Weltweit seltener Eingriff: Zweijähriges Kind erhält zweites Hirnstammimplantat

Erfolgreiches OP-Team (v. l.): Prof. Rolf Salcher, Prof. Anke Leichtle und Prof. Thomas Lenarz. (Quelle: © Daniela Beyer/MHH)

An der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) hat ein zweijähriges Mädchen an der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde ein zweites Auditory Brainstem Implant (ABI) erhalten. Damit trägt das Kind nun beidseits Hirnstammimplantate – eine Versorgung, die nach Angaben der MHH weltweit selbst bei Erwachsenen nur äußerst selten durchgeführt wird.

Das Kind wurde ohne Hörnerven geboren. Cochlea-Implantate, die einen intakten Hörnerv benötigen, kommen in diesen Fällen daher nicht infrage. „Für diese Kinder stellt ein ABI häufig die einzige Chance dar, Höreindrücke wahrzunehmen und Sprache zu entwickeln“, erläutert HNO-Klinikdirektorin Prof. Anke Leichtle.

Voraussetzung für bessere Verarbeitung von Geräuschen

Bereits vor gut einem Jahr erhielt das Mädchen an der MHH sein erstes Hirnstammimplantat, mit dem es erste Wörter wie die Namen aus der Familie sprechen lernte. Mit der nun erfolgten Versorgung der zweiten Seite eröffnet sich ein weiterer wichtiger Schritt in ihrer Entwicklung. Denn ähnlich wie beim natürlichen Hören oder einer beidseitigen Cochlea-Implantat-Versorgung schaffen beide Seiten gemeinsam die Voraussetzungen für ein verbessertes räumliches Hören und eine differenziertere Verarbeitung von Geräuschen und Stimmen.

OP nur an hochspezialisierten Zentren

Der Eingriff zählt laut MHH zu den anspruchsvollsten Operationen der modernen Hörrehabilitation. Auditory Brainstem Implants werden weltweit nur an wenigen hochspezialisierten Zentren implantiert. Eine beidseitige Versorgung bei einem so jungen Kind stellt daher der Hochschule zufolge selbst im internationalen Vergleich eine Besonderheit dar.

Das Operationsteam bestand aus Leichtle, seit Mai 2026 Direktorin der MHH-HNO-Klinik, Prof. Rolf Salcher, ehemaliger kommissarischer Klinikdirektor, sowie Prof. Thomas Lenarz, der die Klinik über mehr als drei Jahrzehnte geprägt und laut MHH die internationale Entwicklung implantierbarer Hörsysteme entscheidend mitgestaltet hat.

Wichtiger Schritt für die Entwicklung des Kindes

„Kinder mit fehlenden Hörnerven gehören zu den anspruchsvollsten Patientinnen und Patienten der Hörrehabilitation. Die nun abgeschlossene beidseitige Versorgung eröffnet diesem Kind weitere Möglichkeiten für seine Hör- und Sprachentwicklung“, erklärte Leichtle. Lenarz ergänzt: „Die Versorgung von Kindern mit Hirnstammimplantaten erfordert nicht nur höchste chirurgische Expertise, sondern auch eine langfristige interdisziplinäre Begleitung. Umso erfreulicher ist es, wenn wir die Entwicklung eines Kindes über mehrere Jahre begleiten und nun diesen wichtigen nächsten Schritt ermöglichen können.“