ECO 2026: Wechsel auf Orforglipron als wirksame Erhaltungstherapie

Adipöse Menschen, die unter Tirzepatid oder Semaglutid deutlich an Gewicht verlieren, können diesen Gewichtsverlust durch einen Wechsel auf den oralen GLP-1-Rezeptoragonist (GLP-1-RA) Orforglipron weitgehend aufrechterhalten. Das legen die Ergebnisse der ATTAIN-MAINTAIN-Studie nahe.

von Dr. Milo Klesse

Wie können Menschen mit Adipositas, die nach einer Behandlung mit injizierbaren GLP-1-Rezeptoragonisten (GLP-1-RA) deutlich an Gewicht verloren haben, ihr neues Gewicht stabil halten? Die Frage nach der „Maintenance“, also der Erhaltung der Gewichtsreduktion, gewinnt stetig an Bedeutung. Nicht nur wegen steigender Adipositasraten, sondern auch, weil immer mehr Menschen von GLP-1-RAs Gebrauch machen.

Auf dem European Congress on Obesity (ECO 2026) wurden am 13. Mai in Istanbul (Türkei) neben den Ergebnissen der SURMOUNT-MAINTAIN-Studie auch die Ergebnisse der ATTAIN-MAINTAIN-Studie vorgestellt. Während erstere zeigen, dass der Gewichtsverlust nach einer Behandlung mit Tirzepatid auch bei einer Dosisreduktion weitgehend aufrechterhalten bleibt, zeigen letztere, dass dies auch für den Wechsel auf die orale Therapie mit Orforglipron gilt. Die Studie wurde von Dr. Louis J. Aronne, Direktor des Comprehensive Weight Control Center an der Weill Cornell Medicine in New York (USA) geleitet und in der Fachzeitschrift „Nature Medicine“ veröffentlicht.

Wechsel auf Orforglipron oder Placebo

ATTAIN-MAINTAIN baut auf der SURMOUNT-5-Studie auf und untersuchte zwei kohortenbasierte Designs in einem doppelt verblindeten, placebokontrollierten Setting: Patient:innen, die zuvor entweder die maximal verträgliche Dosis (MTD) an Tirzepatid (Kohorte 1: N = 205) oder Semaglutid (Kohorte 2: N = 171) erhalten hatten, wurden nach Erreichen eines Gewichtsplateaus randomisiert für ein Jahr entweder mit Orforglipron (täglich 36 mg oder MTD von 24 oder 36 mg) oder Placebo weiter behandelt. In den beiden Kohorten wechselten 125 bzw. 105 Teilnehmende auf Orforglipron und 80 bzw. 66 Teilnehmende auf Placebo. Da die Patient:innen bereits die MTD an Tirzepatid bzw. Semaglutid vertragen hatten, konnten sie direkt mit einer Dosis von 12 Milligramm Orforglipron starten und auf 24 sowie 36 Milligramm titriert werden.

Zudem galt – ebenso wie in der SURMOUNT-MAINTAIN-Studie – auch für die Teilnehmenden in der Placebo-Gruppe der ATTAIN-MAINTAIN-Studie die Option der Rescue-Therapie. Patient:innen, die nach 24 Wochen unter Placebo mindestens 50 Prozent ihres initial verlorenen Gewichts wieder zunahmen, konnten somit auf die Behandlung mit Orforglipron wechseln. Damit sollte verhindert werden, dass die Patient:innen ihren Gewichtsverlust und die damit verbundenen kardiometabolischen Vorteile gänzlich wieder verlieren, erklären die Autor:innen.

Mehr als 70 Prozent des Gewichtsverlusts bleiben erhalten

In Kohorte 1 hielten die Teilnehmenden unter Orforglipron durchschnittlich 74,7 Prozent des in SURMOUNT-5 erzielten Gewichtsverlusts aufrecht, verglichen mit 49,2 Prozent unter Placebo. Eine zusätzliche Analyse ergab, dass 43,7 Prozent der mit Orforglipron behandelten Patient:innen mindestens 80 Prozent des ursprünglichen Gewichtsverlusts beibehielten, jedoch nur 16,4 Prozent der mit Placebo behandelten Patient:innen. Die Teilnehmenden dieser Kohorte wogen zu Beginn von SURMOUNT-5 durchschnittlich 115,8 kg und zu Beginn von ATTAIN-MAINTAIN 90,9 kg, was einer Reduktion des Ausgangsgewichts um 21,5 Prozent entspricht. Bis Studienende erzielten die Teilnehmenden im Durchschnitt eine Reduktion ihres Ausgangsgewichts um 16,8 Prozent bzw. 19,6 kg absolut.

Die Teilnehmenden in Kohorte 2 hielten mit Orforglipron 79,3 Prozent des Gewichtsverlusts aufrecht, verglichen mit 37,6 Prozent unter Placebo. 55 Prozent der Orforglipron-Patienten behielten mindestens 80 Prozent des initialen Gewichtsverlusts bei – dagegen nur 6,9 Prozent unter Placebo. Das Ausgangsgewicht betrug in dieser Kohorte durchschnittlich 113,5 kg und zu Beginn von ATTAIN-MAINTAIN 95,0 kg (16,5% Reduktion). Bis Studienende reduzierte sich das Ausgangsgewicht um durchschnittlich 15,1 Prozent bzw. 17,1 kg absolut.

Die durchschnittliche erneute Gewichtszunahme über die 52 Wochen hinweg betrug etwa fünf Kilogramm (5 %) in Kohorte 1 und nur ein Kilogramm (1 %) in Kohorte 2. Orforglipron zeigte somit eine nahezu vollständige Aufrechterhaltung des mit Semaglutid erreichten Gewichtsverlusts, während beim Wechsel vom dualen GIP/GLP-1-Agonisten Tirzepatid zum monoagonistischen GLP-1-Agonisten Orforglipron ein moderaterer Rückgewinn erwartet und beobachtet wurde. Eine Rescue-Therapie nahmen 65 Prozent (Kohorte 1) bzw. 64,6 Prozent (Kohorte 2) der Placebo-Patient:innen in Anspruch.

Wirksame und sichere Erhaltungstherapie

Über beide Kohorten hinweg blieben die während SURMOUNT-5 eingetretenen kardiometabolischen Verbesserungen im Cholesterinprofil, Blutdruck und Blutzucker bis zum Studienende erhalten. Das Sicherheitsprofil von Orforglipron war konsistent mit anderen GLP-1-RA: gastrointestinale Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall waren überwiegend mild bis moderat, traten vorwiegend in den ersten vier Wochen auf und führten zu keiner Dosisreduktion oder Studienabbruch. Hepatische Nebenwirkungen wurden nicht beobachtet und die Raten schwerwiegender unerwünschter Ereignisse (SEA) waren in beiden Armen ähnlich.

Die Studie liefert erstmals klinische Evidenz dafür, dass der Wechsel auf ein orales Präparat nach einer Behandlung mit injizierbaren GLP-1-RAs den Großteil der therapeutischen Vorteile aufrechterhält. Laut den Autor:innen ermögliche das nun eine evidenzbasierte, patientenzentrierte Entscheidungsfindung sowie die Möglichkeit, die langfristige Therapiepersistenz zu verbessern. Wer die Behandlung mit injizierbaren Wirkstoffen aus persönlichen, finanziellen oder praktikablen Gründen nicht fortsetzen kann oder möchte, dem stehe mit Orforglipron eine weitere Option der Erhaltungstherapie zur Verfügung, so die Autor:innen.

Gleichzeitig verdeutlichen auch diese Studienergebnisse, dass die meisten Menschen mit Adipositas nach einer Behandlung mit GLP-1-RAs die Medikamente nicht ohne Weiteres absetzen können. Damit besteht weiterhin großer Bedarf, das Angebot an Erhaltungstherapien auszuweiten und die langfristigen Auswirkungen der bestehenden Therapien weiter zu untersuchen.

(mkl/BIERMANN)