Duft als Wegweiser: Botanischer Blindengarten bleibt Rarität8. Juli 2026 Der Botanische Blindengarten in Radeberg im Landkreis Bautzen bietet sehbehinderten und blinden Menschen die seltene Gelegenheit, die Pflanzenwelt selbstständig zu entdecken.(Symbolbild.)Bild:©Dimitri-stock.adobe.com Duftende Blüten, Nadeln und Blätter: Der Botanische Blindengarten Radeberg ist eine besondere Möglichkeit, Natur zu erleben. Vergleichbare Angebote für Menschen mit Sehbehinderungen sind selten. Vorsichtig nähert sich Marion Krause den Pflanzen. Sie tastet nach den Blättern und berührt vorsichtig die Blüte. Ein würzig-süßer Duft steigt auf. „Das ist die Igelnelke“, sagt sie und lächelt. Nur wenige Schritte weiter duften Rosen, blühende Kräuter, Pelargonien, aromatische Nadelbäume. Schon für Sehende ist der Botanische Blindengarten in Radeberg im Landkreis Bautzen ein Naturerlebnis. Aber sehbehinderten und blinden Menschen bietet er die seltene Gelegenheit, die Pflanzenwelt selbstständig zu entdecken. Botanischer Blindengarten: Die Natur über den Duftsinn erleben Denn von den 1300 Pflanzenarten vor Ort sind etwa 700 als Duftpflanzen für sie erlebbar. Auf den 22.000 Quadratmetern sind inzwischen viele Ideen verwirklicht, die Krause als sehbehinderte Person in den letzten Jahren mit angestoßen hat. Die frühere Physiotherapeutin und Kräuterpädagogin ist Vorsitzende der Fördergemeinschaft des Gartens, der zum Taubblindendienst der Evangelischen Kirche in Deutschland gehört. Besonders taubblinde Menschen, sagt sie, fühlten sich in ihrem Körper oftmals wie in „einer Art Gefängnis“. Nicht wenige würden gegen Depressionen und Isolation kämpfen. „Die Natur über den Duftsinn zu erleben und diesen weiter zu trainieren, ist für sie eine Art Zuflucht und kann neuen Lebensmut geben.“ Einige taubblinde Personen helfen regelmäßig bei der Gartenarbeit mit, berichtet Gartenleiterin Almut Dietze. „Wichtig ist uns das Thema Sicherheit – etwas, das sich Betroffene auch im Alltag häufiger wünschen würden.“ 25 Hochbeete sind in Griff- und Riechhöhe angelegt. Entlang des 1,5 Kilometer langen Wegenetzes verändert sich der Untergrund immer wieder: Sand, Hackschnitzel, festes Pflaster oder weichere wiesenartige Abschnitte zeigen den Standort an. Ein durchgehender Handlauf begleitet die Hauptwege, ergänzt durch Orientierungspunkte in Brailleschrift und taktile Hinweise an Abzweigungen. „Nichts läuft ins Leere“, erläutert Dietze. „Man weiß immer, wo man ist.“ Viele Hürden für Blinde im Alltag In Sachsen sei in den letzten Jahren viel erreicht worden, um den öffentlichen Raum für sehbehinderte und blinde Menschen sicherer zu machen, sagt Andreas Schneider, Vorsitzender des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Sachsen. „Die größte Herausforderung besteht inzwischen darin, die erreichten Standards zu erhalten und bei neuen Projekten von Anfang an mitzudenken.“ Eine Fachgruppe des Verbandes unterstützt die unterschiedlichsten Bauprojekte. Als Beispiele nennt Schneider den Leipziger Hauptbahnhof mit seinem Leitsystem, die Neugestaltung des Bahnhofsvorplatzes in Meißen oder Museen in Chemnitz. „Wir sind permanent auf Achse.“ Denn Kontraste, taktile Markierungen oder Leitstreifen geben Betroffenen wichtige Orientierung. Planer und Architekten kämen in ihrer Ausbildung jedoch kaum mit den Bedürfnissen blinder oder sehbehinderter Menschen in Berührung, so Schneider. „Barrierefreie Lösungen sind nicht immer zwingend mit höheren Baukosten verbunden.“ Als wachsendes Problem bezeichnet er die digitale Barrierefreiheit. Viele Formulare, Apps oder PDF-Dokumente seien für Screenreader noch immer schwer nutzbar. „Wir werden oft nicht mitbedacht oder gefühlt manchmal ganz vergessen.“ Das betreffe auch Behörden und öffentliche Einrichtungen. Im Blindengarten Radeberg hingegen erleben viele Betroffene einen Ort, der konsequent auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet ist, erzählt Krause. „Hier können sie sich in den Düften verlieren und wieder Freude erleben.“ Besonders geeignet dafür sind für sie die angelegten Duftstraßen. Eine davon umfasst rund 55 Salbei-Arten, darunter Löwenzahnblättrigen Salbei, Pfirsich-Salbei, Peruanischen Salbei und Honigmelonen-Salbei. Schon beim leichten Berühren der Blätter, Blüten und Stängel setzt sich ein intensiver Duft frei – mal herb, mal eher fruchtig oder süßlich. Anlaufstelle für taubblinde Menschen Der Taubblindendienst der Evangelischen Kirche in Deutschland hat seinen Sitz in Radeberg, erläutert Pastorin und Geschäftsführerin Ulrike Fourestier. Zum Standort gehören neben dem Botanischen Blindengarten auch eine Beratungsstelle, ein Wohnangebot mit Assistenz sowie eine Begegnungs- und Gästestätte für taubblinde Menschen. Nach eigenen Angaben steht der Dienst mit rund 250 Betroffenen im gesamten Bundesgebiet in Kontakt. Eine der größten Herausforderungen sei es, dass sie frühzeitig die richtige Diagnose erhielten und Zugang zu Unterstützung fänden, so Fourestier. „Dafür braucht es spezielle Beratungsstellen.“ Bundesweit fehle dafür jedoch eine gesicherte Finanzierung. Weiterhin gebe es Versorgungslücken bei taubblinden Menschen mit Pflegebedarf im Alter. Der Botanische Blindengarten Radeberg feiert dieses Jahr sein 30-jähriges Bestehen. Er geht auf die Idee der sehbehinderten Pastorin und Taubblinden-Seelsorgerin Ruth Zacharias zurück. Sie wollte einen Ort schaffen, an dem Pflanzen besonders über den Geruch und das Tasten erfahrbar werden. Nur ein kleiner Teil der Menschen mit Blindheit oder Sehbehinderung sei von Geburt an betroffen, erlärt Krause. Die meisten erlebten den Verlust des Sehens im Laufe des Lebens. „Das kann jeden treffen.“ Umso wichtiger sei es, Teilhabe nicht als Sonderlösung zu verstehen. Der Garten ist in den Sommermonaten mittwochs und samstags von 13.00 bis 18.00 Uhr für die Öffentlichkeit zugänglich.
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