DOC 2026 DOC 2026: Schon vor der Linsenoperation durch echte IOL sehen11. Juni 2026 Armin Scharrer ist Präsident der DOC und Kongresspräsident des 38. Internationalen Kongresses der Deutschen Ophthalmochirurgie, der vom 18. bis 20. Juni in Nürnberg stattfindet. Foto (Symbolbild): © Oktay – stock.adobe.com/Foto (Scharrer/rechts): © @angelcarbonell Welche Innovationen bietet die Ophthalmochirurgie 2026? Wo bestehen aktuell besondere Herausforderungen in der operativen Augenheilkunde? Worauf dürfen sich die Teilnehmenden des 38. Internationalen Kongresses der Deutschen Ophthalmochirurgie freuen? Dies und vieles mehr haben wir im Vorfeld des Kongresses mit DOC-Präsident Dr. Armin Scharrer besprochen. Herr Dr. Scharrer, die DOC stellt regelmäßig die aktuellen Innovationen und Weiterentwicklungen in der Augenchirurgie vor. Welche Verfahren und Therapien werden diesmal während des 38. DOC-Kongresses erstmals vorgestellt oder neu bewertet? Scharrer: In der Kataraktchirurgie stehen die Neuentwicklungen im Bereich von Intraokularlinsen mit funktionellem Intermediärbereich im Vordergrund, in der Glaukomchirurgie die Verfeinerungen der OP-Technik bei den neuen Mikro-Stents und die simultane Katarakt- und Glaukomoperation (Phako mit Mikro-Stent). In der Hornhautchirurgie liegt ein Fokus auf der Entwicklung der OP-Techniken bei der CAIRS-Keratoplastik (CAIRS = Corneale allogene intrastromale Ringsegmente) und der Descemet Membrane Endothelial Keratoplasty. In der präoperativen Diagnostik stehen im Mittelgrund des Interesses nicht invasive optische Systeme zur präzisen Vorhersagbarkeit des erreichbaren Sehens nach Linsenaustausch. Dies ermöglicht presbyopen Patienten den Blick durch „echte“ Intraokularlinsen, um das postoperative Sehen bereits vor der Operation zu erleben. Auch bei Patienten mit Grauem Star, die noch einen relativ guten Visus haben, ist dies eine gute Möglichkeit, dem Patienten vor der Operation zu zeigen, wie er gegebenenfalls nach der Operation sehen könnte. Diese neuen Geräte ermöglichen die Messung von Nah-, Intermediär- und Fernvisus sowie Kontrastsensitivität, Halo/Glare und Defokus-Kurven. Vor vier Jahren gab es Grund zu zumindest vorsichtigem Optimismus, dass bald eine Therapie der trockenen AMD zur Verfügung stehen könnte – ein „Gamechanger“. Diese Hoffnung hat sich für Europa inzwischen zerschlagen, nachdem es – anders als in den USA – nicht zu den erforderlichen Zulassungen der beiden Wirkstoffe gekommen ist. Ist aktuell etwas in der Pipeline, um diese Versorgungslücke zu schließen? Scharrer: Leider war der Optimismus in diesem Ausmaß nicht begründet. Es gibt zwar andere Komplementinhibitoren, die sich im Stadium der Prüfung befinden, aber wann hier ein gut verfügbares Medikament auf dem Markt sein wird, ist nicht prognostizierbar. Die Verfahren der refraktiven Linsen- und Hornhautchirurgie sowie die hierzu erforderlichen Linsen und medizintechnischen Geräte werden immer weiter verfeinert. Was ist auf diesen beiden Gebieten heute der „Goldstandard“? Scharrer: Die chirurgischen Verfahren in der Katarakt-/Linsenchirurgie und in der Hornhautchirurgie haben sich nicht wesentlich geändert. Was die erforderlichen Intraokularlinsen anbelangt, gibt es eine kontinuierliche Entwicklung. Die medizinisch-technischen Geräte werden immer weiter verfeinert. Große Hoffnung haben wir Augenärzte auf eine bessere Voraussagbarkeit des postoperativen Ergebnisses durch Geräte, die präoperativ beim presbyopen Patienten mit einer milden Katarakt heute schon eingesetzt werden können und dem Patienten die Möglichkeit geben, das postoperative Sehen bereits vor der Implantation zu erleben. Der Wunsch, die jugendliche Akkommodation wiederherzustellen, bleibt bisher unerfüllt. Was sind die Haupthindernisse für einen Durchbruch auf diesem Gebiet? Scharrer: Der Akkommodationsmechanismus der menschlichen Linse ist sehr komplex. Hier wirken der Ziliarmuskel, die Zonulafasern sowie die elastischen Fasern der Bruch’schen Membran zusammen. Durch das Zusammenwirken dieser Strukturen flacht die Linse bei Einstellung auf die Ferne ab, bei Einstellung auf die Nähe wölbt sich die Linse aufgrund ihrer eigenen Elastizität stärker (Akkommodation). Dies bedeutet, es genügt nicht, „nur“ die Linse zu ersetzen, es sind an diesem Prozess auch andere Strukturen beteiligt. Diese Erkenntnis führte zu der berechtigten Annahme, dass ein möglicher Weg wäre, nur durch ein kleines Loch alle trüben Teile aus der menschlichen Linse zu entfernen, eine Art Gelee mit einem definiertem Brechungsindex in den Kapselsack zu füllen und das kleine Loch in der Kapsel mit einem Deckel wieder zu verschließen. Dadurch hoffte man, auch die Verformbarkeit der Linse wieder zurückzugewinnen. Die ersten Versuche (Bascom Palmer Eye Institute) in der 1980er-Jahren waren erfolgversprechend, aber das Hauptproblem war, dass kein Weg gefunden wurde, den postoperativen Nachstar komplett zu verhindern. Dies war wohl das Haupthindernis für einen Durchbruch auf diesem Gebiet. Auf die Augenheilkunde rollen zwei Wellen zu: die demografisch bedingte Presbyopiewelle und die vor allem durch veränderte Sehgewohnheiten bedingte Myopiewelle. Letztere scheint angesichts möglicher schwerwiegender Sekundärerkrankungen die bedrohlichere zu sein. Myopie sollte also nicht nur korrigiert, sondern kontrolliert und therapiert werden. Wie ist der Stand? Scharrer: Die gravierende Zunahme der Myopie ist ein ernstes Problem. Viele Studien kommen zu dem Ergebnis, dass der Hauptgrund für die zunehmende Myopie weltweit eine Anpassung der Augen an geänderte Lebensumstände und Lebensgewohnheiten ist. Das menschliche Auge ist ursprünglich dafür geschaffen, sowohl weit als auch nah zu schauen, im ständigen Wechsel der Entfernungen. Kommt es zu einer verstärkten Nahsicht, das heißt einer stärker geforderten Akkommodation, verstärkt der Organismus über komplexe Steuerungsmöglichkeiten das Längenwachstum des Auges. In der Prävention ist entscheidend, die ununterbrochene Tätigkeit an digitalen Medien und die geringe Arbeitsentfernung zu vermeiden. Die Arbeit an einem Fest-PC in 80 Zentimetern Entfernung ist weniger kritisch als die Arbeit an einem Laptop in 40 Zentimetern Entfernung oder gar die Arbeit am Handy in 30 Zentimetern Entfernung. Die ununterbrochene Tätigkeit sollte 20 Minuten nicht übersteigen, dann eine kurze Pause mit Blick in die Ferne für zwei bis drei Minuten. Optimal ist ein häufiger Aufenthalt im Freien mit dem Ziel, dass jedes Kind und jeder Jugendliche mindestens zwei Stunden pro Tag Tageslicht erfährt. Nachdem sich nach den neuesten Studienergebnissen in Europa und den USA die großen Erwartungen, die Myopie über Atropin-Behandlungen einzudämmen, nicht erfüllt haben, sind heute im Mittelpunkt des Interesses Brillengläser mit peripherem Defokus. Solche Gläser scheinen ein guter Hemmer der Myopieprogression zu sein. Sie haben im Randbereich spezielle Strukturen integriert, die das Licht so brechen, dass das Objekt vor der Netzhaut abgebildet wird (myopischer Defokus). Das heißt, das Glas wird in der Peripherie immer hyperoper. Es gibt verschiedene Hersteller mit verschiedenen Technologien. Der Bekanntheitsgrad dieser Gläser mit peripherem Defokus ist begrenzt. Diese Gläser müssen vom Augenarzt empfohlen werden, nicht alle Optiker haben sie vorrätig. Künstliche Intelligenz (KI) zieht in immer mehr Arbeitsbereiche von Kliniken und Praxen ein. Inwieweit, denken Sie, wird dies auch die Weiterbildung oder auch schon das Medizinstudium verändern? Überspitzt gefragt: Müssen angehende Augenärzte bald Informatik im Nebenfach belegen? Scharrer: KI wird ohne Zweifel immer wichtiger. Ich glaube nicht, dass Augenärzte Informatik im Nebenfach belegen müssen, sie sollten sich aber ein Grundwissen aneignen. Dazu hilft ihnen auch die DOC, zum Beispiel durch das Symposium „KI in Augenheilkunde und Augenchirurgie“ mit hervorragenden Referaten, unter anderem der Keynote-Lecture von Prof. Andrzej Grzybowski aus Olsztyn (Polen) zum Thema „Adversial attacks, the black box and the bias of AI – can we trust AI in ophthalmology?“. Zu nennen ist hier auch das Symposium „Telemedizin – Pro & Contra“ mit der Keynote-Lecture „Anwendung von KI in der Telemedizin – Erwartungen, Realität und Risiken“ von Prof. Hans-Ullrich Prokosch (Erlangen). Der Anteil ausländischer Ärzte in Deutschland wächst zwar weiterhin, aber nach wie vor sind die Anerkennungsverfahren ein Problem. Haben auch Sie den Eindruck, dass qualifizierte ausländische Kollegen von der Brürokratie zu lange „ausgebremst“ werden? Was können Arbeitgeber im Bereich Augenheilkunde tun, um ausländische Ärzte oder auch medizinische Fachangestellte zu gewinnen? Scharrer: Mein persönlicher Eindruck ist nicht, dass ausländische Ärzte in Deutschland ausgebremst werden. Auch wenn ein deutscher Arzt zum Beispiel in Österreich studiert hat und dann seine Approbation in Deutschland beantragt, dauert es eine gewisse Zeit, bis er seine Approbation erhält. Wir haben einfach in Deutschland in allen Bereichen, nicht nur in der Medizin, hohe organisatorische Anforderungen, die ein gerüttelt Maß an Bürokratie zur Folge haben. Zurück zum DOC-Kongress: Ein besonderer Programmpunkt am DOC-Freitag ist auch in diesem Jahr die „General Session“. Welche Persönlichkeiten haben die DOC-Teilnehmer in die „Hall of Fame“ der Augenheilkunde gewählt und welche Ehren-Lectures warten auf die Gäste? Scharrer: In 2026 haben die DOC-Teilnehmer Prof. Bernd Bertram (Aachen)in die „Hall of Fame“ Ophthalmologie gewählt. Prof. Bertram war langjährig erster Vorsitzender des Berufsverbandes der Augenärztinnen und Augenärzte Deutschlands und hat in dieser Position viel Positives für das Fach Augenheilkunde bewirkt. Die DOC-Innovators-Lecture wird präsentiert von Dr. Rohit Shetty aus Bangalore (Indien), der Titel seiner Präsentation: Rewriting Vision: „The Science of What’s Coming Next – From Biology to Breakthroughs“. Die Richard P. Kratz Lecture hält Dr. Yeo Tun Kuan aus dem Tan-Tock-Seng-Hospital in Singapur zum Thema „Cataract Surgery on the Edge: A Parforce Ride through surgical challenges“. Die DOC-Lecture wird gehalten von Prof. Stanislao Rizzo aus Rom (Italien) zum Thema „Amniotic membrane using retinal detachment surgery“. Prof. Thomas Kohnen (Frankfurt/M.) hält die DOC-Ridley-Lecture. Er spricht über „Ridleys Idee, unsere Realität: Eine historische Perspektive der IOL-Innovation“. Die Meyer-Schwickerath-Lecture wird in diesem Jahr von PD Dr. Silvia Bopp (Bremen) präsentiert zum Thema „Ambulante Netzhaut-/Glaskörperchirurgie in Deutschland – medizinische Machbarkeit, Umsetzung, politisches Umfeld“. Die Kontroverse zur Glaukomchirurgie am DOC-Donnerstag stellt die Frage „Invasive Glaukomchirurgie in hohem Alter?“ Was könnte ab welchem Alter gegen ein invasives Vorgehen – zum Beispiel den Goldstandard Trabekulektomie – einzuwenden sein? Scharrer: Die Trabekulektomie, die immer noch für fortgeschrittene primäre Offenwinkel-Glaukome den Goldstandard darstellt, hat für ältere Menschen ein Problem. Postoperativ ist in enger Zusammenarbeit zwischen dem Operateur und dem nachbehandelnden Augenarzt eine intensive Zusammenarbeit notwendig, das heißt in der postoperativen Phase muss der Patient mehrere Male zur Kontrolle und Behandlung in die Augenarztpraxis. Das kann bei eingeschränkter Mobilität für ältere Patienten extrem belastbar sein. Welche Sitzungen empfehlen Sie den Teilnehmern des 38. DOC-Kongresses besonders … und welche davon möchten Sie als DOC-Präsident auf keinen Fall verpassen? Scharrer: Neben der General Session am Freitagvormittag empfehle ich ganz besonders die Video-LiveSurgery am Donnerstagnachmittag mit herausragenden OP-Filmen zu den Themen „Neue minimalinvasive, vitrektomiefreie Technik zur Behandlung submakulärer Blutungen“, „Resektion eines Aderhautmelanoms“, „Makulaschichtforamen“ und „Pupillenrekonstruktion mit artificial Iris“. Sehr wichtig ist außerdem das Video-Live-Surgery-Festival am Freitag ab 8 Uhr. In diesem Jahr kommen die Beiträge aus der Universitäts-Augenklinik Homburg. Präsentiert werden die folgenden Operationen: „Femtosekundenlaser-assistierte PKP mit Liquid Interface“ (Prof. Berthold Seitz), „Excimerlaser-assistierte DALK“ (PD Dr. Loay Daas) „Trabekulotomie/Kanaloplastik“ (PD Dr. Elias Flockerzi) „ILM-Peeling mit invertiertem Flap bei Makulaforamen“ (Dr. Shady Suffo) „Platinketten-Implantation am Oberlid“ (Dr. Fabian Fries). Herr Dr. Scharrer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. Das Interview führte Dieter Kaulard. Über den DOC-Präsidenten Dr. Armin Scharrer, Augenarzt in Fürth, ist Präsident der DOC und zugleich Vorsitzender des Organisationskomitees des jährlich in Nürnberg stattfindenden Kongresses. Gemeinsam mit Prof. Thomas Neuhann (München) hat Scharrer 1988 den Kongress der Deutschen Ophthalmochirurgie ins Leben gerufen. Scharrer ist zudem Mitgründer der Ober-Scharrer-Gruppe (OSG). Diese hat ihren Ursprung im Jahr 1982, als sich Dr. Manuel Ober und Scharrer in ihrer augenärztlichen Gemeinschaftspraxis in Fürth niederließen. Später bauten sie ihre Praxis- und OP-Räumlichkeiten zunächst in Bayern und Baden-Württemberg aus. Heute ist die bundesweit präsente OSG gemeinsam mit Augenkliniken in ganz Europa Teil des Netzwerkes veonet. Des Weiteren war Scharrer 18 Jahre lang Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Ophthalmochirurgie (BDOC), der 2003 von operierenden Augenärzten aus Klinik und Praxis gegründet wurde. Im Jahr 2021 stellte er sich nicht erneut zur Wahl. Aktuell hat Scharrer gemeinsam mit Dr. Ruth Kölb-Keerl (Düsseldorf) den Vorsitz des BDOC-Beirates inne.
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