Expertenkonsens sieht Ernährungsberatung als festen Bestandteil der medikamentösen Adipositas-Therapie

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Ein europäisches Expertengremium ist sich einig: Die medizinische Ernährungstherapie, regelmäßige körperliche Aktivität und psychologische Unterstützung sind für eine erfolgreiche und langfristige medikamentöse Adipositas-Therapie unerlässlich.

Moderne inkretinbasierte Medikamente wie GLP-1-Rezeptoragonisten haben die Behandlung von Adipositas grundlegend verändert. Ein internationales Expert:innenteam von 26 Autor:innen, unter Mitwirkung der MedUni Wien, hat erstmals gemeinsame Empfehlungen zur Begleitung inkretinbasierter Therapien bei Adipositas veröffentlicht.

Das in „The Lancet Diabetes & Endocrinology“ erschienene Konsensuspapier der European Association for the Study of Obesity (EASO), der European Federation of the Associations of Dietitians (EFAD) und der European Coalition for People Living with Obesity (ECPO) macht jedoch deutlich: Der langfristige Erfolg dieser medikamentösen Therapien hängt wesentlich von einer umfassenden ernährungsmedizinischen, funktionellen und psychologischen Begleitung ab.

Ernährungstherapie als zentraler Bestandteil

Ein Schwerpunkt des Konsensuspapiers liegt auf der medizinischen Ernährungstherapie. Diese soll nicht nur eine ausreichende Versorgung mit Protein, Vitaminen und Mineralstoffen sicherstellen, sondern auch helfen, gastrointestinale Nebenwirkungen der Medikamente zu reduzieren und langfristig gesundheitsförderliche Ernährungsgewohnheiten zu etablieren. Die Autor:innen betonen, dass die Ernährungstherapie durch qualifizierte Diätolog:innen erfolgen und Teil eines multidisziplinären Behandlungskonzepts sein sollte.

Muskelmasse erhalten und Funktion überwachen

Außerdem weisen die Autor:innen darauf hin, dass bei inkretinbasierten Therapien nicht nur Fettmasse, sondern auch fettfreie Körpermasse, insbesondere Muskelmasse, verloren gehen kann. Deshalb empfehlen sie, die Körperzusammensetzung und die körperliche Funktion regelmäßig zu kontrollieren und Krafttraining gezielt in die Therapie zu integrieren. Ergänzend zum BMI sollen auch Taillenumfang sowie einfache funktionelle Tests, wie beispielsweise die Handgreifkraft, berücksichtigt werden.

Psychische Gesundheit mitdenken

Auch psychologische Aspekte spielen eine wichtige Rolle. Obwohl sich die psychische Gesundheit unter der medikamentösen Therapie häufig verbessert (wir berichteten), können psychische Belastungen oder Essstörungen bestehen bleiben oder erneut auftreten. Das Konsensuspapier empfiehlt daher ein entsprechendes Screening vor Therapiebeginn sowie eine kontinuierliche psychologische Begleitung bei Bedarf.

Versorgung verbessern und Forschung stärken

Darüber hinaus machen die Autor:innen auf bestehende Versorgungslücken aufmerksam. Menschen mit Adipositas haben vielerorts noch keinen ausreichenden Zugang zu multidisziplinären Behandlungsangeboten oder qualifizierter Ernährungstherapie. Gleichzeitig bestehen erhebliche Forschungslücken, etwa zu den langfristigen Auswirkungen der Medikamente auf Ernährungsstatus, Muskel- und Knochengesundheit sowie Lebensqualität. Das Konsensuspapier formuliert deshalb konkrete Prioritäten für zukünftige Forschung.

„Die neuen Medikamente eröffnen vielen Menschen mit Adipositas neue Behandlungsmöglichkeiten. Entscheidend ist jedoch, dass sie in ein ganzheitliches Therapiekonzept eingebettet werden. Ernährung, Bewegung und psychologische Begleitung sind keine Ergänzung, sondern unverzichtbare Bestandteile einer hochwertigen Adipositas-Therapie“, sagt Maria Wakolbinger vom Zentrum für Public Health der MedUni Wien, Co-Autorin des Konsensuspapiers und Leiterin der EASO Nutrition Working Group.

Mit dem gemeinsamen Konsensuspapier legen EASO, EFAD und ECPO erstmals europaweit abgestimmte Empfehlungen vor, die den Stellenwert der Ernährungstherapie sowie funktioneller und psychologischer Begleitmaßnahmen in der medikamentösen Adipositas-Therapie hervorheben. Ziel ist es, die Versorgung von Menschen mit Adipositas weiter zu verbessern und den sicheren, langfristigen Einsatz dieser neuen Therapien zu unterstützen.

Eine aktuelle Übersicht zu in der EU zugelassenen inkretinbasierten Therapien sowie ausgewählten Pipeline-Kandidaten finden Sie hier.