Elektronisches Hilfs-Tool verringert das Risiko der Übermedikation15. Juli 2020 Foto: © Kenishirotie/Adobe Stock Mit steigender Lebenserwartung nimmt auch die Verbreitung chronischer Krankheiten zu. Die Folge: Es werden immer mehr Medikamente verschrieben. Bei den über 65-Jährigen sind schon etwa 25 Prozent der Bevölkerung von dem Phänomen der Polypharmazie betroffen, das heißt sie nehmen regelmäßig mindestens fünf verschiedene Medikamente ein. Dadurch kommt es zu Interaktionen und unerwünschten Wirkungen. Im internationalen, von der EU geförderten Projekt PRIMA-e-DS unter der Leitung von Andreas Sönnichsen, Leiter der Abteilung für Allgemein- und Familienmedizin der MedUni Wien am Zentrum für Public Health, wurde bei rund 4000 Patienten ein elektronisches Tool getestet, das als Entscheidungshilfe bei inadäquater und gefährlicher Polymedikation eingesetzt werden kann. Das zentrale Ergebnis der Studie, die nun im „British Medical Journal“ veröffentlicht wurde: Inadäquate Medikamente können leicht vermieden werden, ohne dass für die Patienten irgendein Schaden entsteht. PRIMA-eDS steht für „Polypharmacy: Reduction of Inappropriate Medication and Adverse drug events in older populations by electronic Decision Support”. An der Studie, die von der Europäischen Union gefördert wird, waren Forschungsteams aus fünf Ländern, Finnland, Großbritannien, Deutschland, Italien und Österreich mit dem Zentrum für Public Health der MedUni Wien und der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg (PMU) beteiligt. Elektronische Entscheidungshilfe für Hausärzte „Vorliegende Studien haben gezeigt, das fünf bis zehn Prozent aller notfallmäßigen, internistischen Spitalsaufnahmen älterer Menschen auf Medikamente zurückzuführen sind“, betont Sönnichsen. „Die standardmäßige, regelmäßige und akribische Überprüfung der Medikamenteneinnahme durch den Fach- oder Hausarzt ist zeitlich fast unmöglich, oder auch, weil umfassende pharmakologische Kenntnisse fehlen. Daher haben wir uns zum Ziel gesetzt, eine einfache elektronische Entscheidungshilfe für Hausärzte und Hausärztinnen zu entwickeln, die gefährliche Polymedikationen aufspürt und das Absetzen dieser Medikamente vorschlägt.“ Diese Idee wurde nun in den vergangenen sieben Jahren im Rahmen des Projekts PRIMA-eDS umgesetzt. Das Tool speist sich aus mehreren pharmakologischen Datenbanken und verknüpft diese mit individuellen Patientendaten (Diagnosen, Nierenwert, etc.). „Der Vorteil des Computers ist, dass er in Sekunden sämtliche bekannten Interaktionen, Dosierungsfehler und individuellen Unverträglichkeiten auch bei sehr vielen gleichzeitig verabreichten Wirkstoffen ausgeben kann. Wichtig ist dabei, dass er mit allen vollständigen Daten gefüttert wird.“ Für die jetzt im British Medical Journal veröffentlichte klinische Studie wurde das unter Leitung von Sönnichsen entwickelte elektronische Programm randomisiert-kontrolliert bei rund 4000 Patienten über zwei Jahre getestet. Sönnichsen fasst zusammen: „Es konnte gezeigt werden, dass durch das Tool die Anzahl verordneter Medikamente im Durchschnitt um etwa 0,5 Arzneimittel pro Patient reduziert werden kann. Tendenziell kommt es auch zu einer Reduktion von Spitalsaufnahmen. Dieses Ergebnis ist aber nur signifikant, wenn die teilnehmenden Ärztinnen und Ärzte dem Studienprotokoll exakt gefolgt sind.“ In weiteren Auswertungen soll nun evaluiert werden, welche Kosteneinsparungen durch den Einsatz des Tools möglich sind.
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