Visuelle Rosinen: Wie das Gehirn unser Blickverhalten steuert

3D-Rekonstruktion des Gehirns einer Testperson, deren Blick sich gezielt auf Gesichter richtet: Das MRT zeigt, dass die zuständige Region im Schläfenlappen (gelber Bereich) beim Betrachten von Gesichtern besonders aktiv ist.Grafik:©Diana Kollenda/JLU Gießen

Gesichter oder Wörter? Unser Blickverhalten ist kein Zufall, sondern wird durch spezialisierte Nervenzellverbände bestimmt. Darauf deuten neue Forschungsergebnisse der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) hin.

Warum fixieren manche Menschen in einem Bild sofort Gesichter, während andere eher auf Textelemente achten? Eine neue Studie von Forschenden der JLU zeigt, dass unser Blickverhalten kein Zufall ist. Die Augen richten sich auf die Informationen, mit denen das individuelle Gehirn jeweils am besten zurechtkommt. Die Ergebnisse wurden in der Zeitschrift „Nature Human Behaviour“ veröffentlicht. Sie deuten darauf hin, dass unser Blickverhalten und die Struktur unseres Gehirns eine perfekt aufeinander abgestimmte Einheit bilden.

„Wir picken mit unseren Augen diejenigen „visuellen Rosinen“ heraus, die unser eigenes Gehirn am besten verdauen kann“, erklärt der Wahrnehmungsforscher Prof. Benjamin de Haas von der Abteilung für Allgemeine Psychologie der JLU. Gemeinsam mit seinem Team untersuchte er, warum Menschen bei der Betrachtung komplexer Szenen so unterschiedlich vorgehen. Während einige Beobachterinnen und Beobachter eine starke Vorliebe für Gesichter zeigen, priorisieren andere Textinformationen.

Spezialisierung im Gehirn: Blickpräferenz korreliert mit entsprechendem Hirnareal

Es ist bekannt, dass das menschliche Gehirn über spezialisierte Nervenzellverbände verfügt, die gezielt auf bestimmte Reize wie Gesichter oder Wörter reagieren. Diese lassen sich mittels funktioneller Kernspintomographie (fMRT) sichtbar machen und vermessen. Die JLU-Forschenden gingen der Frage nach, ob sich diese Verarbeitung im Gehirn je nach individueller Blickneigung unterscheidet.

Die Ergebnisse der Studie mit 61 Erwachsenen sind eindeutig. Wer eine starke Neigung hat, in einer Szene sofort Gesichter zu fixieren, bei dem sind auch die entsprechenden gesichtspräferierenden Areale im unteren Schläfenlappen des Gehirns ausgeprägter. Genau den gleichen Zusammenhang fanden die Forschenden für die Neigung, Textelemente zu fixieren. Hier korreliert die Blickpräferenz mit der Größe der entsprechenden Areale für die Wortverarbeitung. Zudem reagiert das Gehirn bei diesen Personen auf die jeweils bevorzugte Kategorie – also Gesichter oder Wörter – deutlich zuverlässiger und präziser als auf andere Reize.

Neuronale Unterschiede spiegeln sich im Verhalten wider

Die neuronalen Unterschiede spiegeln sich auch im Verhalten wider. Versuchspersonen, in deren Gehirn präzisere Antworten auf Gesichter gemessen wurden, konnten diese in Tests auch besser unterscheiden. Bei Personen, deren Gehirn präziser auf Texte antwortete, zeigte sich eine schnellere Lesegeschwindigkeit. „Diese Ergebnisse zeigen, dass individuelle Blickpräferenzen systematische Unterschiede im visuellen Gehirn widerspiegeln und mit passenden Wahrnehmungsfähigkeiten einhergehen“, erklärte die Erstautorin Diana Kollenda.

Die Frage nach dem „Warum“ konnte die Studie noch nicht beantworten. „Wir wissen noch nicht genau, wie es zu dieser Passung kommt“, so de Haas. „Vielleicht trimmt unser Blickverhalten im Laufe des Lebens unser Gehirn auf die jeweiligen Inhalte, vielleicht ist es auch umgekehrt – vermutlich ist es ein Wechselspiel aus beidem.“

Das Team ist Teil des kürzlich neu bewilligten Exzellenzclusters TAM – The Adaptive Mind. In diesem werden unter der Federführung der JLU universelle Prinzipien der Anpassungsfähigkeit und Wahrnehmung untersucht.