Fehlgeschlagenes Mentholzigaretten-Verbot in den USA: Einflussnahme der Tabakindustrie

Symbolbild Mentholzigaretten (Abbildung: Валерий Моисеев/stock.adobe.com)

Als die US-amerikanische Arzneimittelbehörde (FDA) im Jahr 2022 ein Verbot von Mentholzigaretten und mit Menthol aromatisierten Zigarren vorschlug, gingen dazu fast 250.000 öffentliche Stellungnahmen ein – eine rekordverdächtige Resonanz, die seinerzeit die Regierung von Präsident Joe Biden dazu veranlasste, eine endgültige Entscheidung zu vertagen.

Eine Analyse von Forschenden an der Rutgers Health zeigt nun aber, dass lediglich ein kleiner Teil dieser Stellungnahmen von besorgten Bürgern stammte, die sich aus eigenem Antrieb und in eigenen Worten zu dem geplanten Verbot äußerten.

Verwendung von Musterschreiben bei mehr als 90 Prozent der Stellungnahmen

Für ihre in „JAMA Network Open“ veröffentlichte Studie werteten die Wissenschaftler alle 246.808 bei der FDA eingegangenen Stellungnahmen aus. Dabei stellten sie fest, dass es sich bei 97 Prozent der Kommentare zur Menthol-Regulierung Zigaretten betreffend sowie bei 93 Prozent der Kommentare zur Regulierung aromatisierter Zigarren betreffend um vorgefertigte Musterschreiben handelte. Etwa 46 Prozent der Musterschreiben zum Mentholverbot enthielten Inhalte, die auf Tabakunternehmen zurückzuführen waren – darunter die Kampagne „Own It, Voice It“ von Reynolds American Inc. und „Voices for Consumer Choice“ der Altria Group Inc. Lediglich zwei Prozent aller Stellungnahmen waren individuell verfasst.

„Die schiere Menge an Stellungnahmen wurde als Grund angeführt, eine gesundheitspolitische Maßnahme zu verzögern, die Leben gerettet hätte“, verdeutlicht Andrea Villanti, Professorin an der Rutgers School of Public Health, stellvertretende Leiterin des Rutgers Institute for Nicotine and Tobacco Studies und Hauptautorin der Studie. „Was dabei außer Acht gelassen wurde, war, wie wenige dieser Eingaben individuell verfasst waren und wie stark der Einfluss der Tabakindustrie sowohl das Volumen als auch den Inhalt der Kommentare geprägt hatte.“

Die Forschenden werteten die öffentlich zugänglichen Stellungnahmen aus und nutzten Statistik-Software, um wiederkehrende Formulierungen zu identifizieren. Dabei konnten sie die Eingaben 17 verschiedenen Vorlagen für Musterschreiben zuordnen. Nach Aussortieren der Musterschreiben und deren nahezu identischer Duplikate analysierten sie die verbleibenden 3342 individuellen Kommentare zum Mentholverbot sowie 1432 individuelle Kommentare zum Zigarrenverbot.

Selbst unter den individuell verfassten Kommentaren sprachen sich 96 Prozent gegen das Mentholverbot und 99 Prozent gegen das Zigarrenverbot aus. Die Hauptargumente waren jedoch wirtschaftlicher Natur: Umsatz- und Absatzverluste, die Befürchtung eines Schwarzmarktes sowie die Behauptung, Aufklärung sei wirksamer als ein Verbot. Nur wenige individuelle Kommentare (3–5%) gingen auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu den gesundheitlichen Auswirkungen ein, die den Regulierungen zugrunde lagen.

Rutgers-Projekt zur Identifizierung von Desinformations-Kampagnen

Die aktuell veröffentlichte Studie ist Teil eines laufenden Projekts der Rutgers University. In dessen Rahmen untersuchen Wissenschaftler, wie Desinformation die Debatte über Regulierungen zu Menthol- und aromatisierten Tabakprodukten beeinflusst hat. Dabei wurden die Argumente der Industrie von ihrem Ursprung bis zu ihren Auswirkungen nachverfolgt.

In einer älteren Studie im Rahmen dieses Projektes, geleitet von Ollie Ganz (Assistenzprofessorin an der Rutgers School of Public Health), analysierten deren Autoren E-Mails, die Tabakunternehmen während der Phase der öffentlichen Stellungnahme direkt an Verbraucher sandten. Die E-Mails forderten die Empfänger zum Handeln auf und leiteten sie auf unternehmenseigene Websites, auf denen aus vorgefertigten Argumenten personalisierte Schreiben gegen das Verbot erstellt und anschließend bei der FDA eingereicht werden konnten.

In einer weiteren Untersuchung für das übergeordnete Projekt unter der Leitung von Olivia Wackowski, Professorin an der School of Public Health, analysierte man 122 Nachrichtenartikel über die Menthol-Regulierung. Diese Auswertung ergab, dass die Berichterstattung ein ausgewogeneres Bild zeichnete: 75 Prozent der Artikel verwiesen auf das Potenzial des Verbots, Krankheiten zu reduzieren und Leben zu retten, während sich die Argumente der Gegner auf die Befürchtung konzentrierten, dass dies zu verstärkten Polizeikontrollen in schwarzen Teilen der Bevölkerung führen könnte.

Dieses Argument bezüglich der Polizeikontrollen bezog sich auf den Tod von Eric Garner im Jahr 2014: Der Afroamerikaner starb bei einer Kontrolle durch die New Yorker Polizei, als diese ihn wegen des mutmaßlichen Verkaufs unversteuerter Zigaretten festnehmen wollte. Laut Villanti zielt dieses Argument darauf ab, die Öffentlichkeit in die Irre zu führen, da die Produktstandards der FDA regeln, was Tabakunternehmen herstellen und verkaufen dürfen – nicht jedoch den individuellen Erwerb oder Konsum dieser Produkte.

Verzerrung der öffentlichen Wahrnehmung durch Einflussnahme der Tabakindustrie

„Zusammengenommen zeigen diese Ergebnisse, wie der Einfluss der Tabakindustrie politische Debatten so prägen kann, dass wissenschaftliche Erkenntnisse verschleiert und die Wahrnehmung der öffentlichen Meinung verzerrt werden“, bilanziert Kymberle Sterling, außerordentliche Professorin an der Rutgers School of Public Health und Mitautorin der neuen Studie. „Infolgedessen tragen schwarze und andere Bevölkerungsgruppen, die überproportional stark von der Vermarktung von Mentholzigaretten und aromatisierten Zigarren betroffen sind, weiterhin eine unverhältnismäßig hohe Last an tabakbedingten Gesundheitsschäden, wenn evidenzbasierte Schutzmaßnahmen verzögert, abgeschwächt oder zurückgenommen werden.“

Laut einer Mitteilung der Rutgers University machen Mentholzigaretten mehr als ein Drittel des US-Zigarettenmarktes und den Großteil der von schwarzen Amerikanern gerauchten Zigaretten aus; Schätzungen zufolge waren sie zwischen 1980 und 2018 für 378.000 vorzeitige Todesfälle in den USA verantwortlich. Die FDA legte dem Weißen Haus im Jahr 2023 endgültige Regelungen zur Prüfung vor. Die Regierung Biden stellte das Verfahren jedoch im April 2024 zurück, und die Regelungen wurden im Januar 2025 zurückgezogen.

„Die Regelungen der FDA zu Mentholzigaretten und aromatisierten Zigarren basieren auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und dienen dem Schutz der öffentlichen Gesundheit“, sagte Villanti. „Nach wie vor ist jeder fünfte Todesfall in den USA auf das Rauchen von Tabak zurückzuführen, und ein Ausbleiben von Maßnahmen in diesem Bereich wird dauerhafte Auswirkungen auf das Leben der Menschen und Gemeinschaften in den USA haben.“ (ac/BIERMANN)

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