Diabetes und Zyklus: Automatisierte Insulinabgabe gleicht nicht alles aus

Symbolbild KI-generiert mit ChtGPT.

In der zweiten Hälfte des Zyklus benötigen viele Frauen mit Typ-1-Diabetes mehr Insulin, um ihre Blutzuckerwerte im Zielbereich zu halten. Eine Beobachtungsstudie zeigt jedoch trotz automatisierter Insulinabgabe deutliche individuelle Unterschiede. Was das für die Behandlung bedeutet, erläuterte Dr. Martina Rothenbühler auf einer Pressekonferenz im Vorfeld der DDG-Herbsttagung 2026.

Systeme zur automatisierten Insulinabgabe, kurz AID, verbinden einen Glukosesensor mit einer Insulinpumpe. Ein Steuerungsprogramm passt die Insulinabgabe anhand der Messwerte an. Das erleichtert die Behandlung und hilft, die Werte im Zielbereich zu halten. Die Studie, die in der Fachzeitschrift „Diabetes Care“ veröffentlicht wurde, zeigt jedoch: Zyklusabhängige Veränderungen von Insulinbedarf und Glukosewerten bestehen auch bei Nutzung dieser Systeme.

Wenn der Körper mehr Insulin braucht

Auf die Follikelphase folgt nach dem Eisprung die Lutealphase, die bis zum Beginn der nächsten Menstruation dauert. In dieser zweiten Zyklushälfte kann die Insulinsensitivität bei Frauen mit Typ-1-Diabetes abnehmen. Eine höhere Insulinabgabe kann diesen erhöhten Bedarf ausgleichen, verhindert aber nicht zwangsläufig einen Anstieg der Glukosewerte. In der untersuchten Gruppe lagen die Werte in dieser Phase seltener im Zielbereich.

Bei rund 85 Prozent der Teilnehmerinnen zeigte sich ein Muster, das dem Trend auf Gruppenebene entsprach: Die Insulinempfindlichkeit war in der zweiten Zyklushälfte geringer und zu Beginn des Zyklus höher. Sie wurde mithilfe eines statistischen Modells aus den Alltagsdaten geschätzt. Wie stark sich die Empfindlichkeit veränderte, unterschied sich jedoch erheblich. Die Beobachtungsstudie erfasst Zusammenhänge im Alltag: Neben hormonellen Schwankungen können auch Ernährung, Schlaf und Bewegung Insulinbedarf und Glukosewerte beeinflussen. Welchen Anteil die einzelnen Faktoren an den beobachteten Veränderungen haben, lässt sich daraus nicht eindeutig ableiten.

„Nicht jede Frau braucht vor der Menstruation mehr Insulin. Wir müssen die individuellen Muster erkennen, statt eine pauschale Regel anzuwenden“, erklärt Dr. Martina Rothenbühler, Scientific Program Manager am Diabetes Center Berne in Bern, Schweiz. Zu Beginn des Zyklus kann der Insulinbedarf wieder sinken. Eine im Verhältnis zum Bedarf zu hohe Insulinabgabe kann zu Unterzuckerungen führen. AID-Systeme können die Abgabe bei sinkenden Glukosewerten reduzieren. Ob darüber hinaus Einstellungen angepasst werden sollten, ist individuell mit dem Diabetesteam zu besprechen.

Automatisierung lässt einen Teil der Arbeit offen

AID-Systeme können auf einen steigenden Insulinbedarf reagieren, indem sie die Insulinabgabe bei steigenden Glukosewerten automatisch erhöhen. Automatische Anpassung bedeutet jedoch nicht, dass die Werte jederzeit im Zielbereich bleiben. Die Studie zeigt, dass zyklusabhängige Unterschiede trotz AID bestehen; sie klärt nicht, welche technischen oder physiologischen Faktoren dafür im Einzelnen verantwortlich sind. „Bislang berücksichtigt kein zugelassenes System den Menstruationszyklus ausdrücklich bei der Steuerung der Insulinabgabe“, erläutert Rothenbühler.

Auch mit AID können deshalb individuelle Therapieanpassungen erforderlich sein. Ob und welche Einstellungen verändert werden sollten, hängt vom persönlichen Verlauf und vom verwendeten System ab. „Wir sollten die Systeme nicht nur an den Glukosewerten messen, sondern auch daran, wie viele Entscheidungen sie den Nutzerinnen tatsächlich abnehmen“, betont Rothenbühler. Sie empfiehlt, Zyklusmuster in Beratung und Schulung regelmäßig anzusprechen und hormonelle Lebensphasen in Studien und Technikentwicklung stärker zu berücksichtigen.