DGN: Hitze macht krank

Hitzewellen erhöhen das Schlaganfallrisiko und führen bei anderen neurologischen Erkrankungen zur Verschlechterung der Symptome. (Foto: © DimaBerlin – stock.adobe.com)

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) unterstützt das Positionspapier der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit und fordert die Umsetzung der darin aufgeführten Maßnahmen, um insbesondere Menschen mit neurologischen Krankheiten wirksam vor Hitze zu schützen. Hilfreich könnte auch eine personalisierte „Schlaganfallwarn-App“ sein.

Der DGN zufolge ist Hitze ein relevanter Risikofaktor für verschiedene neurologische Erkrankungen. Gerade die Datenlage zum Schlaganfall sei sehr aussagekräftig: Hohe Temperaturen und insbesondere sehr warme Nächte erhöhen das Schlaganfallrisiko und die Sterblichkeit nach Schlaganfällen, wie eine Studie1 aus Deutschland zeigt.

Bei Parkinson komme es während Hitzewellen hingegen zu einer Verschlechterung motorischer und nicht motorischer Symptome. Eine im April 2026 veröffentlichte Studie2 zeigte, dass extreme Hitze mit einer erhöhten Rate Parkinson-bedingter Krankenhausaufnahmen verbunden ist, insbesondere bei älteren Betroffenen. Bei Multipler Sklerose ist zudem gut belegt3, dass hohe Umgebungstemperaturen neurologische Symptome verschlechtern und Krankenhausaufnahmen begünstigen. Das Auftreten eines im Einzelfall lebensgefährlichen Delirs wird bei Demenzen gehäuft während Hitzewellen beobachtet.

Kühle Notunterkünfte und hitzeresiliente Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen

„Auch wenn bei Demenz, Parkinson und MS die Hitze nicht krankheitsursächlich ist, zeigen diese Daten das große Potenzial von Hitzeschutzmaßnahmen für die Sekundärprävention. Todesfälle könnten verhindert und viele Krankenhausaufenthalte den Betroffenen und dem Gesundheitssystem erspart werden“, erklärt Prof. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). „Wir unterstützen daher ausdrücklich das Positionspapier der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG) zur Krisenresilienz bei Extremhitze.“ Besonders unterstreicht Berlit die darin formulierte Forderung, das Gesundheits-, Pflege- und Sozialwesen hitzeresilient aufzustellen: „Nicht klimatisierte neurologische Reha- und Pflegeeinrichtungen sollten der Vergangenheit angehören, natürlich auch nicht klimatisierte Kliniken. Wir erhöhen dadurch die Krankheitslast neurologischer Patientinnen und Patienten.“

Der Experte verweist ebenfalls auf das große Potenzial des Hitzeschutzes auf die Primär- und Sekundärprävention: „Zahlreiche Schlaganfälle und ihr Wiederauftreten könnten ganz vermieden werden“. Eine im Januar 2026 in „Nature Communications“ veröffentlichte Studie4 berechnete, dass bei Hitze die Schlaganfallmortalität in der Allgemeinbevölkerung um 13,8 Prozent stieg, bei älteren Menschen betrug der Anstieg sogar 16,4 Prozent. Auch Christian Thielscher, Mitglied der Jungen Neurologie der DGN und der AG Neurologie von KLUG sowie Erstautor eines aktuellen Reviews zur Schlaganfallprävention5 betont: „Das Schlaganfallrisiko ist eng mit dem Klimaschutz verknüpft.“

Entsprechend unterstützt die DGN auch den im KLUG-Positionspapier dargelegten Aufruf, besonders gefährdete Menschen vor Hitze zu schützen und barrierefreie, kühle Notunterkünfte einzurichten. Doch wie können Menschen vor hitzebedingten Schlaganfällen gewarnt werden?

Zukunft der Primärprävention: Persönliche, tagesaktuelle „Schlaganfallvorhersage“

Chinesische Forschende haben ein „Stroke Heat Risk Prediction Model“ entwickelt und zeigen, dass ein solches hitzespezifisches Warnsystem einen erheblichen Teil hitzebedingter Schlaganfalltodesfälle verhindern könnte. Durch die Nutzung von GPS zur Standortbestimmung und unter Bewertung grundlegender persönlicher Daten wie Alter, Geschlecht, Risikofaktoren und Medikamenteneinnahme prognostiziert das Tool die hitzebedingten Gesundheitsrisiken im Hinblick auf Schlaganfälle für den aktuellen Tag und die nächsten sieben Tage. Zudem liefert die App maßgeschneiderte Empfehlungen zu Ernährung, körperlicher Aktivität, Aufenthalt im Freien, Temperaturregelung in den eigenen vier Wänden sowie ärztlichen Konsultationen.

„Wir glauben, dass eine solche individualisierte ‚Schlaganfallvorhersage-App‘, wenn sie ausreichend validiert wurde, durchaus ein wirksames Präventionstool sein könnte. Menschen, denen eine App auf ihrem Handy sagt, dass ihr persönliches Schlaganfallrisiko an einem bestimmten Tag hoch oder sogar extrem hoch ist, werden ihr Verhalten der Hitze anpassen und die Ratschläge umsetzen – im Gegensatz zu allgemeinen Aufrufen“. 

Allerdings geben die Experten auch zu bedenken, dass die alleinige Warnung ohne eine Hitzeschutz-Infrastruktur wenig nützt: „Wenn die Gefährdeten keine Möglichkeit haben, eine kühle Umgebung aufzusuchen, ist der Alert nicht zielführend.“