Erste Leitlinie zum kardiorenal-metabolischen Syndrom setzt auf Früherkennung und interdisziplinäre Versorgung

Die erste Leitlinie zum CKM-Syndrom setzt auf verstärkte Früherkennung und Prävention. Gleichzeitig nennt sie erstmals auch GLP-1-Rezeptoragonisten als Therapieoption zur Reduktion des kardiovaskulären Risikos. Symbolbild: freshidea/stock.adobe.com

Amerikanische Fachgesellschaften haben die erste Leitlinie zum kardiorenal-metabolischen Syndrom erarbeitet. Im Fokus stehen neben Prävention und Früherkennung auch das wachsende Spektrum an Behandlungsoptionen.

Die American Heart Association (AHA) und das American College of Cardiology (ACC) haben gemeinsam mit weiteren medizinischen Fachgesellschaften erstmals eine evidenzbasierte Leitlinie zur Prävention, Erkennung, Diagnostik und Behandlung des kardiorenalen-metabolischen (CKM-)Syndroms veröffentlicht.

Die neue Empfehlung berücksichtigt die enge Wechselwirkung zwischen Adipositas und anderen metabolischen Risikofaktoren, chronischer Nierenerkrankung sowie kardiovaskulären Erkrankungen.

Enge Verbindung zwischen Herz, Nieren und Stoffwechsel

Nach Angaben der Fachgesellschaften weisen nahezu 90 Prozent der Erwachsenen in den USA mindestens einen Risikofaktor für ein CKM-Syndrom auf. Dazu zählen Übergewicht und Adipositas, arterielle Hypertonie, Dyslipidämien, erhöhte Blutzuckerwerte oder eine eingeschränkte Nierenfunktion.

In den USA sind etwa 40 Prozent der Erwachsenen und 21 Prozent der Kinder und Jugendlichen von Adipositas betroffen. In Deutschland liegt der Anteil adipöser Erwachsener mit 17,9 Prozent zwar deutlich darunter. Dennoch sind auch hierzulande mehr als die Hälfte aller Erwachsenen zumindest übergewichtig (wir berichteten) – und damit potenzielle Risikokandidat:innen für das CKM-Syndrom.

„Herz-, Nieren- und Stoffwechselerkrankungen treten nicht isoliert auf – sie sind eng miteinander verknüpft“, erläutert Prof. Chiadi E. Ndumele von der Johns Hopkins School of Medicine in Baltimore (USA), Vorsitzender des Leitliniengremiums. Die Leitlinie plädiere daher für ein früheres Screening und eine koordinierte Versorgung, um das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen bereits vor dem Auftreten schwerwiegender Komplikationen oder kardiovaskulärer Ereignisse zu reduzieren.

Vier Stadien des CKM-Syndroms definiert

Die Autor:innen der neuen Leitlinie schlagen eine Einteilung des CKM-Syndroms in vier Stadien vor, um Präventions- und Therapieansätze individuell an das jeweilige Risikoprofil anzupassen:

  • Stadium 1: Übergewicht/Adipositas oder Prädiabetes ohne weitere metabolische Risikofaktoren und ohne Nieren- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
  • Stadium 2: Ein oder mehrere metabolische Risikofaktoren (z.B. Hypertonie, Dyslipidämie, Typ-2-Diabetes oder metabolisches Syndrom) und/oder eine chronische Nierenerkrankung, jedoch ohne manifeste kardiovaskuläre Erkrankung.
  • Stadium 3: Nachweis einer subklinischen kardiovaskulären Erkrankung bei gleichzeitig bestehenden CKM-Risikofaktoren oder Vorliegen einer chronischen Nierenerkrankung mit sehr hohem Risiko beziehungsweise eines hohen prognostizierten Zehn-Jahres-Risikos für kardiovaskuläre Ereignisse.
  • Stadium 4: Manifestierte kardiovaskuläre Erkrankung, wie koronare Herzkrankheit, Herzinsuffizienz, Schlaganfall, periphere arterielle Verschlusskrankheit oder Vorhofflimmern, in Kombination mit Übergewicht/Adipositas, weiteren metabolischen Risikofaktoren oder einer Nierenerkrankung.

Nach Einschätzung der Autor:innen ermöglicht diese Klassifikation eine frühzeitige Intervention, um die Progression des Syndroms zu verlangsamen oder gegebenenfalls sogar umzukehren.

Risikostratifizierung und soziale Determinanten

Ein zentrales Element der Leitlinie ist die Anwendung der PREVENT-Risikogleichungen (Predicting Risk of cardiovascular disease EVENTs). Im Unterschied zu bisherigen Instrumenten beziehen diese Modelle neben klassischen kardiovaskulären Risikofaktoren auch Parameter der Nierenfunktion und metabolischen Gesundheit ein. Dadurch sollen sowohl das Zehn-Jahres- als auch das 30-Jahres-Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse präziser abgeschätzt werden können.

Darüber hinaus empfehlen die Autor:innen ein Screening auf soziale Determinanten der Gesundheit, darunter Ernährungsunsicherheit, instabile Wohnverhältnisse und finanzielle Belastungen. Diese Faktoren können das Risiko für die Entwicklung eines CKM-Syndroms zusätzlich erhöhen.

Lebensstilinterventionen als Grundlage

Die Leitlinie unterstreicht die Bedeutung eines gesunden Lebensstils für die Prävention schwerwiegender Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt, Herzinsuffizienz, Schlaganfall oder Nierenversagen. Empfohlen wird die Orientierung an den von der AHA entwickelten „Life’s Essential 8“.

Diese umfassen regelmäßige körperliche Aktivität, eine herzgesunde Ernährung, die Aufrechterhaltung eines gesunden Körpergewichts, die Kontrolle von Blutdruck, Blutzucker und Cholesterinspiegel, den Verzicht auf Tabakkonsum sowie ausreichenden und qualitativ hochwertigen Schlaf.

„Diese Maßnahmen senken nicht nur das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sondern unterstützen die Nieren- und Stoffwechselgesundheit über die gesamte Lebensspanne hinweg“, betont Prof. Fátima Rodriguez von der Stanford University, stellvertretende Vorsitzende des Leitliniengremiums.

GLP-1-Rezeptoragonisten erstmals ausdrücklich empfohlen

Ergänzend zu den Grundlagen eines gesunden Lebensstils nennt die Leitlinie auch pharmakologische und chirurgische Therapieoptionen. Dazu gehören Medikamente zur Kontrolle von Blutdruck, Blutfetten, Blutzucker und Körpergewicht – mit dem Ziel, Herz und Nieren zu schützen.

Erstmals empfehlen die Fachgesellschaften ausdrücklich den Einsatz GLP-1-basierter Therapien bei ausgewählten Personen mit Adipositas und/oder Typ-2-Diabetes und zusätzlichen kardiovaskulären Risikofaktoren. Darüber hinaus kann bei geeigneten Patient:innen auch eine metabolisch-bariatrische Operation als Bestandteil des Behandlungskonzepts berücksichtigt werden.

Leitlinie basiert auf aktueller Evidenz

Die „2026 AHA/ACC/ADA/ASN Guideline for the Prevention, Detection, Evaluation, and Management of Cardiovascular-Kidney-Metabolic Syndrome“ ersetzt und erweitert die bisherige AHA/ACC/TOS-Leitlinie zum Management von Übergewicht und Adipositas aus dem Jahr 2013.

Für die Entwicklung der Empfehlungen wurde eine systematische Literaturrecherche durchgeführt. Berücksichtigt wurden zwischen dem 29. Oktober 2024 und dem 14. April 2025 veröffentlichte klinische Studien, systematische Reviews und Metaanalysen aus Datenbanken wie MEDLINE/PubMed, Embase, der Cochrane Library sowie weiteren relevanten Quellen.

Die Leitlinie wurde unter Federführung der gemeinsamen AHA/ACC-Kommission für klinische Praxisleitlinien erstellt und von der American Diabetes Association (ADA) sowie der American Society of Nephrology (ASN) unterstützt.

(mkl/BIERMANN)