop Surg Res 2025;20(1):967. doi: 10.1186/s13018-025-06446-z
5. Informationen vom RKI zu Hitze und Gesundheit, Stand 11.6.2026.

Weitere Informationen:
Hitzeaktionstag am 11.6.2026.
Informationen vom Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit zu Hitzeschutz, Klimawandel und Gesundheit
Gesundheitliche Folgen des Klimawandels | BIÖG – Klima – Mensch – Gesundheit