Fachtagung: “Das Leid der Kinder ist erdrückend”

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„Vieles ist gut auf den Weg gebracht worden, doch sehr vieles ist noch zu tun, das Leiden der Kinder unter den Folgen der Corona-Pandemie ist erdrückend“, könnte ein Fazit der Fachtagung “Kinder brauchen mehr/Jugend braucht mehr” sein. Diskutiert wurde über die Lebenssituationen von Kindern und Jugendlichen unter Pandemiebedingungen.

Im März dieses Jahres hatte das Bündnis “Kinder brauchen mehr/Jugend braucht mehr”, zu dem sich zahlreiche Verbände aus der Verhaltens- und Psychotherapie für Kinder- und Jugend zusammengeschlossen haben, von der Politik gefordert, den weitreichenden negativen Folgen der Corona-Pandemie auf die physische und psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen konkrete Maßnahmen entgegenzusetzen. Die aktuelle Tagung beleuchtete nun, wie weit die Umsetzung bislang gelungen ist und welche weiteren Schritte jetzt von Seiten der Politik erforderlich sind.

Prof. Stefanie Schmidt, Professorin für Klinische Psychologie des Kindes- und Jugendalters an der Universität Bern, berichtete von einem in vielen nationalen wie internationalen Studien belegten erhöhten psychotherapeutischen Behandlungsbedarf bei Kindern- und Jugendlichen, wobei sich je nach Entwicklungsphase psychische Störungen in unterschiedlichen Reaktionen äußerten. Zu erwarten sei, dass sich die Probleme mit der Rückkehr zur Normalität fortsetzen. Ein Monitoring und Unterstützungsangebote zur Förderung der psychischen Gesundheit im Kindes- und Jugendalter seien dringend erforderlich.

Die Psychotherapeutin Dr. Johanna Thünker machte deutlich, dass es bereits vor der Pandemie eine eklatante Unterversorgung im Kinder- und Jugendlichenbereich gegeben  habe. Die Corona- Pandemie zeige, wie unter einem Brennglas, den vermehrten Bedarf an psychosozialer und psychotherapeutischer Unterstützung. Nun sei der Mangel nicht mehr zu leugnen, eine Vielzahl von Maßnahmen seien erforderlich, wie zum Beispiel eine verstärkte Nutzung diagnostischer Instrumente zur Früherkennung und der Ausbau von Gruppenpsychotherapie. Des Weiteren seien eine Etablierung von Primär- und Sekundärprävention mit Blick auf die Gruppen der Risikopatienten ebenso notwendig wie ein Ausbau der Forschung, um Bedarfe zu ermitteln.

Ariadne Sartorius, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und Initiatorin des Verbändebündnisses, hatte – im Nachgang der Veranstaltung vom vergangenen März – alle zuständigen Landes- und Bundesministerien zur Umsetzung der eingeforderten Maßnahmen befragt. Die vorgetragenen Ergebnisse zeigten ihrer Einschätzung nach, dass die Zielgruppen von diesem bunten Potpourri von vor allem regionalen Hilfsangeboten auf Landesebene meist nicht oder nur unzureichend erreicht würden. Die eigentlich gute Idee des Projektes „Aufholen nach Corona“ des Familien- und Kultusministeriums im Umfang von zwei Milliarden Euro wirke nur bedingt, da es zu viele unterschiedliche und heterogene Maßnahmen umfasse, sodass die Wirkung der  finanziellen Förderung damit ineffizient werde. Vereinheitlichung, Überblicke und Zusammenführung seien, so Sartorius, dringend erforderlich, da zudem viele Projekte den Zuweisenden wie auch den Familien nicht bekannt seien.

Dr. Petra Kapaun vertrat die Position der Kinder- und Jugendärzt:innen und richtete ihren Blick auf die Arbeit in der Praxis. Sie vermisse in ihrer Arbeit einen Katalog mit passgenauen Angeboten. „Ich fühle mich wie eine
Universalsozialarbeiterin, das ist alleine nicht zu leisten.“ Die am Universitätsklinikum Regensburg und an der IU Internationalen Hochschule tätige Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Prof. Beate Leinberger sagte, es sei
unglaublich schwierig in Erfahrung zu bringen, wer was an Unterstützung anbiete. Was gar nicht kommen dürfe, seien neue Schulschließungen und Vereinsausschlüsse für Kinder, die nicht geimpft seien: „Hier müssen wir dringend eingreifen.“

Dr. Bernhard Gibis von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung resümierte, ihm zeige sich ein Bild, in dem unheimlich viele wohlmeinende Gewerke das Richtige tun wollten, aber nicht wüssten, was die jeweils anderen machten. Er überraschte mit der Aussage, die Einzelpraxis sei ein Auslaufmodell, man müsse künftig Verbünde und Netzwerke, wie bei der sogenannten „Komplexrichtlinie“, zur Behandlung von schwer psychisch erkrankten Menschen bilden. Nun sei es an der Zeit, eine solche Richtlinie passgenau auch für Kinder und Jugendliche zu entwickeln. Die KBV arbeite daran, Plattformen zu schaffen und verwies unter anderem auf die Terminservicestelle unter der 116117 als Erfolgsmodell. Er forderte auch, man müsse künftig mehr interministerielle Arbeitsgruppen einsetzen.

Heiko Borchers, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut (KJP) und Sprecher der Landespsychotherapeutenkammer Schleswig-Holstein, entgegnete, man könne Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten nur vernetzen, wenn es von ihnen auch genug gebe. In den Zulassungsausschüssen der Kassenärztlichen Vereinigungen säßen oft Kassenvertreter, die aus finanziellen Gründen gegen Sonderbedarfe und Ermächtigungen seien. Er forderte, die Quote für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten dem Bedarf entsprechend, zum Beispiel per
Bundesratsinitiative, auf 25 Prozent zu erhöhen.

Dr. Reinhard Martens, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, machte deutlich: „Vieles ist gut auf den Weg gebracht worden, vieles ist noch zu tun, aber das Leid der Kinder ist erdrückend.“ Man müsse zwar feststellen, dass auch vieles gut gelaufen sei, aber dass es nicht reiche. Ziel müsse sein, möglichst vielen Kindern auf Basis der regionalen Gegebenheiten zu helfen, dazu seien verbesserte Strukturen erforderlich, stimmte er Leinberger zu.