Frankreich meldet ersten Shamonda-Virus-Fall beim Menschen23. Oktober 2026 (Symbolbild) Foto: © Alexander Grey – pixabay.com Das Shamonda-Virus galt bislang als nicht auf Menschen übertragbar. In Frankreich ist nun ein infizierter immungeschwächter Patient gestorben. Prof. Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin nimmt eine Einordnung des Falles vor. In Frankreich ist das bislang nur bei Tieren festgestellte Shamonda-Virus erstmals bei einem Menschen nachgewiesen worden, der Anfang Oktober gestorben ist. Die Infektion wurde nach Angaben des Agrarministeriums bei einem Patienten mit schwerer Immunschwäche festgestellt, der wegen einer gravierenden Erkrankung in einer Klinik in Lyon behandelt wurde. Vor dem Tod des Patienten beobachtete Gehirnkomplikationen hingen nach den bisherigen Untersuchungen sehr wahrscheinlich mit der Shamonda-Infektion zusammen, hieß es weiter. Nach derzeitigem Wissensstand bestehe kein Gesundheitsrisiko für die allgemeine Bevölkerung, betonte das Ministerium. Das Shamonda-Virus galt bislang als nicht auf den Menschen übertragbar und war in diesem Sommer erstmals in Deutschland bei Rindern festgestellt worden, später auch vereinzelt bei Pferden. Die Infektion des französischen Patienten mit dem Erreger stelle den ersten dokumentierten Nachweis des Virus beim Menschen dar, teilte das Ministerium mit. Bei Rindern verliefen die Infektionen größtenteils mit milden Symptomen, wie das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) berichtete. Die Tiere bekommen Fieber und Durchfall, Milchkühe geben zudem weniger Milch. Bei Pferden wurden einzelne Infektionen mit schwerwiegenden Symptomen festgestellt. Sie zeigten zentralnervöse Störungen und nach ihrem Tod wurden hohe Viruslasten im Gehirn festgestellt, was auf die SHAV-Infektion als Todesursache hinweise, so das FLI. Europäische Gesundheitsbehörde beobachtet Situation aufmerksam Derzeit werde davon ausgegangen, dass die Infektion durch den Stich einer Mücke der Gattung Culicoides im Osten Frankreichs verursacht wurde. In dem Gebiet seien im Frühjahr und Sommer Infektionen von Tieren mit dem Shamonda-Virus gemeldet worden. Die europäische Gesundheitsbehörde ECDC erklärte, derzeit werde untersucht, ob das Virus den Tod des Menschen verursacht oder dazu beigetragen habe. Man beobachte die Situation aufmerksam, teilte die Behörde weiter mit. Erste dokumentierte Übertragung auf einen Menschen Erstmals registriert wurde das Virus 1965 in Nigeria. Übertragen wird es durch Gnitzen – also sehr kleine Stechmücken. Obwohl der Erreger bereits seit mehreren Jahrzehnten in Afrika und Asien zirkuliere, sei bislang noch kein Fall beim Menschen dokumentiert worden, erklärte das französische Agrarministerium. Es handele sich also um einen Ausnahmefall. In Deutschland wurde das Shamonda-Virus erstmals in diesem Sommer bei Rindern nachgewiesen. Nachweise bei Nutztieren gab es laut ECDC inzwischen auch in Österreich, der Schweiz, Belgien, Luxemburg, den Niederlanden, Spanien, Portugal, Italien und Irland. Laut FLI laufen in Deutschland erste Untersuchungen an, um festzustellen, ob Menschen Antikörper gegen das Shamonda-Virus aufweisen. Einordnung durch Experten Prof. Jonas Schmidt-Chanasit, Leiter der Abteilung Arbovirologie und Entomologie, Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM), Hamburg, ordnet die Bedeutung des Falls wie folgt ein: „Der erste dokumentierte menschliche Nachweis zeigt, dass das Shamonda-Virus grundsätzlich auch Menschen infizieren kann. Aus meiner Sicht sollte es deshalb bei ungeklärten Gehirnentzündungen als mögliche Ursache berücksichtigt werden – und insbesondere bei immunsupprimierten Patienten in Regionen, in denen das Virus im Tierbestand zirkuliert. Die bislang vor allem veterinärmedizinisch eingesetzten Nachweisverfahren müssen für menschliche Proben geprüft, gegebenenfalls angepasst und validiert werden. Darüber hinaus brauchen wir zuverlässige Antikörpertests für Seroprävalenzstudien, beispielsweise bei beruflich exponierten Personen in der Landwirtschaft und Tiermedizin. Damit ließe sich untersuchen, ob Menschen bereits unbemerkt Kontakt mit dem Virus hatten. Die entscheidende Frage lautet: Handelt es sich tatsächlich um die erste menschliche Infektion oder um die erste, die wir entdeckt haben? Mit unserer Forschung am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin wollen wir dazu beitragen, diese Fragen zu beantworten.“ Immungeschwächte Menschen „Eine ausgeprägte Immunsuppression könnte in diesem Fall sowohl die Infektion als auch den schweren Verlauf begünstigt haben. Entscheidend ist dabei die eingeschränkte Fähigkeit des Körpers, das Virus nach der Übertragung zu kontrollieren. Eine geschwächte Immunabwehr kann eine länger anhaltende Virusvermehrung und die Ausbreitung in verschiedene Organe, einschließlich des Nervensystems, ermöglichen. Beim West-Nil-Virus haben wir beispielsweise gut belegt, dass immunsupprimierte Menschen ein erhöhtes Risiko für schwere neurologische Erkrankungen haben. Für das Shamonda-Virus ist bislang offen, ob die Immunsuppression die menschliche Infektion überhaupt erst ermöglicht oder vor allem ihren schweren Verlauf begünstigt hat. Ebenso wissen wir noch nicht, ob und mit welchen Symptomen sich immungesunde Menschen infizieren können. Hinzu kommt ein möglicher diagnostischer Effekt: Bei schwer erkrankten, immunsupprimierten Patienten wird häufig besonders umfassend nach ungewöhnlichen Erregern gesucht. Das kann die Wahrscheinlichkeit erhöhen, eine solche Infektion überhaupt zu entdecken.“ Bedeutung von Gnitzen als Überträger „In der Tiermedizin sind Gnitzen seit Langem bedeutende Virusüberträger, etwa für das Schmallenberg-Virus und das Virus der Blauzungenkrankheit. Relevant ist insbesondere die Gattung Culicoides mit weltweit mehr als 1300 Arten. Viele der in Europa wichtigen Überträgerarten nehmen ihre Blutmahlzeit bevorzugt an Tieren auf, aber bestimmte Arten stechen auch Menschen. Als Überträger menschlicher Viruserkrankungen haben Gnitzen in Deutschland bislang keine etablierte epidemiologische Bedeutung. Der aktuelle Fall begründet deshalb vor allem weiteren Forschungsbedarf: Welche Arten könnten das Virus zwischen Tieren und Menschen übertragen, und wie häufig geschieht das tatsächlich? Eine allgemeine Gefährdung der Bevölkerung lässt sich aus diesem Einzelfall derzeit nicht ableiten. Auch die französischen Behörden sehen nach aktuellem Kenntnisstand kein identifiziertes Gesundheitsrisiko für die Allgemeinbevölkerung“, sagt Schmidt-Chanasit. „Viele der für die Tiergesundheit relevanten Gnitzenarten sind in Deutschland heimisch. Veränderte klimatische Bedingungen können ihre Aktivitätszeiten und die Möglichkeiten der Virusübertragung beeinflussen. Mildere Winter können die Saison verlängern und die Zeit mit geringer oder fehlender Vektoraktivität verkürzen. Innerhalb geeigneter Temperaturbereiche kann Wärme außerdem die Virusvermehrung in der Gnitze beschleunigen. Dadurch verkürzt sich die Zeit zwischen der Aufnahme eines Virus und der Fähigkeit, es beim nächsten Stich weiterzugeben. Wie stark diese Zusammenhänge speziell die Übertragung des Shamonda-Virus beeinflussen, muss noch untersucht werden.“ Und der Experte ergänzt: „Gleichzeitig bestehen bei der Überwachung und experimentellen Untersuchung von Gnitzen erhebliche Forschungslücken. Am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin haben wir über viele Jahre umfangreiche Kapazitäten zur Untersuchung von Stechmücken aufgebaut. Vergleichbare Möglichkeiten müssen wir für Gnitzen weiterentwickeln. Eine wesentliche Hürde ist, dass für viele epidemiologisch relevante Arten bislang keine dauerhaft etablierten Laborzuchten verfügbar sind. Das erschwert die Untersuchung ihrer Fähigkeit, bestimmte Viren aufzunehmen und weiterzugeben.“ Verwandte Erreger „Das Oropouche-Virus gehört zum Beispiel ebenfalls zu den Orthobunyaviren und verursacht in Lateinamerika große Ausbrüche beim Menschen. Es wird vor allem durch Gnitzen übertragen und inzwischen sind auch Übertragungen von der Mutter auf das ungeborene Kind dokumentiert. Diese Beobachtungen zeigen, welche humanmedizinische Bedeutung ein durch Gnitzen übertragenes Virus grundsätzlich entwickeln kann. Sie lassen sich jedoch nicht unmittelbar auf das Shamonda-Virus übertragen. Das eng verwandte Schmallenberg-Virus liefert ein anderes Bild: Nach seinem Auftreten in Europa wurden auch stark exponierte Personen untersucht, darunter Schäfer in Deutschland. Dabei fanden sich weder serologische noch molekulare Hinweise auf menschliche Infektionen. Die Verwandtschaft allein erlaubt somit keine verlässliche Aussage über das Risiko für den Menschen.“ Krankheitslast bei Tierherden „Bei Rindern kann die akute Shamonda-Infektion mit Fieber, Durchfall, Abgeschlagenheit und einem deutlichen Rückgang der Milchleistung einhergehen. In betroffenen Herden können viele Tiere gleichzeitig erkranken. Besonders relevant sind jedoch mögliche Folgen einer Infektion während der Trächtigkeit: Das Virus kann auf den Fetus übergehen. In Frankreich wurde Virus-RNA auch im Gehirngewebe abortierter Feten nachgewiesen. Aus Japan sind angeborene Fehlbildungen bei Kälbern nach einer Infektion im Mutterleib beschrieben, darunter Gelenkversteifungen und Veränderungen des zentralen Nervensystems. Neben den akuten Erkrankungen müssen wir deshalb insbesondere Fehlgeburten und Fehlbildungen sowie die damit verbundenen wirtschaftlichen Schäden im Blick behalten“, gibt der Leiter der Abteilung Arbovirologie und Entomologie des BNITM zu bedenken. Interessenkonflikte Prof. Dr. Jonas Schmidt-Chanasit: „Es können folgende Interessenkonflikte bestehen, die sich aus einem Beschäftigungsverhältnis, einer Teilhabe, einer Beratertätigkeit oder Zuwendungen für Forschungsvorhaben, Vorträge oder andere Tätigkeiten ergeben oder in den letzten fünf Jahren ergeben haben: EUROIMMUN – a PerkinElmer company, BASF, Siemens, Roche, Diasorin, Sanofi, Mahidol Universität, Vietnam Military Medical University, Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR), Bundesministerium für Gesundheit (BMG), Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), Instand e.V., Takeda, AstraZeneca, Pfizer, Chulalongkorn University, Valneva, Bavarian Nordic, Hermes Arzneimittel, CRM – Centrum für Reisemedizin, Johnson & Johnson.“ ________________________________________ FAQ des Friedrich-Loeffler-Institus zum Shamonda-Virus (Stand: 22.10.2026) FLI FAQ: Shamonda-Virus Steckbrief Shamonda-Virus des FLI (Stand: 22.10.2026) Steckbrief: Shamonda-Virus (SHAV) Mitteilung Agrarministerium: Virus Shamonda : une première détection chez l’être humain | Ministère de l’Agriculture, de l’Agro-alimentaire et de la Souveraineté alimentaire ECDC-Mitteilung: Severely ill patient in France becomes first ever human infected with Shamonda virus
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