ECO 2026: Gewichtsverlust durch Tirzepatid bleibt nach Dosisreduktion weitgehend erhalten18. Mai 2026 Maintenance Imperative: Menschen, die unter GLP-1-Rezeptoragonisten Gewicht verlieren, nehmen dieses nach Absetzen der Therapie meist wieder zu. Die Behandlung der Adipositas braucht daher langfristige Strategien. Symbolbild: Anna Syvak/stock.adobe.com Wie können Patienten, die durch eine Behandlung mit Tirzepatid deutlich an Gewicht verlieren, diesen Gewichtsverlust langfristig aufrechterhalten? Laut aktuellen Studienergebnisse scheint eine Fortsetzung der Therapie sowohl mit maximal verträglicher als auch reduzierter Dosis dieses Ziel zu ermöglichen. von Dr. Milo Klesse GLP-1- und GIP/GLP-1-Rezeptoragonisten (GLP-1-RA) wie Tirzepatid haben die Behandlung der Adipositas grundlegend verändert. Gleichzeitig stellt sich immer häufiger die Frage nach der Nachhaltigkeit ihrer Effekte. Dieses sogenannte „Maintenance Imperative“ war kürzlich Thema auf dem European Congress on Obesity (ECO), der vom 12. bis 15. Mai 2026 in Istanbul (Türkei) stattfand. Vorgestellt wurden hier erstmals die Ergebnisse der SURMOUNT-MAINTAIN-Studie, die zeitgleich auch in der Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht wurden. Gewichtsverlust ist „keine Willenssache“ Daten aus der Studie SURMOUNT-4 hatten zuvor bereits gezeigt, dass ein Absetzen der Therapie mit Tirzepatid häufig zu einer erneuten Gewichtszunahme führt1. Während Patienten, die die Behandlung mit Tirzepatid weiter fortsetzten, ihren Gewichtsverlust weitgehend halten konnten, nahmen solche, die auf ein Placebo umgestellt wurden, einen erheblichen Teil des verlorenen Gewichts wieder zu. Auch andere Langzeitdaten machen deutlich, dass Adipositas als chronische Erkrankung betrachtet werden muss. Erstautorin Dr. Deborah Horn, Direktorin des Center for Obesity Medicine and Metabolic Performance in Houston (USA), betont auf dem ECO, dass die Aufrechterhaltung des Gewichtsverlusts daher selten eine Willenssache sei. Vor diesem Hintergrund untersuchten sie und ihre Kolleg:innen im Rahmen der SURMOUNT-MAINTAIN-Studie erstmals systematisch, ob eine Reduktion der Tirzepatid-Dosis eine praktikable Strategie zur langfristigen Gewichtserhaltung darstellen könnte. Eingeschlossen wurden ausschließlich Teilnehmende, die Tirzepatid in einer maximal verträglichen Dosis (MTD) von 10 oder 15 mg tolerierten und in der initialen 60-wöchigen offenen Behandlungsphase mindestens fünf Prozent ihres Gewichts verloren hatten. Zudem legten die Forschenden den Fokus auf Personen, die in den letzten drei Monaten (Woche 48 bis 60) ein Plateau erreicht und ihr Gewicht somit stabil gehalten hatten. Volle, niedrigere oder gar keine Dosis? Die insgesamt 378 Teilnehmenden wurden für die anschließende Erhaltungsphase randomisiert (3:3:2) einer von drei Gruppen zugeordnet: Entweder wurden sie weiter mit Tirzepatid-MTD behandelt, auf eine Erhaltungsdosis von 5 mg Tirzepatid reduziert oder auf Placebo umgestellt. Zu Anfang der Behandlung waren die Teilnehmenden durchschnittlich 113,8 Kilogramm schwer (durchschnittlicher BMI von 40,1 kg/m2), zu Beginn der Erhaltungsphase lag das durchschnittliche Gewicht bei 88,3 kg in der Tirzepatid-MTD-Gruppe, bei 88,7 kg in der Tirzepatid-5 mg-Gruppe und bei 93,7 kg in der Placebo-Gruppe. Eine Besonderheit des Studiendesigns: Teilnehmende, die nach den ersten 60 Wochen einer geringeren Tirzepatid-Dosis oder Placebo zugeordnet wurden, konnten sich nach 24 Wochen in der Erhaltungsphase (84 Wochen insgesamt) für eine Rescue-Therapie mit Tirzepatid-MTD entscheiden. Zulässig für diese Maßnahme waren jedoch nur solche Patienten, deren erneute Gewichtszunahme nach Reduktion oder Absetzen der Therapie 50 Prozent überstieg. Wahrgenommen wurde die Rescue-Therapie von acht Prozent der Teilnehmenden unter Tirzepatid-MTD, 25 Prozent unter Tirzepatid 5 mg und 67 Prozent unter Placebo. Niedrigere Tirzepatid-Dosis bewahrt Gewichtsverlust Die Ergebnisse zeigen deutliche Unterschiede zwischen den Gruppen: Teilnehmende, die Tirzepatid-MTD fortführten, hielten ihren Gewichtsverlust von durchschnittlich 22,4 Prozent ihres Ausgangsgewichts vollständig aufrecht. Teilnehmende, die auf 5 mg Tirzepatid reduzierten, verzeichneten nach 112 Wochen immerhin einen Gewichtsverlust von etwa 17 Prozent. Damit bewahrten sie rund 70 Prozent ihres ursprünglich verlorenen Gewichts. Die Placebo-Gruppe hielt dagegen nur noch etwa zehn Prozent ihres Gewichtsverlusts aufrecht und verlor somit langfristig mehr als die Hälfte des zuvor erreichten Erfolgs wieder. In absoluten Zahlen entsprach dies nach 112 Wochen einem durchschnittlichen Gewichtsverlust von rund 25 kg unter MTD, 19,2 kg unter 5 mg und lediglich 11,5 kg unter Placebo. Die Werte enthalten dabei auch diejenigen, die sich für eine Rescue-Therapie entschieden. Ohne diese Maßnahme hätte der Gewichtsverlust nach 112 Wochen in der Placebo-Gruppe Schätzungen zufolge sogar nur bei knapp fünf Prozent gelegen. Kardiometabolische Effekte gehen durch Gewichtszunahme wieder verloren Besonders relevant waren jedoch nicht nur die Veränderungen des Körpergewichts, sondern auch die Auswirkungen auf die allgemeine Gesundheit. Die Analyse der sogenannten „Health Benefits“ ergab, dass die Fortsetzung der Behandlung mit Tirzepatid vor allem das kardiometabolische Risiko der Teilnehmenden beeinflusste. So wechselten viele Teilnehmende während der Behandlung mit Tirzepatid in deutlich günstigere Kategorien hinsichtlich ihres BMI und Taille-zu-Körpergröße-Verhältnisses (WHtR). Unter Tirzepatid-MTD blieben diese Verbesserungen stabil. Während eine Reduktion auf 5 mg Tirzepatid die Verbesserungen nur leicht negierte, waren die Rückgänge der Fortschritte unter Placebo deutlich größer. Auch die metabolischen Effekte waren ausgeprägt. Verbesserungen von systolischem Blutdruck, HbA1c-, Nüchternglukose- und Insulinwerten blieben unter fortgesetzter Behandlung mit Tirzepatid weitgehend erhalten, im Gegensatz zu einem Wechsel auf Placebo. Besonders eindrucksvoll war der Effekt bei Prädiabetes: Viele Teilnehmende erreichten unter Tirzepatid wieder normale Blutzuckerwerte. Nach Absetzen der Therapie kehrte der Prädiabetes allerdings häufig zurück. Ein weiterer zentraler Aspekt der Untersuchungen war die Lebensqualität. Viele Patienten berichteten über deutliche Verbesserungen ihrer körperlichen Funktionsfähigkeit im Alltag: Sie konnten wieder besser mit Kindern oder Enkeln spielen, einfacher reisen, sich leichter bewegen oder alltägliche Aktivitäten ohne Einschränkungen durchführen. Diese Verbesserungen blieben unter Tirzepatid-MTD am stabilsten, unter 5 mg Tirzepatid teilweise erhalten und gingen nach Absetzen der Therapie größtenteils wieder verloren. Empfehlung zur Fortsetzung der Therapie Insgesamt unterstützen die Ergebnisse der SURMOUNT-MAINTAIN-Studie das Verständnis von Adipositas als chronische Erkrankung, die in der Regel einer langfristigen Behandlung bedarf. Horn und ihre Kollegen sind sich einig, dass Patienten nach Möglichkeit die Therapie mit Tirzepatid-MTD fortsetzen sollten, um bestmögliche Ergebnisse zu erzielen und beizubehalten. Gleichzeitig bestätigen die Daten jedoch, dass Patienten, die aus gesundheitlichen oder persönlichen Gründen die Tirzepatid-Dosis reduzieren wollen, auch mit einer Erhaltungstherapie von 5 mg einen klinisch relevanten Nutzen erzielen können. Dieser Aspekt ist mutmaßlich vor allem in den USA ein Faktor, wo Patienten die Dosis womöglich aus Kostengründen reduzieren möchten. Dennoch sind die neuen Daten für Ärzt:innen und Betroffene ein wichtiger Schritt. „Ich kann meinen Patient:innen endlich zeigen, was sie erwartet, wenn sie sich für eine Fortsetzung der Therapie oder – aus welchen Gründe auch immer – eine Dosisreduktion entscheiden“, betont Horn während ihrer Präsentation der Ergebnisse auf dem ECO. Von einem (grundlosen) Absetzen der Therapie ohne eine alternative Behandlung rät sie derzeit hingegen ausdrücklich ab. Eine solche Alternative könnte beispielsweise der orale GLP-1-RA Orforglipron bieten. Die entsprechenden Daten hierzu aus der ATTAIN-MAINTAIN-Studie wurden in derselben Sitzung auf dem ECO präsentiert. Referenzen: [1] Aronne LJ et al. JAMA 2024;331;(1):38-48. Das könnte Sie außerdem interessieren: Quintuple-Agonist: Neuer Wirkstoff-Ansatz gegen Übergewicht und Typ-2-Diabetes GLP-1-Rezeptoragonisten senken Mortalität und kardiovaskuläre Ereignisse
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