Diabetes mellitus: Erhöhtes Risiko für Hörverlust

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Wie die systematische Übersichtsarbeit zeigt, leidet jeder vierte Erwachsene mit Diabetes mellitus unter einem klinisch signifikanten Hörverlust. Die Autoren fordern regelmäßige Hörtests für Menschen mit Diabetes.

Dass Diabetes mellitus Augen, Nieren oder Nerven schädigt ist weitgehend bekannt, Betroffene sind dafür sensibilisiert. Weniger bekannt ist, dass die Stoffwechselerkrankung auch das Gehör schädigen kann. „Die Schädigung kann viel früher einsetzen, als man denkt. Selbst Menschen, die seit weniger als zehn Jahren mit Diabetes leben, haben im Vergleich zu Nicht-Diabetikern ein mehr als doppelt so hohes Risiko, einen signifikanten Hörverlust zu entwickeln“, so Dr. Mehwish Nisar von der School of Public Health der University of Queensland in Brisbane (Australien), Erstautor der Studie. Dabei sei das keine „geringfügige Beeinträchtigung“, wie Nisar hervorhob. Hörverlust bei Menschen mit Diabetes trete häufig bei Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter in den Vierzigern und Fünfzigern auf, beeinträchtigt alltägliche Gespräche, fördert die Isolation und führe zu erheblichen Kommunikationsproblemen, ergänzte Nisar.

Systematische Übersichtsarbeit nimmt Hörverlust bei Diabetes unter die Lupe

Er und sein Team hatten die systematische Übersicht in Angriff genommen, weil die Prävalenz eines mittelschweren bis schweren Hörverlusts (≥ 40 dB HL) bei Diabetes mellitus bislang nur unzureichend erforscht war. Insbesondere stellte sich die Frage nach den Unterschieden hinsichtlich Alter, Dauer der Erkrankung und sozioökonomischer Faktoren. Dabei zeigte sich, dass jeder vierte erwachsene Diabetiker unter einem klinisch signifikanten Hörverlust leidet, insbesondere jüngere Personen und Menschen in ressourcenarmen Bevölkerungsgruppen.

„Diese Ergebnisse sprechen für die Integration routinemäßiger audiometrischer Vorsorgeuntersuchungen in die Diabetesversorgung“, betonen die Autoren in ihrer Arbeit, die in „Diabetes/Metabolism: Research Reviews“ erschienen ist. Die Studie ist im Volltext verfügbar. Nisar warnte vor dieser „versteckten Epidemie“ und sprach sich dafür aus, Diabetes-Check-ups durch einfache Hörtests zu ergänzen. Während deutsche Leitlinien Screening-Untersuchungen im Hinblick auf Retinopathie, Nephropathie, Polyneuropathie, diabetisches Fußsyndrom oder kardiovaskuläre Erkrankungen vorsehen, sind routinemäßige Hörtests nicht empfohlen.

Signifikant erhöhtes Risiko insbesondere für jüngere Menschen

Mit ihrer systematischen Übersichtsarbeit haben Nisar et al. die Prävalenz und das vergleichende Risiko eines mittelschweren bis schweren Hörverlusts bei Diabetes und Prädiabetes quantifiziert und dabei Unterschiede in Bezug auf Alter, nationales Einkommensniveau und Krankheitsdauer untersucht. Dafür durchsuchten die Autoren PubMed, Scopus, Web of Science, SPORTDiscus und CINAHL (2000–2025) nach Beobachtungsstudien, die über audiometrische Schwellenwerte bei diabetischen oder prädiabetischen Probanden berichteten (PROSPERO: CRD42018100742). Die Qualität der Studien bewerteten die Forschenden anhand der Newcastle-Ottawa-Skala. Mithilfe von Metaanalysen mit Zufallseffekten wurden gepoolte Prävalenzwerte und Odds Ratios (OR) mit 95-%-Konfidenzintervallen (KI) ermittelt. Die Veröffentlichungsverzerrung wurde anhand von Trichterdiagrammen und der Egger-Regression bewertet.

Die Autoren konnten 3490 Datensätzen identifizieren, von denen 29 Studien die Einschlusskriterien erfüllten. Die meisten davon hatten Typ-2-Diabetes untersucht, eine Studie bezog Prädiabetes mit ein. Aus 23 Studien (n = 5221) ergab sich eine gepoolte Prävalenz von 24 Prozent (95 % KI: 19 %–30 %; I² = 94 %). Elf Studien zeigten, dass Diabetes das Risiko für einen Hörverlust im Vergleich zur Kontrollgruppe verdoppelte (OR = 2,41, 95 % KI: 1,62–3,60; I² = 86,6 %). Insbesondere bei jüngeren Erwachsenen war das Risiko signifikant erhöht (< 60 Jahre: OR = 3,03, 95 % KI: 2,17–4,22), nicht jedoch bei älteren Erwachsenen (≥ 60 Jahre: OR = 1,52, 95 % KI: 0,72–3,22).

Bevölkerung ärmerer Länder stärker betroffen

Das Team um Nisar stellte auch fest, dass die Bevölkerung ärmerer Länder stärker betroffen ist. Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen wiesen das höchste Risiko auf (OR = 4,51, 95 % KI: 2,43–8,40) im Vergleich zu Ländern mit hohem Einkommen (OR = 1,78, 95 % KI: 1,05–3,02). Auch eine Diabetesdauer von weniger als zehn Jahren war mit einem erhöhten Risiko verbunden (OR = 2,68). Es wurden Effekte kleiner Studien festgestellt (Egger p = 0,019), doch Sensitivitätsanalysen bestätigten die Robustheit der Ergebnisse.

Damit macht die Studie auf einen bislang wenig beachteten Aspekt bei Diabetes mellitus aufmerksam – allerdings hat die Studie auch Limitationen. So weisen die Autoren auf die Heterogenität der Studien hinsichtlich Studienpopulation, Definition des Diabetes, Audiometrie, Alter oder Rekrutierung hin. Auch die Adjustierung der Daten der einzelnen Studien für mögliche Störfaktoren wie Lärmexposition oder ototoxische Medikationen ist heterogen. Auch ein Ursache-Wirkung-Zusammenhang lasse sich aus den Daten nicht ableiten, so die Autoren. Sie halten es aber für „biologisch plausibel“, dass Diabetes die Nervenbahnen und die Mikrozirkulation der Cochlea negativ beeinflusst. In Verbindung mit übereinstimmenden Ergebnissen verschiedener Studien spreche dies jedoch „stark für einen kausalen Zusammenhang“, konstatieren die Autoren. (ja/BIERMANN).