„Campus-Praxis“ stärkt die Allgemeinmedizin11. April 2017 Bei Dr. Nikola Knoblauch (rechts) und Dr. Alexandra Brauer (links) sowie ihrem Team der Campus-Praxis sind Patienten in besten Händen (Foto: © FZ/Tronquet) Zwei Fachärztinnen für das Medizinische, dazu vier weitere Mitarbeiterinnen für Papierkram, Orga und die sonstigen Routinen: Auf den ersten Blick wirkt die sechste Etage des Büroturms an der Dieckmannstraße 200 wie eine ganz normale Hausarztpraxis. Das eigentliche Besondere ist aber nicht die Aussicht – sondern das, was im Name anklingt: Die „Campus-Praxis“ am Rande des Stadtteils Gievenbeck ist eine Art Außenstelle der münsterschen Universitätsmedizin: Mit ihr sollen die Allgemeinmedizin am Standort gestärkt und noch mehr Studierende für das Fach interessiert werden. Die in Nordrhein-Westfalen einmalige Einrichtung wurde jetzt offiziell eingeweiht. Wer an der Universität Münster Humanmedizin studiert und seine Kenntnisse in Praktika oder dem abschließenden „Praktischen Jahr“ vertiefen möchte, hat schon jetzt die Qual der Wahl: Zu den verschiedenen Einrichtungen des Universitätsklinikums kommen 29 akkreditierte Lehrkrankenhäuser im Großraum Westfalen sowie 136 allgemeinmedizinische Lehrpraxen. Wozu also noch ein weiterer Einsatzort? „Die Campus-Praxis ist keine Lehrpraxis im üblichen Sinne“, betont der Studiendekan der Medizinischen Fakultät, Dr. Bernhard Marschall: „Dass diese Einrichtung vom Universitätsklinikum Münster getragen wird und als Betriebseinheit offizieller Teil dieses Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) ist, eröffnet ganz neue Möglichkeiten“. Was damit konkret gemeint ist, erläutert der Leiter des Centrums für Allgemeinmedizin (CAM) der Medizinischen Fakultät, Prof. Peter Maisel, an einem Beispiel: „Während in einem normalen Praktikum ein Studierender einen Patienten nur eine bestimmte, meist kurze Zeit lang begleiten kann, ist das hier mittels Wahlpflicht-Kursen über Monate oder noch länger möglich. Das ist gerade bei chronischen Erkrankungen eine wertvolle Option“, so der Mediziner, der selbst eine Praxis betreibt. Die neue Campus-Praxis diene dazu, „hausärztliche Versorgung in die unmittelbare Erlebniswelt der Studierenden zu holen“, bringt Maisel das Konzept auf den Punkt. Den zukünftigen Ärztinnen und Ärzten solle vermittelt werden, dass die Allgemeinmedizin ebenso ein klinisches Fach sei wie andere, nach denselben evidenzbasierten Kriterien arbeite und ein wichtiges Element der Universitätsmedizin darstelle. Spezielle Lehrprojekte sollen gezielt die Studierenden ansprechen und motivieren, die eine Zukunft in der Allgemeinmedizin in Erwägung ziehen. „Natürlich hoffen wir, damit auch einen Beitrag zum Abbau des Mangels an Allgemeinmedizinern zu leisten“, sagt Prof. Maisel. Selbst die Technik der Campus-Praxis ist auf das dahinterstehende Konzept abgestimmt: Die Räume werden so ausgestattet, dass Übertragungen in die etwa zwei Kilometer entfernten Hörsäle möglich sind. Ein weiterer Pluspunkt: Hochschullehrern, die Allgemeinmedizin vermitteln, aber keine eigene Praxis haben, kann das CAM in der Campus-Praxis ein Betätigungsfeld bieten. Hilfesuchende Patienten werden von dem „Hidden Curriculum“, dem „versteckten Lehrplan“ hinter der Campus-Praxis, wenig oder nichts merken: „Was das Medizinische betrifft, also die Diagnose, die Behandlung und die technische Ausstattung, unterscheidet sich diese Praxis in nichts von denen anderer Fachkollegen“, so Maisel. Dr. Nikola Knoblauch und Dr. Alexandra Brauer, beide Fachärztinnen für Allgemeinmedizin, bieten im Westen Münsters auf 260 qm das gesamte Spektrum der hausärztlichen allgemeinmedizinischen Versorgung mit Akut- und Langzeitversorgung von Patienten aller Altersklassen an, von DMP-Programmen über Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen, die psychosomatische Grundversorgung, die kleine Chirurgie, die Langzeit-Blutdruckmessung, den Lungenfunktionstest und die Ultraschalluntersuchung bis zu Gesundheitsförderung und Prävention. Auch die Sprechzeiten sind Standard. Allenfalls die Tatsache, dass Studierende in die Behandlung eingebunden sind, wird die Besucher an den besonderen Status der Praxis erinnern. Bis sich die die ersten Patienten in der Campus-Praxis vorstellen konnten, war es ein langer Weg: Erste Ideen entstanden schon im Zusammenhang mit dem 2008 eröffneten „Studienhospital Münster“ (SHM), einem bundesweit beachteten Modellprojekt für innovative medizinische Lehre, das auch eine für Trainingszwecke nachgebaute Hausarztpraxis umfasst. In seiner direkten Nachbarschaft sollte auch eine „echte“ Praxis entstehen, nach den ursprünglichen Überlegungen mit Fokus auf schweren Fällen. „Wir sind aber bald zu der Überzeugung gelangt, dass eine Praxis mit typischer Patientenklientel sinnvoller wäre im Hinblick auf die didaktischen Ziele und den späteren Berufsalltag der Studierenden“, erinnert sich CAM-Vizeleiter Dr. Ralf Jendyk. In zahlreichen Gesprächen mit der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) als Zulassungsstelle, der Ärztekammer Westfalen-Lippe (ÄKWL) sowie dem Hausärzteverbund und der Fachärztegemeinschaft in Münster sondierten die Initiatoren die Möglichkeiten einer Realisierung. Einen Verbündeten fanden sie im damaligen Ärztlichen Direktor des Universitätsklinikums Münster, Prof. Norbert Roeder: Er setzte sich intensiv für das Vorhaben ein und entwickelte das Konzept einer Lösung unter dem Dach des universitären MVZ. Was allerdings immer noch fehlte, war eine übernahmefähige Praxis, denn die Kassenzulassungen für den Stadtteil waren ausgereizt. Gespräche mit einer veränderungswilligen Ärztin führten schließlich zum Kauf und zur Neueröffnung der Campus-Praxis am jetzigen Standort im Juli 2016. Quelle: Universitätsklinikum Münster
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