ESC2025: Was bringt die intravenöse Plättchenhemmung bei herzinfarktbedingtem kardiogenem Schock?

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Im Vergleich zu oralem Ticagrelor bewirkte intravenös (i.v.) verabreichtes Cangrelor in der randomisierten Studie DAPT-SHOCK-AMI eine sofortige, wirksame Thrombozytenhemmung ohne Anstieg schwerer Blutungen und mit einer Tendenz zu niedrigeren Mortalitätsraten bei Patienten mit akutem Myokardinfarkt und kardiogenem Schock.

Das geht aus aktuellen Forschungsergebnissen hervor, die im Rahmen einer Hot-Line-Session auf dem europäischen Kardiologenkongress (ESC2025) in Madrid (Spanien) vorgestellt wurden.

Etwa 4,6 Prozent der Patienten, die wegen eines akuten Myokardinfarkts (MI) ins Krankenhaus eingeliefert werden, erleiden einen kardiogenen Schock. Dieser ist mit einer Krankenhaussterblichkeitsrate von 44 Prozent verbunden. Die Reperfusion mittels primärer perkutaner Koronarintervention (PCI) ist nach wie vor der einzige universelle Therapieansatz, der die Prognose verbessert.

„Eine frühzeitige und wirksame Thrombozytenhemmung ist für die Reperfusion auf mikrozirkulatorischer Ebene bei Patienten mit MI, der mit einem kardiogenen Schock einhergeht, von entscheidender Bedeutung. In großen randomisierten Studien zur Wirksamkeit und Sicherheit von Thrombozytenaggregationshemmern wurden jedoch keine Patienten mit kardiogenem Schock berücksichtigt“, erklärt die leitende Co-Forscherin Prof. Zuzana Motovska von der Karlsuniversität und der Universitätsklinik Kralovske Vinohrady (Prag, Tschechien).

„Derzeit werden oral zerkleinerte Ticagrelor-Tabletten verabreicht. Der parenterale, direkt wirkende, reversible P2Y12-Hemmer Cangrelor könnte jedoch Probleme lösen, die während eines kardiogenen Schocks auftreten – darunter eine schlechte Resorption und eine beeinträchtigte Leberverstoffwechselung“, erläutert Motocska den Hintergrund der Studie. „Die DAPT-SHOCK-AMI-Studie, in der i.v. verabreichtes Cangrelor mit zerkleinertem Ticagrelor verglichen wird, ist die erste randomisierte Studie, die die Wirksamkeit und Sicherheit von Thrombozytenaggregationshemmern in diesem Umfeld untersucht.“

Direkter Vergleich von oralem Ticagrelor und intravenösem Cangrelor

Diese doppelblinde, placebokontrollierte randomisierte Studie wurde an 29 Standorten in Tschechien, Frankreich, Deutschland, Polen und der Slowakei durchgeführt. Die wichtigsten Einschlusskriterien waren ein akuter MI mit Indikation für eine Notfall-PCI und ein kardiogener Schock, der mindestens zwei der folgenden drei Kriterien erfüllte:

  • systolischer Blutdruck <90 mmHg ohne Hypovolämie
  • Notwendigkeit einer vasopressiven und/oder inotropen Therapie
  • Anzeichen einer Organhypoperfusion.

Die Patienten wurden im Verhältnis 1:1 randomisiert und erhielten entweder Cangrelor i.v. (Bolus von 30 μg/kg, gefolgt von einer kontinuierlichen Infusion von 4 μg/kg) oder Ticagrelor oral (zerkleinerte Tabletten in einer Anfangsdosis von 180 mg, gefolgt von einer Erhaltungsdosis von 90 mg zweimal täglich). In der Cangrelor-Gruppe wurden 30 Minuten vor Ende der Cangrelor-Infusion 180 mg Ticagrelor (zerkleinerte Tabletten) verabreicht, gefolgt von einer Erhaltungsdosis von 90 mg zweimal täglich.

Cangrelor-Placebo und Ticagrelor-Placebo wurden in derselben Form wie ihre aktiven Gegenstücke verabreicht. Das Studienmedikament wurde allen teilnehmenden Patienten zusätzlich zu gleichzeitig eingenommenem Aspirin verabreicht. Insgesamt wurden 605 Patienten randomisiert. Das Durchschnittsalter betrug 65 Jahre, 22,6 Prozent waren Frauen.

Frühe Vorteile von Cangrelor mit Tendenz zu geringerer Mortalität und weniger kardiovaskulären Ereignissen

Bei allen Patienten (100%) die Cangrelor erhielten, wurde der primäre Laborendpunkt (definiert als Thrombozytenreaktivitätsindex <50% am Ende der primären PCI) erreicht, im Vergleich zu nur 22,1 Prozent der Patienten mit Ticagrelor (p für Überlegenheit <0,0001).

Nach 30 Tagen wurde der primäre klinische Endpunkt nicht erreicht: 37,6 Prozent der Patienten in der Cangrelor-Gruppe und 41,0 Prozent der Patienten in der Ticagrelor-Gruppe verstarben aufgrund jeglicher Ursache oder hatten einen MI oder Schlaganfall (Differenz −3,5%, 95%-Konfidenzintervall [KI] −11,2 bis 4,3; p für Nichtunterlegenheit = 0,13).

Die Inzidenz der Gesamtmortalität nach zwölf Monaten betrug 43,6 Prozent in der Cangrelor-Gruppe und 49,2 Prozent in der Ticagrelor-Gruppe (Differenz −5,6%; 95% KI −13,5 bis 2,4), während die Inzidenz der kardiovaskulären Mortalität 26,8 Prozent bzw. 33,2 Prozent betrug (Differenz −6,4%; 95%-KI −13,7 bis 0,9). Die Inzidenz schwerer Blutungen nach 30 Tagen betrug 6,4 Prozent in der Cangrelor-Gruppe und 5,2 Prozent in der Ticagrelor-Gruppe (p = 0,53).

Im Vergleich zu Ticagrelor ermittelten die Forscher mit Cangrelor jedoch Verbesserungen bei den primären PCI-Ergebnissen, den periinterventionellen Komplikationen, den frühen Reinfarkten und den Stentthromboseraten.

Hoffnung für die Behandlung des kardiogenen Schocks

Der leitende Co-Prüfer Prof. Deepak Bhatt von der Icahn School of Medicine am Mount Sinai (New York, USA) resümiert: „Im Vergleich zu zerkleinertem Ticagrelor bewirkte i.v. verabreichtes Cangrelor eine sofortige, wirksame Thrombozytenhemmung und verbesserte mehrere sekundäre und explorative klinische Ergebnisse, ohne die Häufigkeit schwerer Blutungen zu erhöhen. Wenn sich dies in größeren Studien bestätigt, könnte i.v. verabreichtes Cangrelor einen bedeutenden Fortschritt in der Behandlung des kardiogenen Schocks darstellen.“

(ah/BIERMANN)