Forschungsteam mahnt bei Schmerztherapie zur Vorsicht11. April 2019 Prof. Annette Becker (l.) und Dr. Annika Viniol analysierten Verschreibungsdaten von Schmerzmedikamenten. (Foto: Abteilung für Allgemeinmedizin) Die Medikamente Pregabalin und Gabapentin werden zunehmend bei allgemeinen chronischen Schmerzen eingesetzt, obwohl ihre Wirksamkeit bei dieser Anwendung zweifelhaft ist. Das schließen Medizinerinnen und Mediziner aus der Analyse von Verschreibungsdaten der Krankenversicherungen. Ursprünglich für die Behandlung von Epilepsie entwickelt, setzt man die Arzneistoffe Pregabalin und Gabapentin mittlerweile auch gegen neuropathische Schmerzen ein. „Den offensichtlich eher schwachen therapeutischen Wirkungen und dem vergleichsweise kleinen Anwendungsgebiet stehen jedoch stetig steigende Verschreibungszahlen in den vergangenen Jahren gegenüber“, erklärt Dr. Annika Viniol von der Philipps-Universität. Im Jahr 2015 belegte eines der derzeit verfügbaren Pregabalin-Präparate Platz 26 auf der Liste der umsatzstärksten patentgeschützten Arzneimittel und verursachte Nettokosten von 170 Millionen Euro für die gesetzliche Krankenversicherung. Viniol sowie ihre Kolleginnen und Kollegen untersuchten, wie Pregabalin und Gabapentin typischerweise angewendet werden, insbesondere bei Schmerzen. Hierfür nutzten die Autorinnen und Autoren anonymisierte Krankenversicherungsdaten von vier Millionen Versicherten, die dem Institut für angewandte Gesundheitsforschung Berlin zur Verfügung stehen. „Diese Daten enthalten Informationen über Medikamente, die Ärztinnen und Ärzte verordnet haben und die von Apotheken abgegeben werden“, erläutert die Marburger Medizinprofessorin Dr. Annette Becker, eine weitere Leitautorin der Studie. Die Ergebnisse des Forschungsteams zeigen zwei widersprüchliche Trends: Einerseits stiegen im Untersuchungszeitraum von 2009 bis 2015 die Anzahl der Verschreibungen Jahr für Jahr an; andererseits weisen die Daten nur bei etwa 25 Prozent der Betroffenen, die erstmals Pregabalin oder Gabapentin erhielten, auf eine typische neuropathische Schmerzstörung hin. Drei Viertel der Patientinnen und Patienten litten hingegen an chronischen Schmerzen, aber ohne eine neuropathische Schmerzkomponente. In 61 Prozent aller Fälle kam es zum Abbruch der Behandlung. „Offenbar werden die Medikamente häufig bei allgemeinen chronischen Schmerzen verschrieben, unabhängig davon, ob eine neuropathische Diagnose vorliegt“, fasst Viniol zusammen. Die hohe Abbruchrate lasse vermuten, dass die Verabreichung keinen therapeutischen Nutzen bringe oder dass unerwünschte Nebenwirkungen aufträten. „Wenn bereits mehrere Therapien wirkungslos waren, so greift man zu Pregabalin oder Gabapentin – in der Hoffnung, dass Nervenschmerz bei den Beschwerden eine Rolle spielt“, vermutet die Medizinerin. Das Fazit des Forschungsteams: „Ärzte und Patienten sollten bei der Verschreibung von Pregabalin und Gabapentin Vorsicht walten lassen.“ Viniol empfiehlt, auf konservative Maßnahmen zurückgreifen. Originalveröffentlichung: Viniol A. & al.: Prescribing practice of pregabalin/gabapentin in pain therapy: an evaluation of German claim data. BMJ Open 2019;9:e021535.
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