DMKG: Moderne Migränetherapien werden zu wenig genutzt5. September 2025 Migräne belastet nicht nur die betroffenen Patienten, sondern auch die Gesellschaft, da die Betroffenen ihren Alltag nicht wie gewohnt bestreiten können. (Foto: © New Africa – stock.adobe.com) Seit Jahren sind wirksame und gut verträgliche Migräneprophylaktika verfügbar, deren Anwendung auch von der aktuellen S1-Leitlinie empfohlen wird. Doch viele Menschen mit schwerer Migräne erhalten diese Medikamente erst spät. Das zeigen aktuelle Daten, die die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) auf einer Pressekonferenz vorstellte. „Wir Neurologen beobachten, dass viele Betroffene zuvor über Jahre erfolglos mit unspezifischen Medikamenten behandelt wurden. Erst bei starker Chronifizierung werden CGRP-Therapien überhaupt in Betracht gezogen – dabei wäre gerade eine frühe Therapie entscheidend, um eine Chronifizierung zu verhindern“, betonte PD Dr. Lars Neeb, Präsident der DMKG. Anlässlich des Deutschen und Europäischen Kopfschmerztags 2025 fordert die Fachgesellschaft ein grundlegendes Umdenken im Gesundheitssystem. „Statt nur auf die Arzneimittelkosten zu blicken, sollten die Gesamtkosten der Erkrankung bei den vorrangig berufstätigen Patientinnen und Patienten berücksichtigt werden“, forderte Prof. Gudrun Goßrau, Generalsekretärin der DMKG. CGRP-basierte Migränetherapien blockieren gezielt das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) oder dessen Rezeptor und markieren der Fachgesellschaft zufolge einen entscheidenden Fortschritt in der Prophylaxe häufiger und schwerer Migräne. So belegten Studien, dass der frühzeitige Einsatz effektiver Migräneprophylaktika das Risiko einer Chronifizierung senken kann, womit vielfältige körperliche, psychische und soziale Beeinträchtigungen vermieden werden. Denn im Gegensatz zur Entwicklung einer Migräne ist der Übergang von der episodischen zur chronischen Form nicht genetisch bestimmt. Aktuelle Studien unterstreichen die Wirksamkeit und gute Verträglichkeit einer modernen Therapie: Erenumab beispielsweise reduziert die Migränetage bei Patientinnen und Patienten mit episodischer Migräne sechsmal häufiger um mindestens 50 Prozent verglichen mit herkömmlichen, unspezifischen oralen Prophylaktika. Zudem sind Nebenwirkungen seltener und die Therapietreue höher. Viele Betroffene blieben über ein Jahr stabil in der Behandlung.1 CGRP-Therapien bleiben dennoch die Ausnahme Eine Datenauswertung von 1720 Patienten aus dem DMKG-Kopfschmerzregister belegt die Kluft zwischen wissenschaftlicher Empfehlung und klinischem Alltag in der Behandlung schwerer Migräne.2 Beim Vergleich von Personen, die unspezifische orale Prophylaktika einnehmen (z.B. Amitriptylin oder Betablocker) mit Personen, die mit CGRP-basierten Therapien behandelt werden, zeigen sich statistisch signifikante Unterschiede: Letztere haben häufig mehr ungenügend wirksame beziehungsweise nicht verträgliche Vortherapien durchlaufen als Patienten mit unspezifischen oralen Prophylaktika. Sie haben eine deutlich längere Krankheitsdauer, häufiger chronische Migräne (+10,2%), mehr schwere Kopfschmerztage (+1,4 Tage/Monat) und mehr Akutmedikationstage (+0,8 Tage/Monat). Zudem sind sie seltener berufstätig und leiden um fast zehn Prozent häufiger unter psychischen Begleiterkrankungen als die Vergleichsgruppe, die unspezifische Prophylaktika einnimmt. Die Anpassung der Erstattung der CGRP-Therapie mit Erenumab im Oktober 2022 spiegelt sich auch in der DMKG-Auswertung: Diese Therapie wurde seither signifikant häufiger auch noch nicht chronifizierten Patientinnen und Patienten verordnet. DMKG fordert Umdenken Die DMKG kritisiert, dass der frühzeitige Einsatz moderner CGRP-Therapien oft durch kassenärztliche Vorgaben für die Verordnung und Kostenrestriktionen erschwert wird. Dabei führt eine verzögerte Behandlung zu höherer Krankheitslast und steigenden direkten sowie indirekten Gesundheitskosten. „Wir brauchen ein Umdenken“, fordert Goßrau. Langfristige Krankheitskontrolle, die Vermeidung von Chronifizierung und der Erhalt der Arbeitsfähigkeit der Betroffenen seien gesamtgesellschaftlich relevanter als kurzfristige Einsparungen. Die Anwendung spezifischer Migräneprophylaktika müsse weiterhin wirtschaftlich sinnvoll sein. Nicht alle Patienten benötigten eine Therapie mit monoklonalen Antikörpern, die deutlich teurer seien als unspezifische, klassische Prophylaktika. „Doch bei hochfrequenter episodischer oder chronischer Migräne sollte die Therapieentscheidung ärztlich-individuell und nicht primär ökonomisch getroffen werden“, erklärte Großrau. Die DMKG appelliert daher an Ärzte, Kostenträger und Gesundheitspolitik, moderne Migräneprophylaktika frühzeitig, indikationsgerecht und patientenzentriert einzusetzen – unabhängig von kurzfristigen Kostenerwägungen. Nur so könne die Versorgungslücke in der Migräneprophylaxe nachhaltig geschlossen werden.
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